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Grünstadt/Turin: Der „Ferrari fürs Volk”: 50 Jahre Fiat 124 Spider

Grünstadt/Turin : Der „Ferrari fürs Volk”: 50 Jahre Fiat 124 Spider

Der Fiat 124 Spider wird 50 Jahre alt - und pünktlich zum runden Geburtstag gibt es für den offenen Zweisitzer ein Comeback. Dass der Neubau auf einem anderen Modell basiert, stört die Fans wenig. Sie denken nur zu gerne an die großen Zeiten des Modells zurück.

Er ist so italienisch wie Badeferien an der Adria, Spaghetti Bolognese, Chianti aus der Korbflasche und Eis aus der Tüte: Kaum ein Auto verkörpert den Traum von Dolce Vita so sehr wie der Fiat 124 Spider. Besserverdienende mögen von seinem vornehmen Bruder bei Alfa Romeo schwärmen, die richtig Reichen von Maserati oder Ferrari. Doch für viele andere ist der vor fast genau 50 Jahren präsentierte Zweisitzer so etwas wie die in Blech gepresste Sehnsucht nach der Sonne des Südens. Nicht umsonst wurde der kleine Sportwagen knapp 20 Jahre lang nahezu unverändert gebaut und in dieser Zeit rund 200 000 Mal verkauft, meldet Fiat in Turin stolz.

Nach der Markteinführung des „AS-Spider” 1967 in Deutschland begann auch der Export in die USA, die für den Zweisitzer schnell zum wichtigsten Markt wurden. 1974 stellten die Italiener den Verkauf in Europa sogar ein und bauten das sogenannte CS-Modell nur für den Export. Als Fiat die Produktion Anfang der 1980er Jahre komplett stoppen wollte, sprang der langjährige Entwicklungspartner Pininfarina ein und produzierte den Dauerbrenner von 1982 bis 1985 kurzerhand weiter - in alter Form unter dem neuen Namen Spidereuropa.

Mehr als 30 Jahre nach dem Produktionsende hat Fiat diese Episoden in der Geschichte des Spider längst vergessen, schwelgt in der goldenen Vergangenheit und schwärmt wieder vom „klassischen italienischen Stil”, der dem Sportwagen ungeahnte Erfolge beschert habe.

Dass Fiat den Blick gerade jetzt so verklärt zurück wendet, liegt nicht allein am runden Jahrestag, der im November 2016 gefeiert wird. Sondern vor allem daran, dass es bald einen neuen Spider gibt: „Wir bringen die Legende zurück”, kündigt der Hersteller an und verspricht für den Sommer einen neuen 124 Spider.

Anders als vor 50 Jahren, als Fiat zur Premiere auf dem Turiner Salon die nagelneue 124er-Limousine für den Ausflug an den Badestrand umrüsten konnte, baut das Unternehmen den Nachfolger allerdings nicht auf einer eigenen Plattform. Der neue 124 Spider basiert nach Angaben von Firmensprecher Florian Büngener auf dem Mazda MX-5, den Fiat stilistisch retuschiert und mit eigenen Motoren ausrüstet. Wie der Erstling 1966, bekommt die Neuauflage einen 1,4-Liter-Benziner, der jetzt allerdings 103 kW/140 PS statt der früher 66 kW/90 PS leistet.

Diese Form der Entwicklung hat beim 124er eine gewisse Tradition. Schon damals haben nicht nur die Ingenieure die Technik aus der Großserie recycelt - auch das Design hat seinen Ursprung teilweise in einem anderen Modell.

Die als „charmanter Augenaufschlag” wahrgenommenen, weit in die Kotflügel zurück versetzten Rundscheinwerfer mögen originär sein, ebenso die von zwei Höckern durchzogene Motorhaube, die „Wespentaille” und der Knick in der Gürtellinie, die hinter der Tür deutlich ansteigt. Aber zumindest für den „Schwalbenschwanz” am Heck haben die Auftragsdesigner beim Fiat-Partner Pininfarina ihre Studie Rondine als Vorbild genommen, die auf die Chevrolet Corvette gemünzt war. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb der 124er anfangs vor allem in Amerika groß heraus kam und das Gros der Produktion über den Atlantik verschifft wurde.

Während die US-Kunden womöglich die Nähe zur Corvette gesehen haben, ist der Spider für Thomas Kullmann viel eher eine Art „Ferrari fürs Volk”: „Schließlich wurden die Ferrari dieser Zeit vom selben Designstudio entworfen”, sagt der Vize-Vorsitzende des Fiat 124 Spider Club Deutschland aus Weisenheim am Sand.

Zwar ist Kullmanns Spidereuropa von 1984 nicht so schnell wie die Sportwagen aus Maranello, räumt der Pfälzer ein. Aber erstens kann man mit dem hochdrehenden 2,0-Liter-Motor durchaus Fahrspaß haben, wenn 77 kW/105 PS und 149 Newtonmeter über die Hinterachse kaum mehr als 1000 Kilogramm Auto in Bewegung setzen. Zweitens will man angesichts der tosenden Winde, die schon bei Landstraßentempo hinter der steilen, schmalen Frontscheibe zu spüren sind, gar nicht wissen, wie stürmisch es bei der versprochenen Höchstgeschwindigkeit von 175 km/h wird. Und drittens ist der Fiat - anders als jeder Ferrari - ein bezahlbares Auto geblieben, sagt Thomas Kullmann: „Als der Spider 1966 eingeführt wurde, hat er rund 11 000 Mark gekostet, zum Ende der Produktion hin lag der Preis bei knapp 30 000 Mark. Und heute gehört er zu den Schnäppchen unter den Oldtimern.”

Exoten wie der Volumex mit seinem 99 kW/145 PS starken Kompressor-Triebwerk, mit dem Pininfarina den Spider im November 1985 in den Ruhestand geschickt hat, sind zwar ebenso teuer wie selten. Schließlich wurden davon nur 500 Exemplare gebaut. Weil Deutschland spätestens nach dem Ende der US-Exporte aber der wichtigste Markt für den Spider war, muss man nach Standardmodellen nicht lange suchen, sagt Kullmann. Schließlich haben allein die zwei großen Spider-Clubs in Deutschland jeweils rund 300 Autos in ihrer Mitgliederkartei.

Ein Bastelfahrzeug mit Reparaturstau gibt es deshalb schon für 3000 bis 4000 Euro, taxiert der Experte die Marktlage: „Und wer ohne Werkstattstopp in die Saison starten will, ist mit einem niedrigen fünfstelligen Betrag dabei.” Bei einem Schätzpreis von rund 23 000 Euro für den Nachfolger ist das Original daher eine Überlegung wert.

Ähnlich unkompliziert wie die Anschaffung sei der Unterhalt, sagt Kullmann. Wie jeder Oldtimer sei zwar auch der Spider rostanfällig. Angesichts der Auswahl rät er deshalb zu einem kritischen Blick auf die Radläufe und die Grundträger. „Doch die mechanische Qualität ist besser als der Ruf früher Fiat-Modelle. Und wenn mal etwas kaputt geht, gibt es dank der eingesetzten Großserientechnik problemlos Ersatzteile”, erklärt Kullmann. Er selbst hat das bislang aber nicht ausprobieren müssen: „Obwohl ich meinen Spider jetzt schon seit zwölf Jahren fahre, bin ich noch nie liegen geblieben”, sagt der Sammler und klopft auf das Leder über dem mit Vinyl bezogenen Armaturenbrett.

Dann löst Kullmann mit zwei Handgriffen die Schnapphaken am Scheibenrahmen, lässt die Seitenfenster in Zeitlupe elektrisch heruntersurren, wirft das Verdeck hinter die breite, ungepolsterte Rückbank - und freut sich auf den Frühling. Noch ist es zwar etwas frisch auf den kleinen Kunstledersesseln, und die Heizung kämpft vergeblich gegen die März-Kälte an. Doch die nächste Ausfahrt seines Clubs kann Kullmann kaum erwarten. Nach Pfingsten geht es schließlich mit einem großen Spider-Corso zum Fiat-Stammsitz nach Turin.

Dort hofft der Club-Vize auch auf eine erste Begegnung mit dem neuen 124 Spider. Denn während viele Kritiker über den Ausverkauf einer Legende klagen und über die Wurzeln bei Mazda schimpfen, kann der Fiat-Fan seine Freude über das Comeback kaum verhehlen. Es sei schön, dass die Marke „endlich mal wieder ein leidenschaftliches Auto baut”, sagt er. „Und solange das Herz von Fiat kommt und das Design sich am Original orientiert, ist doch alles in Ordnung.” Ob er sich gleich einen kaufen wird? So weit geht die Liebe dann noch nicht - zumindest solange ihn sein gut 30 Jahre alter Spider nicht im Stich lässt.

(dpa)