Fahrbericht: Der Citroen Berlingo Shine XL ist ein Raumriese mit Charme

Fahrbericht : Der Citroen Berlingo Shine XL ist ein Raumriese mit Charme

SUVs scheinen allgegenwärtig. Citroen liefert mit seinem Hochdachkombi Berlingo einen gelungenen Gegenentwurf zu den Modemodellen. Er bietet vergleichbare Vorteile, macht manches besser als die trendigen SUVs und bietet viel Platz, sehr viel Platz in der XL-Version mit 4,75 Metern Länge.

Die Nutzfahrzeugoptik hat er inzwischen innen wie außen abgelegt und präsentiert sich nun als durch und durch praktisches Familienauto mit zeitgemäßer Technik. Optisch unterstreicht der Berlingo seinen eigenständigen Status mit einer bulligen Frontpartie, Plastikverkleidung längs den Flanken sowie einem angedeuteten Unterfahrschutz. Pragmatismus pur.

Das Fahrverhalten erweist sich, wie man es von einem echten Familienauto erwartet, sicher und frei von fahrdynamischen Verlockungen. Der Wagen rollt komfortabel dahin. Der Vierzylinderdiesel (Euro 6d-Temp/130 PS) ist gut gedämmt und besitzt ausreichend Reserven für eine entspannte Fahrt. Schon bei 1750 U/min liefert der Motor sein maximales Drehmoment von 300 Newtonmeter (Nm).

Etwas überraschend ist im ersten Moment die recht lange Übersetzung des manuellen Sechsgang-Getriebes, die allerdings im Fahrbetrieb sich als sehr angenehm erweist. So kann man recht schaltfaul fahren und ist selbst bei Autobahntempo noch in einem recht niedrigen Drehzahlbereich unterwegs. Entsprechend bleibt es selbst bei hohem Tempo im Innenraum angenehm leise.

Wer partout will, kann aus dem Stand auf Tempo 100 in etwas über zehn Sekunden sprinten (Werksangaben) und mit 184 km/h seinem Ziel entgegeneilen. Doch solche Verlockungen halten sich angesichts der Fahrcharakteristik in Grenzen, zumal die Lenkung sich nicht als fahrdynamisches Zutat erweist. Familienfreundlicher Fortbewegung entspricht ebenfalls das Zusammenspiel von Dämpfern und Federn. Mit seinem weichen Set-up überkuschelt der Berlingo kleine Unebenheiten, wogt aber bei langen Wellen intensiv nach und zeigt in Kurven spürbare Wankneigungen. Bei nur einem Hauch von kritischem Fahrzustand bremst das ESP den Berlingo sichernd ein. Die Prospektangabe von 4,5 Liter Verbrauch je 100 Kilometern sollte man dort belassen und sich auf knapp sieben Liter einstellen.

Innen spielt der Kombi seine Trümpfe voll aus. Als 4,75 Meter langer XL mit sieben Sitzen und zwei Schiebetüren, wächst der Laderaum hinter der großen Klappe mit der separat zu öffnenden Scheibe auf bis zu 1050 Liter. Zudem gibt es 28 Ablagen mit noch einmal 186 Litern Stauraum bis in die Dachkonsole. Im Fußraum des Fonds befinden sich zwei Bodenfächer und mittig durch das Fahrzeug zieht sich eine Dachablage aus Kunststoffglas, welches es leicht macht, dort deponierte Gegenstände wieder zu finden. Weniger verwöhnt der Berlingo mit soften Oberflächen oder Leder.

Ein bisschen wirken dem entgegen der Leder bezogene Schalthebel aus Metall, das Head-up-Display, eine schicke Bedieneinheit der Klimaautomatik mit kleinen, digitalen Temperaturanzeigen oder der große, feststehende Touchscreen mittig im Armaturenbrett. Die Bedienung im Berlingo gibt wenig Rätsel auf, auch wenn der Funktionsumfang groß ist. Fast alle Funktionen sind auf dem acht Zoll großen Touchscreen gebündelt, platziert oben auf der Mittelkonsole und dem Fahrer zugeneigt.

Nach einer gewissen Eingewöhnung lässt sich das Infotainmentsystem einfach bedienen, selbst wenn man bestimmte Funktionen etwas länger suchen muss. Praktisch - zur Regelung der Lautstärke gibt es einen großen Drehknopf. In Sachen Infotainment und Connectivity bietet der Berlingo eine schnelle Verbindung zum Smartphone, ein gutes Navi und eine leichte Bedienung über den großen Touchscreen. Knöpfchen und Schalter gibt es nicht mehr viele. Unpraktisch im Alltag ist, dass der Tankdeckel mit dem Schlüssel betätigt werden will oder etwa der reichlich versteckt positionierte Knopf, um den Spurassistenten zu deaktivieren.

Der, ein Notbremssystem und eine Verkehrszeichenerkennung gehören zur Serienausstattung. Ein adaptiver Geschwindigkeitsregler ist ebenso optional erhältlich wie ein Totwinkelassistent.

Sich dem eigenwilligen Charme des Berlingo zu entziehen, ist schwer - wenn man ihn einmal erfahren hat. Die Zielgruppe bekommt ein Gesamtpaket, das durchaus etwas Luxus bietet, vor allem aber hohe Alltagstauglichkeit. Die Verarbeitung stellt zufrieden Die Materialien sind aber einfach gehalten. Der Listenpreis von 28.590 Euro ist zwar kein Schnäppchenangebot (Testwagenpreis: 31.040 Euro), die umfangreiche Ausstattung relativiert ihn aber wieder etwas. Dafür bekommen Familien oder etwa Besitzer von mehreren Hunden ein funktionales, flexibles, sehr geräumiges Arbeits- und Transportfahrzeug und nicht einen zu einem Pseudo-Abenteurer aufgeblasenen SUV, mit weniger Platz auf zu viel Raum samt hohem Verbrauch.

(amv)
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