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Mexiko-Stadt: Außen hui, innen pfui: Autoexportnation Mexiko schwächelt daheim

Mexiko-Stadt : Außen hui, innen pfui: Autoexportnation Mexiko schwächelt daheim

Die mexikanische Autoindustrie eilt von einem Rekord zum nächsten. Die meisten Fahrzeuge gehen in den Export, der Binnenmarkt hinkt hinterher. Importierte Gebrauchtwagen aus den USA, die schwache Kaufkraft und hohe Zinsen verhageln den Händlern das Geschäft.

Die Autoproduktion und der Fahrzeugexport eilen seit Jahren von einem Rekord zum nächsten. Im vergangenen Jahr liefen in Mexiko 3,2 Millionen Pkw vom Band, 9,8 Prozent mehr als noch 2013. Damit stieg das Land nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie (Amia) zum siebtgrößten Hersteller der Welt auf. Die meisten Autos gehen ins Ausland. So exportierte Mexiko im vergangenen Jahr 2,64 Millionen Wagen, ein Zuwachs um 9,1 Prozent.

Auf dem Binnenmarkt hingegen kommt die Branche nicht so recht in den Tritt. So lag der Absatz im vergangenen Jahr noch immer unter dem Wert von 2006, als rund 1,14 Millionen Wagen verkauft wurden. Verantwortlich für die Flaute daheim sind nach Einschätzung von Experten die immer noch recht schwache Kaufkraft vieler Mexikaner und teuere Kredite für die Fahrzeugfinanzierung. Zinsen von bis zu 30 Prozent sind in Mexiko keine Seltenheit.

Und dann sind da noch die Gebrauchtwagenimporte aus den USA - für die Vertreter der mexikanischen Automobilbranche der Ursprung allen Übels. „Wir müssen die Einfuhr dieser Schrottautos stoppen, um einen gesunden Gebrauchtwagenmarkt zu schaffen und die nationale Fahrzeugflotte wirklich zu erneuern”, sagt Amia-Präsident Eduardo Javier Solís Sánchez.

Seit 2005 wurden über sieben Millionen Gebrauchtwagen nach Mexiko importiert. „Das hat der Entwicklung unseres Binnenmarktes dramatisch geschadet”, sagt der Vorsitzende des Verbands der Autohändler (Amda), Guillermo Prieto Treviño. Sein Kollege vom Verband der Nutzfahrzeugehersteller (Anpact), Miguel Elizalde Lizarraga, warnt vor Konsequenzen für den Arbeitsmarkt: „Jeder gebrauchte Bus, der in unser Land importiert wird, bedeutet einen Arbeitsplatz weniger.”

Mit ihrer Klage über die Schwemme der sogenannten „Schokoladenautos” bewegen sich die Verbandsfunktionäre freilich auf dünnem Eis. Wie kaum ein anderes Land profitiert Mexiko von seiner offenen Wirtschaft, mit über 40 Staaten hat es Freihandelsabkommen geschlossen. Die internationalen Autokonzerne betonen immer wieder, dass gerade das Freihandelsabkommen Nafta mit den USA und Kanada den südlichen Nachbarn Mexiko als Produktionsstandort so attraktiv mache.

„Wir haben nie gesagt, wir wollten die Grenze schließen, wir wollen nur einen fairen Wettbewerb”, sagt Amda-Chef Prieto Treviño. Vor allem mehr als zehn Jahre alte Autos werden so günstig gehandelt, dass mexikanische Gebrauchtwagen mit den Importen kaum konkurrieren können. Auch der Autoteile-Industrie ist die Einfuhr der Gebrauchten ein Dorn im Auge. „Viele Fahrzeuge werden nach ein paar Monaten ausgeschlachtet. Davon haben wir nichts”, sagt der Präsident des Verbands der Zulieferer (INA), Oscar Albin.

Derzeit liefern sich die Verbände einen juristischen Schlagabtausch mit den Importeuren. Beide Seiten haben Dutzende einstweilige Verfügungen erwirkt, selbst der Oberste Gerichtshof hat sich bereits mit der Materie befasst. Leuchtendes Beispiel für die Funktionäre ist Brasilien, wo der Import gebrauchter Autos bis auf wenige Ausnahmen verboten ist. Allerdings wirbt die andere große Autobauernation Lateinamerikas auch nicht so aggressiv mit seinen offenen Märkten.

„Das ist doch ein Widerspruch: Mexiko profitiert viel mehr von seinen Freihandelsabkommen, als dass sie schaden”, sagt Wirtschaftsprofessor Raúl Morales Chávez. Er macht drei andere Faktoren für die geringe Binnennachfrage nach Autos verantwortlich: Zu geringes verfügbares Einkommen, zu teure Kredite und zu hohe Steuern auf Neuwagen. „Wir brauchen mehr Wirtschaftswachstum”, sagt der Wissenschaftler von der Universität Unam in Mexiko-Stadt. „Wenn die Mexikaner mehr Geld in der Tasche haben, kaufen sie auch mehr und teurere Autos.”

(dpa)