Ingolstadt: Audi R8 Spyder V10 5.2 FSI quattro: Nach oben unbegrenzt

Ingolstadt: Audi R8 Spyder V10 5.2 FSI quattro: Nach oben unbegrenzt

Mit dem R8 ist Audi ein Sportwagen der Extraklasse gelungen - vor allem in der Cabrio-Version „Spyder“. Optisch selbst vier Jahre nach seiner Verkaufspremiere immer noch ein absoluter Blickfang, technisch nahezu perfekt, mit exzellenter Verarbeitung und einem hohen Sicherheitsniveau tummelt sich der Zweisitzer erfolgreich in einer Liga, die bislang allenfalls italienischen Sportwagenherstellern, Porsche oder Mercedes vorbehalten war.

Der Zehnzylinder-Motor (525 PS) bietet Fahrleistungen jenseits jeglicher Diskussion und lässt sich andererseits durchaus in moderater Gangart bewegen. Dem Mensch am Steuer ist allerdings neben einem kühlen Umgang mit den verführerischen Fahrleistungen ein hohes Mass an Kommunikationsbereitschaft und der Verzicht auf misanthropische Attitüden zu empfehlen.

Immer wieder gezückte Handy-Kameras, hochgereckte Daumen sowie stetige Bitten um technische Informationen sind alltägliche Begleiter. Mitunter allerdings auch gesenkte Daumen verbunden mit lauten Geschimpfe über solchen unzeitgemäßen automobilen Unfug. Wie auch immer, unauffällig mit dem Boliden aus Bayern geht nicht. Das zeigt sich desgleichen auf der Autobahn. Einerseits machen dem Spyder selbst notorische Linksfahrer in PS-starken Business-Limousinen bereitwillig Platz. Andererseits fühlt sich mancher Fahrer eines mäßig getunten Mittelklassewagens herausgefordert und legt es deshalb auf eine Wettfahrt an.

Ein ziemlich witzloses Unterfangen. Mit 525 PS, 530 Newtonmeter Drehmoment, einem Sprintwert von 4,1 Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde (km/h) und einem Spitzentempo von 313 km/h werden Gegner rar. Kurven jeglicher Couleur lassen sich messerscharf abzirkeln. Leistung gibt es im Überfluss, wenn man die Maschine entsprechend hochdrehen lässt, und dies wiederum bereitet in Verbindung mit dem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe Riesenspaß. Der wird akustisch akzentuiert mit einer fulminanten Klangpalette. Nach dem Start schon, bei langsamem Rollen oder Beschleunigen, brüllt der Zehnzylinder förmlich seine Kraft heraus.

Ahnungslose Passanten drehen da schon einmal erschrocken den Kopf. Unterwegs wird das Klangkonzert dann leiser, oder zumindest empfindet man es so, und ein gewisser Fahrkomfort stellt sich ein. Dessen Grenzen offenbaren sich allerdings bereits beim Besteigen des Wagens: Eine gewisse körperliche Geschmeidigkeit ist im Umgang mit dem R8 Spyder kein Nachteil. Der Platz hinter dem Volant ist förmlich maßgeschneidert, auch angesichts der zupackenden Sitzpolster, die vielfach elektrisch betrieben feinjustiert werden können.

Erfreulicherweise verzichtet die Aluminium-Karosserie auf übertriebene Aggressivität. Alles ist auf Dynamik ausgelegt. Das Heck des Spyder zieren zwei silbern glänzende Bänder mit Öffnungen zur Lüftung des Mittelmotors. Die seitlichen Lufteinlässe sind nicht wie beim Coupé abgedeckt, sondern liegen wie offene Kiemen hinter den Türen.

Als Haube über dem Passagierabteil setzt Audi ein klassisches Stoffdach ein, das geöffnet komplett im Heck verschwindet. Trotz hervorragender Dämpfungseigenschaften wiegt das Verdeck gerade einmal 42 Kilo. Die Heckscheibe ist in diesem Fall nicht in das Dach integriert, sondern fährt elektrisch aus den Tiefen des Raums nach oben. Auf Knopfdruck kann die sie aber auch versenkt werden. Damit dient das hintere Fenster entweder als zusätzliches Windschott oder mutiert bei geschlossenem Verdeck zur Luftluke. Noch schöner ist es aber, das gesamte Dach zu öffnen. Nur 19 Sekunden dauert der Vorgang und ist bis Tempo 50 möglich.

Über Gepäck zu reden wäre hier ebenso unsinnig wie den Flanierkomfort von Fußballschuhen zu erörtern. Das gilt ebenso für den Spritverbrauch.

15 Liter dürfen als Minimum gelten. Dank Allradantrieb legt der Spyder ein überraschend gutmütiges, selbst bei sehr hohen Geschwindigkeiten tückenfreies Fahrverhalten an den Tag. Die Quattro-Technik sichert bestmögliche Traktion. Die Fahrstabilität ist dank optimaler Gewichtsverteilung durch das Mittelmotorkonzept und fein abgestimmtem ESP eine Klasse für sich. Der Wagen bleibt mit leichter Neigung zum Untersteuern stets gut kontrollierbar und selbst in hohen Geschwindigkeitsbereichen sicher und beherrschbar.

Zwar lässt sich der Einsatz des ESP in zwei Stufen regulieren - so kann man für eine besonders sportliche Fahrweise einen Modus wählen, in dem ausgeprägte Drifts zugelassen werden und der Eingriff erst sehr spät erfolgt - aber man sollte sein persönliches Können richtig einschätzen und ebenso die jeweiligen Fahrbahnverhältnisse. Sonst kann es teuer werden. Zu dem aufwendigen Fahrwerk passen die etwas bissig ansprechenden Bremsen und die Lenkung: Sie arbeitet mit hoher Präzision und bar jeglicher Nervosität.

Gut 11.000 Euro mehr als der Roadster kostet das Vergnügen, auf ein Blechdach zu verzichten. Serienmäßig an Bord sind LED-Scheinwerfer, ein großes Navigationssystem und eine Musikanlage von Bang und Olufsen. Doch solch ein aufwändiges Soundsystem erscheint ziemlich überflüssig. Die richtige Musik liefert autoaffinen Naturen der Zehnzylinder - vor allem bei geöffnetem Verdeck.

(amv)
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