Aachen: Randsportarten in Aachen: Das Jonglieren mit Wurst und Bier

Aachen : Randsportarten in Aachen: Das Jonglieren mit Wurst und Bier

American Football ist ein Prügelsport, den nur Rowdys spielen. Ein Vorurteil, dass sich viele Jahre in den Köpfen hierzulande eingeprägt hat. „Das stimmt mittlerweile aber nicht mehr“, sagt Gerrit Ervig vom einzigen Aachener Football-Verein, den Vampires. Der 41-Jährige ist seit einigen Jahren Vorsitzender der Blutsauger und sieht eine positive Entwicklung in seinem Sport — trotz einiger Probleme.

Einen erheblichen Einfluss auf diese Entwicklung hat auch die Berichterstattung im Fernsehen. „In Deutschland würde ich Football nicht mehr als Randsportart bezeichnen. Jeden Sonntag werden im Free-TV Spiele übertragen; aktuelle Themen wie Trumps Aussagen über NFL-Spieler gehen durch die Medien“, sagt Ervig. In Aachen hakt es seiner Meinung nach allerdings an anderen Stellen: „Es fehlt uns zwar mittlerweile nicht mehr an Mitgliedern. Unser größtes Problem sind die logistischen Voraussetzungen.“

Picknick statt Tribüne: Das wollen die Aachen Vampires am liebsten bald
Picknick statt Tribüne: Das wollen die Aachen Vampires am liebsten bald Foto: Ingo Werner/Tyrone Schwark

Das war nicht immer so. In Aachen wird seit 2005 Football im Trikot der Vampires gespielt. Im Jahr 2006 waren aber gerade einmal 26 Mitglieder im Verein — das reichte nicht einmal, um eine Mannschaft aufzustellen. Schließlich gehören einem Football-Team mindestens 50 Spieler an. Auch der Aufbau einer Jugendmannschaft gestaltete sich schwierig. „Wir hatten gute Jahrgänge dabei, konnten die Jungs aber nicht mehr halten. Die sind dann hauptsächlich nach Köln abgewandert. Das ging so weit, dass wir sogar unser Jugendteam aus dem Spielbetrieb nehmen mussten“, sagt Ervig.

Viele Zuschauer, aber keine Tribüne

Das ist jetzt Vergangenheit. Das U19-Team feierte jüngst eine perfekte Saison und grüßte in der Verbandsliga mit 6:0-Siegen von der Tabellenspitze. Mittlerweile zählt der Verein rund 330 Mitglieder — und zieht an einem Heimspieltag mehrere hundert Zuschauer ins Ludwig-Kohnen-Stadion im Aachener Gillesbachtal.

Und genau darin liegt eines der Probleme der Vampires: Es fehlt eine angemessenen Tribüne. „Bei uns sitzen die Zuschauer auf einem Hügel neben dem Spielfeld. Da gibt es nur Gras. Am vergangenen Spieltag habe ich einen Zuschauer beobachtet, wie er ohne Stuhl versucht hat, eine Wurst und sein Bier regelrecht zu jonglieren. Das geht so nicht“, sagt Ervig. Im Gegensatz zu Fußballvereinen, können die Vampires nicht auf Bestandsstrukturen zurückgreifen, erklärt der Vorsitzende weiter. Und: „Eine Genehmigung etwa für eine Tribüne bei der Stadt durchzubringen ist sehr schwierig.“

Er könne zwar verstehen, dass städtisches Geld nicht für jede Trendsportart so schnell zur Verfügung stehen kann. „Aber wir haben uns in Aachen mittlerweile etabliert.“ Außerdem sehen die Vampires optimistisch in die Zukunft: „Wir rechnen damit, dass wir zu Heimspielen bis zu 1000 Zuschauer anlocken können. Dafür muss aber auch das Drumherum stimmen.“

Im Winter wird es eng

Dazu fehlt aber nicht nur eine Tribüne. Mit dem Blick auf den nahenden Winter graust es Ervig jetzt schon. „Denn dann kriegen wir große Probleme.“ Im Gegensatz zum Fußball können die Footballer im Winter nicht auf Asche ausweichen. Ohne Kunstrasen ist ein vernünftiges Training kaum möglich — vor allem mit Blick auf die steigende Verletzungsgefahr. Auch ein Ausweichen in eine Turnhalle ist kompliziert. „Da wird es bei mehr als 50 Spielern pro Trainingseinheit schnell eng. Doch freie Kunstrasenplätze in Aachen zu finden, ist fast unmöglich.“ Deswegen läuft unter anderem auch aktuell eine Anfrage der Vampires für Fördergelder bei der Stadt. „Sollten wir das Geld bekommen, wäre das ein weiterer großer Schritt für uns“, sagt Ervig. „Damit können wir den Sport für unsere Mitglieder — und für unsere Zuschauer — deutlich attraktiver gestalten.“

Trotz der finanziellen Schwierigkeiten sieht er gute Chancen für Randsportarten. „Bei uns ist es beispielsweise so, dass viele massigere Sportler zu uns kommen. Die sitzen woanders oft nur auf der Bank — hier werden sie zu Führungsspielern.“ So habe jede Sportart seine ganz eigenen Argumente, Mitglieder zu gewinnen. Man müsse nur erkennen, wo diese liegen. Sobald dann auch die Rahmenbedingungen stimmen, komme der sportliche Erfolg von ganz alleine. „So sieht es jedenfalls bei den Vampires aus.“

Außerdem sei es für Vereine wichtig, Präsenz zu zeigen. „Das geht mit den Sozialen Medien heutzutage ja viel leichter als früher“, sagt Ervig. Zudem arbeiten die Footballer mit dem Aachener Baseball- und Eishockeyverein zusammen. „Am morgigen Tag der Vereine präsentieren wir uns geschlossen als ,American Sports‘. Wir wollen kooperieren und uns nicht um neue Mitglieder streiten.“ Konkurrenz haben sie schließlich durch den Fußball schon genug.

(tys)