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Aachen: Zwei Sichtweisen auf Israel und die Westbank

Aachen : Zwei Sichtweisen auf Israel und die Westbank

Die Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 wird im arabischen Sprachgebrauch zusammengefasst unter dem Begriff „Nakba“ — Katastrophe.

Es ist ein Sinnbild für den Kernkonflikt im Nahen Osten, der bis heute andauert. Mit Ghaleb Natour und Rolf Verleger hatte die Erholungs-Gesellschaft Aachen am Samstag zwei Wissenschaftler zu Gast, die ihre eigenen Sichtweisen auf das zerrüttete Verhältnis zwischen Israelis und Palästinensern darlegten.

Ghaleb Natour lebt seit 1979 in Deutschland, arbeitet als Physiker und ist Vorsitzender des Vereins zur Förderung des Friedens in Israel und Palästina. „Was die Nakba betrifft, leidet Israel leider bis heute an einer kollektiven Amnesie“, sagte er. Seit 2011 gebe es in Israel sogar ein Gesetz, welches es Institutionen verbiete, der Flucht und Vertreibung der über 700.000 Palästinenser zu gedenken. Auch die heute noch bestehenden, so genannten autonomen Gebiete der Palästinenser würden diese Bezeichnung nicht verdienen.

„Israel hat die vollständige Kontrolle über die Westbank, kann dort jederzeit Leute festnehmen und erschießen“, schilderte Natour die Situation. Es sei ein ständiger Zustand der Besatzung, unter dem die Menschen im Gaza-Streifen und der Westbank zu leben hätten.

Natour hält die Zwei-Staaten-Lösung für unrealistisch: „Dafür ist es schon zu spät.“ Stattdessen seien zwei Szenarien denkbar. Ein binationaler Staat, in dem Israelis und Palästinenser gemeinsam leben würden, oder ein Judenstaat, in dem Palästinenser eigene, abgegrenzte Gebiete zugesprochen bekämen. Das käme aber einem Apartheid-System gleich.

Repräsentative Studie

Mit dem Antisemitismus und dem Antizionismus in Deutschland setzte sich der Psychologe Rolf Verleger auseinander. Er hat eine repräsentative Studie der Universität Konstanz zu diesen Themen wissenschaftlich begleitet.

Mit den Ergebnissen der von ihm vorgestellten Studie widerlegte er indes die Vorstellung eines stereotypen Antisemiten. So wurden vor allem persönliche Charakteristika untersucht, wie etwa die generelle Einstellung zu Gewalt, ethische Wertevorstellungen und die Haltung gegenüber Israel und Palästina — mit erstaunlichen Resultaten. Es zeigte sich unter anderem, dass Menschen, die Israel gegenüber positiv eingestellt sind, eher antisemitische Haltungen vertreten als jene, die eher mit Palästina sympathisieren.

Verleger warnte außerdem vor allzu viel Zurückhaltung der Deutschen dem israelischen Staat gegenüber. „Vor aktuellem Unrecht zu schweigen, ist nur die Folge einer anderen deutschen Tugend; dem Mitläufertum“, sagte er. Auch einen wachsenden Antisemitismus sehe er in Europa nicht. „Es stimmt nicht, dass wir derzeit eine antisemitische Welle erleben. Was wir jetzt sehen, sind die Auswirkungen des Krieges im vergangenen Sommer.“