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Größte britische Oppositionspartei: Pro-Europäer Keir Starmer wird neuer Labour-Chef

Größte britische Oppositionspartei : Pro-Europäer Keir Starmer wird neuer Labour-Chef

Die Labour-Partei hat einen neuen Vorsitzenden: Keir Starmer. Der Jurist will in der Corona-Krise keine „Opposition um der Oppositions willen“, sondern verspricht Johnson Untersütztung.

Labour hat wieder eine Führung. Der 57-jährige Londoner Keir Starmer wurde am Samstag der neue Vorsitzende der größten britischen Oppositionspartei, nachdem er sich in einer Mitgliederwahl deutlich mit 56,2 Prozent der Stimmen gegen zwei Mitbewerberinnen durchsetzen konnte. Er löst Jeremy Corbyn ab, der im Dezember Labour zur größten Wahlniederlage seit 1935 geführt hatte.

Keir Starmer versprach am Sonntag eine „verantwortliche Opposition“, die „konstruktiv mit der Regierung arbeitet“, sprach aber zugleich „ernste Fehler“ im Kampf gegen das Coronavirus an und forderte den Premierminister Boris Johnson auf, seine Pläne für eine Exit-Strategie zu veröffentlichen.

Die Briten hoffen, dass mit Keir Starmer die Vernunft bei Labour zurückkehrt. Und die Genossen hoffen, dass wieder Einheit in der Partei einkehrt. Unter Jeremy Corbyn war Labour zerrissen. Der stramm linke Kurs Corbyns wurde von der Basis begrüßt, aber von der Unterhausfraktion in Frage gestellt. In den letzten beiden Jahren hatte Corbyns inkompetenter Führungsstil Labour immer belangloser wirken lassen.

Starmer dagegen ist auf dem moderaten und gemäßigt linken Flügel der Partei zu verorten. Als Labours Brexit-Sprecher und überzeugter Pro-Europäer konnte sich der gelernte Jurist mit seinem forensischen Auftreten im Unterhaus Respekt verschaffen. Als charismatisch kann man ihn nicht bezeichnen, aber Nüchternheit, Kompetenz, Scharfsinn und Glaubwürdigkeit wären durchaus Attribute, die sich mit ihm verbinden lassen. In ernsten Coronazeiten dürften die Briten den Kontrast zur Frohnatur ihres Premierministers Boris Johnson begrüßen.

Zumal das Land zur Zeit eine Führungskrise erlebt. Boris Johnson hat sich mit dem Virus infiziert, verbleibt mit Fieber in Selbstisolation und lässt andere Kabinettsmitglieder wie den Gesundheitsminister Matt Hancock die täglichen Pressekonferenzen leiten, der immerhin einen leidlich kompetenten Eindruck machen konnte.

Während die Zahl der Coronaopfer unaufhaltsam ansteigt – am Samstag vermeldete man einen Sprung von 708 Verstorbenen – wird das Gefühl eines nationalen Traumas immer größer. Daher meldete sich am Sonntagabend die Queen mit einer Rede zu Wort, um der Nation, wie sie sagte, „in zunehmend herausfordernden Zeiten“ Mut zu machen.

Unterstützung für Boris Johnson

Bis zu 18.000 Beatmungsgeräte, gab Gesundheitsminister Matt Hancock am Sonntag bekannt, werden bis zum Höhepunkt der Krise benötigt werden. Die Zahl verrät das potentielle Ausmaß der Corona-Seuche im Königreich.

In dieser Situation kommt auch auf Keir Starmer eine wichtige Rolle zu. Er hat Boris Johnson angerufen und ihm seine Unterstützung versichert. Es gehe ihm um „konstruktives Engagement“, erklärte er in einem Gespräch mit der BBC, und er werde „keine Opposition um der Opposition willen“ betreiben. Jetzt gäbe es die Pflicht, Leben zu retten.

Dennoch werde Labour aber „schwierige Fragen stellen, um auf Fehler hinzuweisen, damit sie behoben werden können.“ Starmer forderte eine Diskussion über die Exit-Strategie, die seiner Ansicht nach aus einer „Kombination von Tests und Impfungen“ bestehen müsse. Daher sollte, so der neue Labour-Chef, die Regierung schon jetzt mit den Plannungen beginnen, wie Massenimpfungen durchgeführt werden können.