Mendy Cahans jiddische Bibliothek im Omnibusbahnhof von Tel Aviv

Young Yidish : Eine Oase mitten in der lärmenden Leere

Von einem Mann, der an einem verlassenen Ort mitten in Tel Aviv den richtigen Lebensraum für seine Schätze gefunden hat.

Die zu dünne Betondecke über Mendy Cahans Kopf vibriert bedrohlich, als ein Omnibus darüber fährt. Die Wände zittern, die achtsam einsortierten Bücher wackeln in den Regalen, die Weingläser auf der Theke klirren und drohen umzukippen. Das Geräusch ist so laut, dass den Besuchern der Atem stockt, sie fühlen sich, als würde die Decke über ihnen jeden Moment einstürzen. Doch für Mendy Cahan bedeutet der tosende Lärm genau das Gegenteil von Gefahr. Es bedeutet Heimat.

An diesem ungewöhnlichen Platz im Herzen Tel Avivs ist es Mendy Cahan gelungen, mitten in dem paradoxen Spannungsfeld zwischen ohrenbetäubendem Lärm und unsagbarer Leere einen Raum zu schaffen, der vor Liebe, Leben, Geschichte und Geschichten sprüht. Es ist ein intimer Ort mitten in der Öffentlichkeit. Hier, im Untergeschoss des Busbahnhofs von Tel Aviv, der einst der größte der Welt war, ist Cahans Jiddische Bibliothek das einzig Lebendige inmitten hunderter leerstehender Ladenlokale.

Hunderte Meter durchs Labyrinth

Der Lärm hat längst alle Ladeninhaber vertrieben. Auf Kundschaft hatten sie vergebens gehofft. Die Leere dort unter der Erde ist gespenstisch. Wer Cahan besuchen will, muss sich zunächst – wie in Israel üblich – einer Durchsuchung nach Waffen unterziehen. Dann geht es hunderte Meter durch das unterirdische, weiß geflieste Labyrinth. Die Schritte hallen von den Glasfassaden wider. Hier und da haben sich Künstler die leeren Räume zunutze gemacht, um ihre Werke auszustellen: Rechts ein Puppenkopf, der auf einen Schirmständer geschraubt wurde, links eine Kinderpuppe mit Sturmhaube und blutverschmiertem Kleid. Dahinter riesige Augen aus Papiermaché, die jeden Schritt, den man sich tiefer in den Irrgarten dieser unterirdischen Welt traut, be­obachten.

Plötzlich ist sanfte Musik zu hören. Ein Akkordeon und eine Trompete scheinen sich gegenseitig zu umgarnen. Ihre Stimmen weisen den Weg zu Cahans Oase mitten in diesem gottverlassenen Ort. Hier hat der große, schlacksige Mann mit den langen grauen Haaren und dem liebevollen Blick genug Raum für seine Schätze gefunden. Abertausende jiddische Bücher stehen in Regalen, häufen sich auf Tischen und in Kartons. Hinter großen schwarzen Vorhängen türmen sich Kisten und Kartons voller Werke, die es noch zu sortieren gilt. Es sind so viele, dass Cahan sie sogar gestapelt hat, um die brüchigen kalten Betonwände zu verbergen und den Lärm etwas zu dämpfen.

Gründer des Young Yidish: Mendy Cahan. Das Kulturzentrum Young Yidish ist Konzertsaal, Proberaum, Museum und Bibliothek in einem. Foto: Annika Thee

Wie kommt ein einziger Mann an so viele Bücher? Und was hat er mit ihnen vor? Bei der Frage zieht sich ein Lächeln über das bärtige Gesicht, das ihn viel älter erscheinen lässt, als er in Wirklichkeit ist. Cahan ist 55 Jahre alt, doch seine traditionelle Kleidung, seine bedachten Gesten und etwas vornüber gebeugte Haltung lassen ihn deutlich älter wirken. Er fährt sich nachdenklich mit seiner knochigen Hand über den Bart und beginnt mit sanfter Stimme seine Geschichte zu erzählen. Er schließt seine müden Augen, so, als könnte er sich dann besser erinnern.

Cahan wächst als Sohn orthodoxer jüdischer Eltern, die den Holocaust überlebt haben, in Belgien auf. Mit 18 zieht er für das Studium nach Jerusalem. Hier wird hebräisch gesprochen, nur ultra-orthodoxe Juden, für die Hebräisch eine heilige Sprache ist, sprechen untereinander jiddisch. Er vermisst seine Muttersprache, beginnt viele jiddische Bücher zu lesen, für einen jiddischen Radiosender zu arbeiten und in Jerusalem Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren. Der junge Cahan sucht dafür nach jiddischer Literatur, aber er findet kaum Bücher. Eine jiddische Bibliothek gibt es zu dem Zeitpunkt in ganz Israel nicht. Also beschließt er, selbst eine zu gründen. Während seiner Radiosendung bittet er seine Zuhörer, ihm alte jiddische Bücher zu schicken. Mit Erfolg. Buch für Buch wächst Cahans Sammlung, sie wächst bis heute. Erst eröffnet er die erste jiddische Bibliothek in Jerusalem, doch schon bald besitzt er viel mehr Bücher, Zeitschriften und Zeitungen, als er dort unterbringen kann.

Wenn Cahan über seine Bücher spricht, kann man die Liebe in seiner Stimme heraushören. Seine Ausdrucksweise wird zärtlich, seine Augen leuchten auf, seine Mundwinkel ziehen sich zu einem erfüllten Lächeln nach oben. Es gibt nichts, was Cahan so sehr liebt wie die Bücher. Daher machte er sich 2006 auf, mehr Platz für sie zu finden. „Lebensraum“, wie er es nennt. So findet er den 400 Quadratmeter großen Raum im Busbahnhof von Tel Aviv und behält gleichzeitig die kleine Bücherei in Jerusalem.

Foto: Annika Thee

Die Kultur am Leben halten

In Tel Aviv gründet Cahan das gemeinnützige Kulturzentrum Young Yidish im Omnibusbahnhof, mit dem er die jiddische Kultur auf seine Weise lebendig halten will. In dem großen unterirdischen Raum entsteht Kunst, es gibt Lesungen und Konzerte. Bands versuchen, mit ihren E-Gitarren und Verstärkern gegen den Bahnhofslärm anzuspielen. Alle Künstler verfolgen das gleiche Ziel: Sie wollen das kulturelle Erbe fortführen und der jiddischen Sprache neues Leben einhauchen. Der Ort wird Proberaum, Bühne, Museum und Bücherei in einem.

Alle, die das Young Yidish als Probe- oder Veranstaltungsraum nutzen, zahlen eine kleine Gebühr. Nur so kann Cahan die Miete und Kosten für Strom und Instandhaltung zahlen. 360 Schekel, knapp 90 Euro, muss Cahan am Tag einnehmen, um über die Runden zu kommen. Er arbeitet als Schauspieler am Theater in Tel Aviv, als Sänger und als Literaturwissenschaftler. Jeder Schekel wird in das Kulturzentrum gesteckt, denn finanzielle Unterstützung für sein Projekt erhält er kaum. So hangelt sich Cahan von Monat zu Monat.

Manchmal ist er selbst verblüfft darüber, was er mit seiner gemeinnützigen Organisation erreicht hat. „Erstaunlich, was geschaffen werden kann, um die jiddische Kultur am Leben zu halten. Ganz ohne ein jiddisches Ministerium für Bildung oder gar ein Kultusministerium“, sagt er und lässt seinen warmen Blick im gedimmten Licht über seine Lieblinge schweifen. Für Cahan bleiben die Bücher das Herzstück seiner Arbeit. Sie sind sozusagen die Hauptdarsteller des Kulturzentrums.

Und wenn man Cahan Glauben schenken mag, hat jedes einzelne der 60 000 Exemplare eine Seele. Er behandelt jedes mit Respekt und Liebe, egal, ob es ein Buch von Karl Marx ist, ein Groschenroman oder ein alter Bestseller, ob es Sammlerwert hat oder ob er die fünfte Version des „Dschungelbuch“ neben seinen Kameraden einsortiert. Jedes Buch erzählt seine eigene Geschichte, die Cahan eifrig aufsaugt, bevor er es sorgsam in eines der wackeligen Regale schiebt.

Ob er ein Lieblingsbuch hat? Beinahe entrüstet reagiert er auf die Frage. Er legt seinen Zeigefinger auf seine Lippen, um zu signalisieren, dass er über dieses Thema nicht sprechen will. „Doch nicht hier vor den Kindern“, sagt er hastig, als könnten die Bücher ihn hören. So intim wie sein Verhältnis zu ihnen ist, so offen ist er dafür, seine Leidenschaft und seine Begeisterung zu teilen. Die Bücherei steht jedem offen, zumindest zum Schmökern. Manchmal verirren sich Touristen hierher oder Obdachlose, die sich dort aufwärmen wollen.

Von Zeit zu Zeit stolpern Neugierige herein, die der Musik gefolgt sind. Sich umsehen darf jeder, ausleihen dürfen die Bücher aber nur Menschen, die Cahan kennt und denen er genug vertraut, dass sie seine Schützlinge mit Würde und Vorsicht behandeln und vor allem auch wieder zu ihm zurückbringen.

Mit Autoren in Kontakt treten

60 000 Bücher hat Mendy Cahan bisher gesammelt. Die meisten wurden von von Menschen abgegeben, die die jiddischen Werke im Nachlass ihrer Verwandten fanden. Fotos: Annika Thee. Foto: Annika Thee

Sein wichtigstes Ziel hat Cahan mit der Öffnung des Kulturzentrums bereits erreicht. Er will, dass die Bücher präsent sind. Digitalisiert und für die Nachwelt festgehalten werden sie inzwischen in anderen Bibliotheken und Universitäten. „Für die Zukunft ist gesorgt, meine Aufgabe ist die Gegenwart“, sagt er.

Hier im Omnibusbahnhof geht es darum, einen Ort zu schaffen, an dem die Menschen eine Verbindung zu den Büchern herstellen können. „Die Menschen können herkommen, die Bücher anfassen, ihren Geruch wahrnehmen. Denn das ist der einzig mögliche Weg, physisch mit ihren Autoren in Kontakt zu treten.“

Einst hat Cahan selbst ein Buch geschrieben, aber ein Schriftsteller wollte er dann doch nicht werden. „Wenn ich die Bücher sehe, denke ich, dass alles schon gesagt ist. Ich habe nichts hinzuzufügen“, sagt er leise. Es scheint ein Gedanke zu sein, der ihn nicht traurig macht, sondern erfüllt, eine Last von ihm nimmt. „Ich bin kein Schreiber, ich bin ein Leser.“

Klezmer-Lieder und Mashke

Wenn Cahan doch mal schreibt, dann sind es jiddische Lieder. Über Geschichten aus seinen Büchern oder aus seinem Leben, denn beides ist unmöglich voneinander zu trennen. Manchmal stimmt er in ein Klezmer-Konzert mit ein, das im Young Yidish stattfindet und bei dem traditionelle jiddische Volksmusik gespielt wird, wie sie schon seit dem 15. Jahrhundert von Juden in Europa gespielt worden ist.

An diesem Abend singt Cahan ein altes jiddisches Lied über „Mashke“, ein Gläschen Schnaps. Als das Lied beendet ist und er selbst zwei Schnaps getrunken hat, hält er das leere Glas an sein Herz. „Wenn ich einmal beerdigt werde, dann mit einem Glas Mashke, damit ich der erste sein kann, der mit dem Messias anstoßen kann, wenn er kommt. Denn er wird kommen“, sagt er.

Zum ersten Mal wendet Cahan die Augen von seinen Büchern ab. Er schaut an die graue Betondecke, aber sein Blick lässt keinen Zweifel daran, dass er durch die Decke in den Himmel schaut.

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