„Astro-Alex“ wohlbehalten in der Heimat: Gerst „müsse sich für seine Generation entschuldigen“

„Astro-Alex“ wohlbehalten in der Heimat : Gerst „müsse sich für seine Generation entschuldigen“

Alexander Gerst streckt kurz nach der Landung seine rechte Faust in die Luft, jubelt und lacht. Die Strapazen des Rückflugs von der Internationalen Raumstation ISS zur Erde sind dem Astronauten nicht anzusehen. Auf eines freute sich der 42-Jährige besonders: seine Familie.

Nach sechseinhalb Monaten im All waren Gerst, sein russischer Kollege Sergej Prokopjew sowie die US-Astronautin Serena Auñón-Chancellor am Donnerstag gegen 6 Uhr (MEZ) in der Steppe von Kasachstan in Zentralasien gelandet. Die Raumkapsel war an einem Fallschirm hängend auf dem Boden aufgeschlagen.

Wegen der Schwerelosigkeit auf der Internationalen Raumstation ISS waren die Raumfahrer direkt nach der Landung auf Hilfe angewiesen. „Der Hauptgrund ist der Kreislauf. Man möchte nicht, dass die Astronauten umkippen. Das Blut sackt in die Beine und fehlt eventuell im Gehirn“, erläutert die Weltraummedizinerin Claudia Stern vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Es gebe auch Astronauten, die erstmal Probleme mit dem Gleichgewicht hätten. „Sie haben Schwindel, weil die Informationen von den Sensoren im Körper und den Augen nicht mit der Lage zusammenpassen. Die Sensoren im Gehirn müssen sich neu anpassen.“

Zunächst war der Russe Sergej Prokopjew aus der Kapsel geholt worden, dann folgte seine US-Kollegin Serena Auñón-Chancellor und schließlich Gerst, sichtlich glücklich und guter Dinge. Der 42-Jährige wurde auf einem Stuhl von der Sojus-Raumkapsel weg getragen. Er lachte, winkte und setzte sich eine Mütze auf. Er freue sich darauf, seine Familie zu sehen, sagte er. Traditionell wurde den Raumfahrern ein Apfel gereicht.

Nach ärztlicher Untersuchung sei die Besatzung der Sojus-Kapsel „MC-9“ mit einem Hubschrauber nach Karaganda in Kasachstan geflogen, schrieb Dmitri Rogosin, Leiter der Raumfahrtbehörde Roskosmos, am Donnerstag auf Twitter. Der 42-Jährige war zuvor mit seinem russischen Kollegen Sergej Prokopjew und der US-Astronautin Serena Auñón-Chancellor in Zentralasien gelandet.

In Karaganda trenne sich die Crew, erklärte Rogosin. Der russische Kosmonaut fliege in das Sternenstädtchen bei Moskau. Für Gerst und Auñón-Chancellor geht es zunächst in einem Flugzeug der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa nach Norwegen. Von dort reist der deutsche Raumfahrer weiter nach Deutschland. Die US-Astronautin fliegt zurück in ihre Heimat.

Zurück in der Heimat

Gerst landete am Donnerstagabend dann auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn. Gerst verließ die Maschine mit einer Mütze auf dem Kopf und aufrecht gehend. Applaus brandete auf. „Ich freue mich total, wieder nach Hause zu kommen“, sagte Gerst. „Jetzt hier in Köln zu sein, da wo ich wohne, da wo ich zu Hause bin, ist besonders schön.“ Er freue sich nun auf „einen großen Teller Salat“.

In Köln sagte Gerst, dass er als Kind immer gedacht habe, dass der Weltraum ein sehr besonderer Ort sei. Mittlerweile habe er aber realisiert, dass das komplett falsch gewesen sei. „Der einzig wirklich besondere Ort, den wir kennen und an dem wir leben können, an dem wir sein können ohne großen Aufwand: Das ist die Erde“, sagte er. Sogar dem eher unwirtlichen Wetter konnte er daher etwas abgewinnen. Einen Dezembertag mit Nieselregen und Kälte empfinde man normalerweise ja nicht als sehr schön. Bei ihm sei das aber anders. „Ich rieche den Boden, den Regen“, sagte er. Vielleicht mache er schon bald mal einen Spaziergang durch das Siebengebirge.

Am Flughafen wurde Gerst von Kollegen, Weggefährten und einigen Politikern in Empfang genommen. Auch der ehemalige deutsche Astronaut Thomas Reiter war gekommen. Mit seinen zusammen 363 Tagen im All hat Gerst mittlerweile dessen Rekord gebrochen. Der aus dem baden-württembergischen Künzelsau stammende Geophysiker ist nun nach seinen zwei Missionen der Deutsche mit der längsten Weltraumpraxis.

Gersts nächstes Ziel war das sogenannte Envihab, eine medizinische Forschungsanlage des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln. Er sollte dort seine erste - recht kurze - Nacht verbringen. „Als Erstes werde ich auseinandergenommen in wissenschaftlichen Versuchen. Ich habe jetzt hier schon im Flug mehrere Experimente durchgemacht“, berichtete er. Unter anderem soll nun sein Gehirn gescannt werden, um Rückschlüsse auf die Behandlung von Schlaganfall-Patienten zu ziehen. „Das sind so wichtige Sachen, da spendiere ich auch gerne meine erste Nacht auf der Erde für.“

Nach den körperlichen Strapazen der Allmission muss sich Gerst nun auch selbst erholen und wieder zu Kräften kommen. Die Schwerkraft setzt ihm zu. „Es ist alles extrem schwer“, berichtete er. Wenn er Sachen hochhebe, zum Beispiel ein Smartphone, dann fühle es sich dreimal schwerer an - wie aus Blei. „Selbst ein Blatt Papier fühlt sich an wie ein Stück Pappe.“ Insgesamt sei er aber selbst überrascht, wie gut es ihm bereits gehe.

Die Landung in der Raumkapsel habe er auch gut überstanden, sagte Gerst. Auch wenn es ein kleines technisches Problem bei seinem Kollegen gegeben habe, der nicht mehr habe kommunizieren können. Daher habe er seinen Teil der Aufgaben übernehmen müssen und sich sehr auf die Arbeit konzentriert. „Ich musste quasi für zwei Personen arbeiten“, sagte Gerst.

Die Weihnachtstage wird Gerst voraussichtlich im privaten Kreis verbringen können. Er hat dann frei und muss nur sein Sportprogramm weiterführen. Schon am Morgen hatte Gerst gesagt, dass er sich darauf freue, seine Familie wiederzusehen.

Ob er noch mal ins All fliegen wird, ist ungewiss. Darauf angesprochen sagte er in Köln aber: „Ich meine: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.“

„Harte Tage“ für Gerst

In den kommenden Tagen muss Gerst zahlreiche medizinische und wissenschaftliche Untersuchungen über sich ergehen lassen. „Bis Weihnachten kommen auf den Alexander Gerst noch mal einige harte Tage zu, wo wir ein sehr eng getaktetes Programm haben“, sagte Seine. „Diese ersten paar Tage nach der Rückkehr sind für die Umstellung des Körpers und der Körperfunktionen sehr wichtig und das wollen die Wissenschaftler natürlich beobachten.“

Seine zufolge war Gerst nach der Landung in der kasachischen Steppe „putzmunter“. „So wie er aussah, erwarte ich, dass er keine großen Schwierigkeiten haben wird.“ Einige Anpassungsschwierigkeiten an die Schwerebedingungen der Erde seien in den nächsten Tagen normal. „Beim Anfassen von Tassen, beim Heben von Dingen, aber auch beim um die Kurve gehen kann es durchaus noch mal kleinere Malheurs geben, einfach weil der Körper eine andere Reaktion erwartet als dann stattfindet.“

Der Freitag beginnt demnach für den Astronauten um 6 Uhr mit einer „Batterie von Tests“ und einer ersten Physiotherapie-Einheit - Feierabend ist erst nach einem 12-Stunden-Tag gegen 18 Uhr.

Am 27. Dezember gehe es dann weiter mit seinen Tätigkeiten. Die Mission sei noch nicht zu Ende, noch müssten die Ergebnisse ausgewertet werden, sagte Gerst nach der Landung.

Rückflug aus dem All

Der Rückflug von der Internationalen Raumstation ISS hatte mehr als drei Stunden gedauert. Dabei wirkten zeitweise massive Kräfte auf die Raumfahrer. „Ich kann kaum atmen, weil meine Zunge so stark an den Gaumen gedrückt wird“, beschrieb Gerst 2014 seinen Rückflug von seiner ersten ISS-Mission. „Es gibt eine Landung. Willkommen zu Hause“, twitterte die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos schließlich.

Temperaturen von etwa minus zehn Grad warteten auf die Raumfahrer. Sie waren am 6. Juni zur ISS aufgebrochen. Es war Gersts zweite Mission auf dem Außenposten der Menschheit. Der 42-Jährige aus dem baden-württembergischen Künzelsau hatte Anfang Oktober als erster Deutscher das Kommando auf der ISS übernommen. Am Dienstag übergab er es an seinen russischen Kollegen Oleg Kononenko.

197 Tage schwebten Gerst und sein Team rund 400 Kilometer über den Kontinenten und Ozeanen in etwa 90 Minuten einmal um den Erdball. Die Nasa hat ausgerechnet, dass die Raumfahrer 3152 Mal die Erde umrundet haben. Die Auswirkungen auf den Körper sollen nun analysiert werden.

Weihnachten mit der Familie

Weihnachten kann Gerst in privatem Kreis verbringen. „Ja, er hat an den Feiertagen frei, lediglich Sport und Training zum Zwecke der Regenerierung und Rehabilitation müssen durchgeführt werden“, erklärte ein Sprecher des Europäischen Astronautenzentrums in Köln. Außerdem wird Gerst in den nächsten Tagen einen Chauffeur benötigen. „Er wird nicht selber Auto fahren können.“ Das liege daran, dass nach der Rückkehr aus der Schwerelosigkeit noch Auswirkungen auf das Gleichgewichtsorgan auftreten können.

Chef der europäischen Astronauten

Esa-Chef Jan Wörner sagte im ARD-„Morgenmagazin“, dass er sehr erleichtert sei. Gerst könne sein Sohn sein und er sei als Chef der europäischen Astronauten verantwortlich für ihn. „Es war fantastisch, sein Gesicht zu sehen. Es geht ihm gut.“ Großartige Arbeit für Wissenschaft, Klimaschutz und Menschheit habe Gerst geleistet, twitterte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier. „Vorbild für uns alle!“ Neben Fotos etwa von Wirbelstürmen und der Crew im Halloween-Kostüm hatte „Astro-Alex“ auch viele nachdenkliche und mahnende Botschaften über soziale Medien verbreitet.

Bürgermeister von Künzelsau

Die Rückkehr von Alexander Gerst auf die Erde hat auch in seiner baden-württembergischen Heimatstadt Künzelsau für Freude und Erleichterung gesorgt. „Gänsehautgefühl und Spannung pur waren das“, sagte Bürgermeister Stefan Neumann am Donnerstag. „Als ich endlich den lachenden Alexander Gerst auf dem Bildschirm gesehen habe, kam dann auch Erleichterung dazu. Ich und wir in Künzelsau sind froh und glücklich, dass unser Ehrenbürger wieder gesund auf der Erde gelandet ist.“ Er wollte Gerst demnach noch am Abend in Köln treffen. „Ich bin gespannt, wie er seinen Rückflug zur Erde schildert und überhaupt darauf, was er zu erzählen hat, wie es ihm geht.“ Seine Heimatstadt Künzelsau plant für nächsten Sommer eine große Feier zu Ehren Gersts.

Astronaut Ulf Merbold

Der frühere deutsche Astronaut Ulf Merbold hat Alexander Gerst zurück auf der Erde begrüßt. „Das ist super, er macht einen guten Eindruck. (...) herzlich willkommen“, kommentierte Merbold im Nachrichtensender n-tv Live-Bilder, die zeigten, wie Gerst aus der Sojus-Raumkapsel kommt. Dass der deutsche Astronaut aus dem baden-württembergischen Künzelsau heil zurück auf die Erde gekommen ist, sei „wundervoll“, so der erfahrene Astronaut. Merbold, der bislang als einziger Deutscher dreimal im All war und in Stuttgart lebt, lobte zudem den Einsatz der Rettungsmannschaften.

Für viel Aufmerksamkeit im Netz sorgte Gersts letzte Video-Botschaft vor der Rückkehr, eine fünfminütige „Nachricht an meine Enkelkinder“. Er müsse sich für seine Generation entschuldigen, sagt er darin. „Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation, euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden.“ Die Menschheit sei dabei, das Klima zu kippen, Wälder zu roden, Meere zu verschmutzen und die limitierten Ressourcen viel zu schnell zu verbrauchen. Die Erde sei ein „zerbrechliches Raumschiff“ und er hoffe, dass „wir noch die Kurve kriegen.“ Kein anderes Video wurde am Mittwoch in Deutschland häufiger auf Facebook geteilt.

Als Sternschnuppe werde er wieder nach Hause kommen, schrieb der 42-Jährige kurz vor dem Abflug auf Twitter. Er habe jeden Tag auf die Erde geschaut und könne „sich einfach nicht daran sattsehen“. Seit dem Jahr 2000 forschen ohne Unterbrechung Raumfahrer im Weltraumlabor. Wie wohl kein ISS-Mitglied zuvor ließ Gerst die Welt über Social-Media-Botschaften und Fotos an seinem Abenteuer teilhaben.

Gersts Mission will einen Beitrag für den Fortschritt auf der Welt leisten. Allerdings waren es am Ende weniger Experimente als zu Beginn im Juni geplant waren. Der Fehlstart einer russischen Sojus-Rakete Mitte Oktober zur ISS hatte den Zeitplan durcheinander gewirbelt. Lange war auch unklar, ob Gerst und seine Crew Weihnachten zu Hause feiern können. Gerst hatte Anfang Oktober als erster Deutscher das Kommando übernommen.

Die Panne war nicht die einzige Sache, die seinen Aufenthalt im All überschattete. An seiner Sojus-Kapsel, mit der er nun wieder sicher zur Erde zurückkam, tauchte ein Loch auf, das mit einem klebstoffgetränkten Spezialtuch abgedichtet wurde. Wie es dazu kam, wird noch untersucht. Der deutsche Raumfahrer bringt wichtige Proben dafür mit.

Wie es mit Alexander Gerst weitergeht, ist noch nicht klar. In seiner letzten Video-Botschaft von der ISS sagt er, wenn auch nicht explizit auf sich bezogen, dass „die Zukunft wichtiger ist als die Vergangenheit, dass Gelegenheiten immer nur einmal kommen und man für Dinge, die es wert sind, auch mal ein Risiko eingehen muss“.

Experten halten es für wahrscheinlich, dass Gerst noch einmal ins All fliegt, vielleicht sogar zum Mond. Die USA wollen 2023 erstmals seit Jahrzehnten wieder den Mond umrunden - mit einem bemannten Orion-Raumschiff, das derzeit in Zusammenarbeit mit Europa entsteht. Der Leiter der aktuellen Gerst-Mission, Volker Schmid vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), sagt: „Ich gehe davon aus, dass er noch mal fliegt.“

Nach Angaben von Roskosmos ist der nächste bemannte Start zur ISS für den 1. März 2019 geplant.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Astronaut Alexander Gerst von der ISS zurückgekehrt

(dpa)
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