Migranten an der US-Südgrenze: Eingepfercht wie Vieh hinter Stacheldraht

Migranten an der US-Südgrenze : Eingepfercht wie Vieh hinter Stacheldraht

Täglich versuchen Hunderte Migranten, die US-Südgrenze zu überqueren. Die Beamten gehen nicht zimperlich mit ihnen um. Ein Besuch.

Zehn Tag lang machte Marita kein Auge zu. Zusammen mit ihrem Vater Ernesto und Hunderten anderer Flüchtlinge aus Zentralamerika kauerte die junge Frau verängstigt unter der „Paso del Norte”-Brücke, die die US-Großstadt El Paso und die mexikanische Millionenmetropole Juarez miteinander verbindet. Seit 2008 sind sie durch einen massiven Grenzzaun getrennt. Vorläufige Endstation einer Flucht vor Gewalt und Armut, die vor 14 Tagen in einem Dorf in Guatemala begonnen hatte.

Während sich oben ein nicht abreißender Strom an Fußgängern, Autos und LKW frei zwischen den USA und Mexiko bewegte, saßen unter der Grenzbrücke mehr als 1200 Flüchtlinge aus Zentralamerika fest. Eingepfercht wie Vieh hinter Maschendrahtzaun und Stacheldraht. „Es war einfach schrecklich“, erzählt die 16-Jährige nach der Ankunft im gelobten Land von ihrer Erfahrung.

Die Beamten der „Customs and Border Protection” (Zoll- und Grenzschutzbehörde der USA) drückten Marita eine Decke aus Mylar in die Hand, die wie ein großes Stück Aluminium-Folie aussieht. Diese half weder gegen den harten Schotter auf dem Boden noch die eisige Kälte oder den Staub. Schwerer als der ständige Hunger oder die Angst vor den Ratten aber seien die Schreie der Kinder zu ertragen gewesen.

„Es war schlimmer, als alles, was wir auf dem Weg durch Mexiko erlebt hatten.” Eine Erfahrung, die Flüchtlinge unabhängig voneinander in diesem Frühjahr immer wieder berichten. Kurz bevor das Lager unter der Brücke geschlossen wurde, kamen Marita und ihr Vater auf freien Fuß. Mit der strengen Auflage, vor Gericht zu erscheinen, wenn ihr Asylverfahren eines Tages gehört wird. Das kann Jahre dauern, weil es jetzt schon einen Rückstau von 855.000 Fällen gibt.

Jetzt wartet sie in einem Motel am Stadtrand von El Paso auf ihre Weiterreise zu Verwandten nach Tampa im US-Bundesstaat Florida. Noch Tage später hat die abgemagerte Marita dunkle Ringe unter den Augen. Aber sie ist froh, frische Kleidung zu haben, duschen zu können und auf herzliche Menschen, wie Alyssa Gillis (27), zu treffen. Die Spanisch-Lehrerin aus South Carolina hat unbezahlten Urlaub genommen, um den Flüchtlingen in El Paso zu helfen.

Alyssa arbeitet seit Januar für das „Annunciation House“, ein kirchliches Durchgangslager, das dafür sorgt, dass die von den Grenzern ausgesetzten Menschen nicht auf der Straße landen. Es sei „ein aufregender Moment“, den Flüchtlingen in der Hotel-Lobby sagen zu können, „dass sie nun frei sind, und zu ihren Angehörigen reisen dürfen“, sagt die Freiwillige.

Das andere Amerika

Die Initiative geht auf Ruben Garcia (70) zurück, der seit vier Jahrzehnten Migranten in El Paso hilft. Weil die Aufnahme-Kapazitäten längst nicht mehr ausreichen, die täglich rund 750 Neuankömmlinge zu versorgen, wandelte Garcia ein Warenlager zu einer Notunterkunft um. Auch für die 55 Räume, die Alyssa managt, zückte der „Engel von El Paso” die Kreditkarte. Hier lernen die Flüchtlinge das andere Amerika kennen, das seine Arme weit geöffnet hat. Neben Alyssa sorgen fünf Freiwillige für das, wie sie sagen, „am besten organisierte Chaos“. Darunter Debbie Mulligan (53) aus Philadelphia, die Fahrdienste erledigt. Oder die Ärztin Martha D’Ambrosio (64) aus Colorado Springs, die hilft, Flug- und Bustickets für den Weiter-Transport zu organisieren. „Ich bin empört, was mein Land macht”, erklärt sie ihre Motivation. „Das ist nicht das Amerika, das ich kenne.”

Den Ton für den Umgang mit den Flüchtlingen hat der US-Präsident höchstpersönlich gesetzt. „Wir sind voll”, hetzte Donald Trump im März bei einer Kundgebung an der Grenze. „Das sind alles illegale Einwanderer. Wir können niemanden mehr aufnehmen.”

Tatsächlich passten die Neuankömmlinge des vergangenen Monats alle in ein großes Football-Stadion. Bei ihnen handelt es sich nicht mehr um junge Desperados aus Mexiko, die auf der Suche nach Arbeit über die Grenze kommen. Stattdessen tauchen seit 2014 vor allem Familien und allein reisende Kinder aus Honduras, Guatemala und El Salvador auf.

„Weder Zäune, Mauern noch Grenzbeamte können sie daran hindern”, sagt die Politologin Irasema Coronado, „denn ein Antrag auf Asyl ist nach US-Recht legal”. Ungefähr drei von vier Schutzsuchenden können bei der Erstbefragung glaubhaft darlegen, begründete Angst vor Verfolgung zu haben. Behandelt werden sie trotzdem wie Kriminelle. Während ihrer Erfassung werden sie in überfüllten Haftanstalten festgehalten, die so unterkühlt sind, dass sie bei den Flüchtlingen einfach nur „Hielera“ (Kühlbox) heißen.

In seiner Wut über die Aussicht, binnen Jahresfrist mehr Flüchtlinge aufnehmen zu müssen, wie die von ihm so oft gescholtene Bundeskanzlerin Angela Merkel, feuerte Trump kürzlich seine Heimatschutz-Ministerin Kirstjen Nielsen. Die Frau, die mit der Zwangstrennung von Familien an der Grenze für einen globalen Aufschrei gesorgt hat, gilt dem Präsidenten als zu „soft”.

Dabei ist Nielsen nicht nur dafür mitverantwortlich, dass Grenzbeamte Eltern ihre Kinder wegnahmen und oft Tausende Kilometer entfernt in Pflegeeinrichtungen brachten. Ohne diese Politik hätte es auch das Internierungslager von Tornillo nicht gegeben, einer Zeltstadt vor den Toren El Pasos, in der zeitweilig bis zu 2800 Jugendliche festsaßen. Über Wochen, manchmal sogar Monate.

Der Jesuit Rafael Garcia (65) gehört zu den wenigen Außenstehenden, die das streng abgeschirmte Lager hinter Stacheldraht besuchen durften, um an vier Sonntagen die Messe zu lesen. Was er dort mitbekam, empfand der Ordensmann als „surreal”. In zwei Schichten hätten in dem militärisch organisierten Lager Hunderte Aufpasser gearbeitet.

Tornillo erinnerte Garcia „an eine Kreuzung aus Disneyland und einem Konzentrationslager”. Es sei ein „unmoralischer Platz” und „Symbol einer völlig falschen Politik”. Aufgrund massiver Proteste verschwand der Schandfleck im Januar 2019. Bevor das Lager geschlossen wurde, sicherte Garcia Kunstwerke, die dessen Insassen geschaffen hatten.

Einen Teil davon zeigt die Ausstellung „Uncaged Art” (Befreite Kunst) an der Universität von EL Paso. Die beiden Geschichtsprofessoren Yolanda Leyva (52) und David Romo (55) wollen damit ein Zeichen gegen das Vergessen setzen. Auffällig häufig hätten die Jugendlichen den Papageien-Vogel „Quetzal” gezeichnet, ein Freiheitssymbol in Zentralamerika. „Einen Quezal kannst Du nicht einsperren“, erklärte ein Junge das Motiv. „Er stirbt sonst vor Traurigkeit.”

„Das ist organisierte Kindesmisshandlung”, hält Romo der Regierung vor. Seine Kollegin Leyva meint, El Paso sei wegen seiner Abgeschiedenheit historisch stets ein Experimentierfeld für die Grenzpolitik gewesen. Deshalb wundere es sie nicht, dass die drei Autostunden von der nächsten größeren Stadt gelegene Region heute „Ground Zero” für Trumps Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik sei.

Der ehemalige Chefredakteur der „El-Paso Times”, Bob Moore, beobachtet, wie der Präsident hier versucht, Gesetze und Gerichte mit Abschreckung zu umgehen. „Er gebraucht Grausamkeit als Instrument seiner Politik.” Trump mache Schikane zur Methode. So hätten US-Grenzer auf der „Paso del Norte“-Brücke wiederholt Menschen zur Umkehr gezwungen, bevor diese ihren Antrag auf Asyl stellen konnten.

Moores Frau Kate erzählt, wie Beamte 150 Flüchtlinge mittellos an einer Greyhound-Busstation ausgesetzt hätten – am Tag vor Heiligabend. „Weihnachten in Amerika”, sagt Kate, die in einer gemeinsamen Kraftanstrengung mit dem „Annunciation House” und der Stadt die Menschen von der Straße holte.

Derweil wird Trump nicht müde, den Ballungsraum am „Paso del Norte“ in den düstersten Farben darzustellen. Als er kürzlich damit drohte, alle oder einzelne der 47 offiziellen Grenzübergänge an der Südgrenze zu schließen, platzte dem Bürgermeister von El Paso, Dee Margo, der Kragen. Er verstehe nicht, wie eine Blockade der Grenze das Flüchtlingsproblem löse, sagt der Republikaner in einem Gespräch mit unserer Zeitung. „Das ist idiotisch und macht rational keinen Sinn”.

Der Bürgermeister beklagt das Versagen des US-Kongresses, eine umfassende Reform der Einwanderung zu beschließen. „Die Rechte ist fremdenfeindlich, und die Linke will total offene Grenzen”, klagt Margo. „Wir müssen wieder etwas in der Mitte finden”. Auf dem Weg aus seinem Büro zeigt er stolz ein Bild, das bei dem kürzlich verstorbenen Präsidenten George W. Bush im Weißen Haus hing. Das war das letzte Mal, dass Washington den vergeblichen Anlauf für eine Reform unternahm.

Mit Trump gibt heute ein anderer Teil der Partei den Ton an. Und der behauptet Dinge, die nachweislich nicht stimmen. Etwa, dass El Paso so gefährlich sei, wie kaum eine zweite Stadt in den USA. Das Gegenteil ist richtig. Und nicht nicht einmal auf die boomende Schwesterstadt trifft das heute noch so zu.

Es ist eher anders herum. Die Flüchtlingspolitik des Präsidenten destabilisiert die Lage in Juarez. Bevor ein Gericht in San Francisco die US-Regierung Anfang April daran hinderte, Asylbewerber aus Zentralamerika bis zum Abschluss ihres Verfahrens zurück nach Mexiko zu schicken, überwältigten die Flüchtlinge die Aufnahmekapazitäten dort.

Das „Casa del Migrantes” in einem Industriegebiet von Juarez ist so überfüllt, dass es für Pressebesuche schlicht keine Zeit gibt. Weil Juarez lange nur eine Durchreisestadt war, fehlt es an Alternativen zu dem kirchlichen Haus, das bei 600 Personen schon überfüllt ist.

Eine Schwester, die betont, keine offizielle Auskunft geben zu dürfen, gibt durch das Gitter des Auffanglagers aber ihren Frust zu erkennen. „Ich weiß nicht, ob die wissen, was sie tun”, klagt die Ordensfrau über die US-Regierung. Die mittellosen Flüchtlinge drohten nun Opfer von Gangs und Schmugglern zu werden.

Marita und ihr Vater Ernesto gehören zu den Glücklichen, die es auf die andere Seite nach El Paso geschafft haben. Sie wissen, wie steinig der Weg über den Paso del Norte geworden ist. Ihre Mutter wird ihn vorerst nicht beschreiten. Und ob Maritas Traum wahr wird, eines Tages als Ingenieurin in den USA zu arbeiten, ist so ungewiss wie ihre Zukunft in Tampa, der sie im Greyhound-Bus entgegen reist.

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