Mehr Todesopfer als durch Islamisten: Der neue Terror in den USA droht von rechts

Mehr Todesopfer als durch Islamisten : Der neue Terror in den USA droht von rechts

107 – das ist die Zahl an Ermordeten, die rechte Terroristen in den USA seit den Anschlägen der „Al-Qaida“ in New York, Washington und Pennsylvania im Jahr 2001 auf ihrem Gewissen haben. Drei Tote mehr als auf das Konto von islamistischen Tätern gehen, die sich erst von Osama bin Laden und später dem Islamischen Staat inspirieren ließen.

Die Rechtsextremisten überholten die Islamisten Anfang August, als ein einheimischer Terrorist 20 Menschen in dem „mexikanischen“ Walmart von El Paso abschlachtete.

Die Reaktion der US-Regierung, aber auch der internationalen Gemeinschaft auf die aktuelle Herausforderung fällt jedoch ganz anders aus. Die USA töteten nach einer enormen Kraftanstrengung Osama bin Laden und stellen nun den Drahtzieher vor Ort, Khalid Sheik Mohamed, samt seiner Mitverschwörer vor Gericht.

Während die Amerikaner die Verantwortlichen des 11. Septembers im so genannten „Krieg gegen den Terrorismus“ daheim und bis in den letzten Winkel der Welt verfolgten, klagen Experten wie Daryl Johnson über eine gefährliche Unbekümmertheit im Umgang mit dem Terror von rechts.

„Es fängt damit an, dass wir anerkennen müssen, dass wir ein Problem haben“, sagt Johnson, der bis 2010 im Heimatschutzministerium für die Beobachtung rechter Extremisten zuständig war. Kurz vor seinem Ausscheiden hatte er vor dem Erstarken der Szene gewarnt. Seitdem wuchs das Unterstützer-Netzwerk der weißen Nationalisten nicht nur zahlenmäßig dramatisch an. US-Präsident Donald Trump machte auch Teile der rechten Ideologie hoffähig. „Er ist der Treibstoff, der das Feuer beschleunigt“, meint Johnson.

Nur halbherzige Distanzierung

Die Überlappungen reichen bis zu der zum Verwechseln ähnlichen Wortwahl des „Weißen Suprematisten“, der vor seiner Bluttat von El Paso ein rassistisches Manifest veröffentlichte. Darin rechtfertigte er seinen Terror unter anderem mit der „Invasion“ aus dem Süden. Er wollte so viele Mexikaner umbringen, wie er nur konnte, gestand er der Polizei.

Trump distanzierte sich so halbherzig, wie bei vorherigen Anschlägen weißer Rechtsextremisten, die ein globales Netzwerk mit einer diffusen, aber aufeinander Bezug nehmenden Ideologie aufgebaut haben. Von dem Anschlag auf ein linkes Jugendlager in Norwegen über den auf eine schwarze Kirche in Charleston und die auf zwei Synagogen in Pittsburgh und Poway bis hin zu dem in El Paso eint die Täter ihr Rassismus und ihr Hass auf Minderheiten.

In ihrer verschwörerischen Weltsicht machen sie die „Globalisten“, was ein Codewort für Juden ist, dafür verantwortlich, die europäische „weiße Rasse“ durch Einwanderer aus muslimischen Ländern oder Südamerika ersetzen zu wollen. Eine Theorie, die auf den ideologischen Impulsgeber der internationalen Rechten, den Franzosen Renauld Camus, zurückgeht.

Die Mär vom „Großen Austausch“ hat unter Trump Einzug bis in die Republikanische Partei gehalten. Der Abgeordnete Steve King aus Iowa hat von seiner Angst davor ebenso gesprochen wie der Vordenker des Trumpismus Stephen Bannon. Der US-Präsident meinte, unter den Teilnehmern des rechtsextremen Fackelmarschs von Charlottesville 2017 hätten sich ein paar „feine Leute“ gefunden – jene Leute also, die bei ihrer Demonstration „Juden werden uns nicht austauschen“ skandierten.

Experten wundert es deshalb wenig, dass Trump die Mittel für den Kampf gegen den Extremismus von rechts zusammenstrich. Das zuständige Büro schrumpfte von einst 40 Mitarbeitern und einem Etat von 24 Millionen Dollar auf zehn Mitarbeiter zusammen, die heute mit drei Millionen Dollar auskommen müssen.

Zahl der Hassverbrechen steigt

Die Konsequenzen finden sich in Statistiken wieder. Laut der jüngsten Daten der amerikanischen Bundespolizei FBI stiegen die Hassverbrechen drei Jahre hintereinander an. Der amtierende Heimatschutzminister Kevin McAleenan räumte kurz vor dem Anschlag von El Paso vor dem US-Kongress „eine zunehmende, Besorgnis erregende Gefahr ein“.

Laut der „Anti-Defamation-­League“ verzerrt der Blick zurück auf die letzten achtzehn Jahre seit dem 11. September den tatsächlichen Trend. Nimmt man nur die vergangenen zehn Jahre als Bezugsgröße, zeichneten sich Rechtsextremisten für mehr als 70 Prozent politischer Morde in den USA verantwortlich; Hassverbrechen ohne Tote dabei nicht eingerechnet.

Das Problem ist aus Sicht von Experten wie Johnson auf die mangelnde Entschlossenheit der Verantwortlichen zurückzuführen, die Gefahr von rechts so ernst zu nehmen, wie die der Dschihadisten. Dazu gehört auch ein entschlossenes Durchgreifen von Facebook und Co., den Rechtsextremen ihre Propagandaplattform genauso zu entziehen wie den radikalen Islamisten.

Bisher ist all das nicht zu sehen. „Es gibt wenig Anzeichen, dass der Präsident ernsthaft etwas unternehmen will“, beklagt Johnson das Desinteresse des US-Präsidenten. Selbst wenn Donald Trump von nun an keine rassistischen Äußerungen mehr von sich geben würde, „wird es Jahre brauchen, diese Bewegung zu verlangsamen und absterben zu lassen.“

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