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Deutschlands Nachbar: Das schleichende Gift des Islamismus

Deutschlands Nachbar : Das schleichende Gift des Islamismus

Die Attentate in Frankreich sind nur die Spitze des Eisbergs. Wie weit die salafistische Unterwanderung eines Teils der französischen Gesellschaft schon fortgeschritten ist, belegt der Kulturkampf um die Mohammed-Karikaturen.

Die Karikatur, die einen regelrechten Kulturkampf in Frankreich auslöste, hat es in sich. Sie zeigt den auf allen Vieren knienden Propheten Mohammed von hinten, völlig nackt und mit einem Stern, der seinen Hintern verdeckt.

„A star is born“ lautet die Legende der Zeichnung, die die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ im Dezember 2014 erstmals und in diesem September ein weiteres Mal veröffentlichte. Man muss kein strenggläubiger Muslim sein, um sie als ziemlich grenzwertig anzusehen.

Allerdings steht nirgendwo geschrieben, dass Satire die Grenzen des guten Geschmacks zu wahren hat. Allerdings steht Satire in demokratischen Staaten unter dem Schutz der Meinungsfreiheit. Gleiches gilt für Blasphemie, einen Tatbestand, den diese Karikatur fraglos erfüllt.

In muslimischen Ländern hingegen sind jegliche Abbildungen des Propheten ebenso verboten wie die Blasphemie. Frankreich ist kein muslimisches, sondern ein laizistisches Land, wo die strikte Trennung von Staat und Religion 1905 in der Verfassung verankert wurde.

Doch Frankreich hat eine sehr große muslimische Gemeinde. Da ethnische oder religiöse Statistiken links des Rheins nicht erhoben werden dürfen, gehen Schätzungen davon aus, dass sie zwischen fünf und sieben Millionen Mitglieder umfasst.

Karikaturen als Frevel angesehen

Dass kaum ein französischer Muslim über Mohammed-Karikaturen lachen kann, ist in sich noch kein Problem. Doch das Problem bilden jene radikalisierten Muslime, die solche Karikaturen als einen Frevel ansehen. Ihre genaue Zahl liegt zwar ebenfalls im Dunkeln, gewiss ist hingegen, dass sie in den vergangenen Jahren immer zahlreicher geworden sind.

Was das bedeutet, erfuhren die Franzosen spätestens am 7. Januar 2015. Zwei Islamisten drangen damals in die Redaktionsräume von „Charlie Hebdo“ ein, töteten zwölf Menschen und riefen beim Verlassen des Gebäudes: „Wir haben den Propheten gerächt!“ Es war das erste islamistische Attentat auf französischem Boden, dem eine bis heute andauernde Serie mit mittlerweile mehr als 340 Todesopfern folgte.

Dieser islamistische Terror hat zu einem doppelten Riss in der französischen Bevölkerung geführt. Zum einen befeuert er das sich in der steigenden Zahl an verbalen oder tätlichen Anfeindungen ausdrückende Misstrauen vieler Franzosen gegenüber ihren muslimischen Mitbürgern, die in ihrer großen Mehrheit von nord- oder schwarzafrikanischen Immigranten aus den ehemalgien Kolonien abstammen und die sich schon zuvor häufig als Bürger zweiter Klasse behandelt fühlten.

Morddrohungen gegenüber „republiktreuen“ Imamen

Zum anderen treibt er einen immer deutlich sichtbarer werdenden Spalt zwischen die gemäßigten und die radikaleren Muslime. Ein Spalt, der bis zu Morddrohungen gegenüber „republiktreuen“ Imamen wie dem des Pariser Vororts Drancy gehen, der unter Polizeischutz gestellt werden musste.

Wie aufgeheizt das Klima inzwischen ist, belegen zwei Bluttaten, die Frankreich seit dem Beginn des Strafprozesses gegen elf mutmaßliche Helfer der Attentäter des Januar 2015 erschütterten. Weil „Charlie Hebdo“ den Auftakt des Verfahrens Anfang September mit der erneuten Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen begleitete, verletzte ein 25-jähriger Pakistani zwei Mitarbeiter einer Produktionsfirma vor dem ehemaligen Pariser Redaktionsgebäude der Satirezeitschrift schwer.

Drei Wochen später enthauptete ein 18-jähriger Tschetschene in der 50 Kilometer nordwestlich von Paris gelegenen Kleinstadt Conflans-Saint-Honorine den Lehrer Samuel Paty auf offener Straße, weil dieser seinen Schülern im Rahmen einer der Meinungsfreiheit gewidmeten Bürgerkunde-Unterrichtsstunde unter anderem die eingangs beschriebene Mohammed-Karikatur gezeigt hatte.

Nicht alle sind entsetzt

Das Entsetzen über diesen bestialischen Mord dürfte nicht von allen Franzosen geteilt worden sein. Laut einer im September veröffentlichten Umfrage des IFOP-Instituts äußerten 83 Prozent der Befragten muslimischen Glaubens „Verständnis“ für die zu diesem Zeitpunkt in muslimischen Ländern geäußerte Empörung über die erneute Publikation der Mohammed-Karikaturen.

Schlimmer noch: Ein Viertel der Jugendlichen zwischen 15 und 25 Jahren erklärte, dass sie das Attentat auf „Charlie Hebdo“ nicht verurteilen könnten und 29 Prozent gaben an, dass in ihren Augen die Gebote des Korans wichtiger seien als die Gesetze der Republik.

Die bedrückenden Umfrageergebnisse decken sich mit Erkenntnissen der Dienste, denen zufolge sich die Islamisten in den Problemvierteln immer weiter ausbreiten, indem sie die schulische Betreuung der Kinder organisieren, eine karikative medizinische Versorgung anbieten und fast alle Lebensbereiche, von der Hausaufgabenhilfe bis zur Autovermietung, zu unterwandern versuchten.

Gesetz zum „Kampf gegen den Separatismus“

Ein Befund, der wesentlich dazu beitrug, dass Staatspräsident Emmanuel Macron im Oktober ein Gesetz zum „Kampf gegen den Separatismus“ ankündigte, der unter anderem die Entsendung ausländischer Imame nach Frankreich einschränken und Moscheen sowie islamische Organisationen einer strengeren Kontrolle unterwerfen will.

Die Gefahr weiterer islamistischer Anschläge sei „erheblich“, hatte Innenminister Gérard Darmanin bereits nach der Ermordung des Lehrers Samuel Paty gewarnt. Gemeint ist die Gefahr, dass Franzosen Franzosen töten. Denn mehr als 90 Prozent der islamistischen Angreifer, die in Frankreich zur Tat schritten, waren französische Staatsbürger.

Auch ihre Radikalisierung fand fast ausschließlich in den Gefängnissen oder in den „heißen“ Vorstädten der Republik statt. Und dort, das legt die IFOP-Umfrage nahe, verfügen die Islamisten über ein sehr viel größeres Rekrutierungsreservoir als bislang angenommen wurde.