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Kirill Serebrennikow: Bewährungsstrafe für russischen Starregisseur

Kirill Serebrennikow : Bewährungsstrafe für russischen Starregisseur

Kirill Serebrennikow muss nicht in Haft. Dennoch gilt das Urteil als Schlag gegen die liberale Kunstszene. Es gibt anhaltende Proteste.

Der russische Starregisseur Kirill Serebrennikow bleibt in Freiheit. Ein Bezirksgericht in Moskau verurteilte den 50-Jährigen zu drei Jahren Haft – die Strafe wurde aber zur Bewährung ausgesetzt. Es sei nicht nötig, ihn von der Gesellschaft zu isolieren, sagte die Richterin Olessja Mendelejewa am Freitag der Agentur Interfax zufolge. Sie verhängte aber ein Verbot gegen ihn, weiter als Theaterdirektor zu arbeiten. Zudem sollten er und sein Team die veruntreute Summe von 129 Millionen Rubel (1,6 Millionen Euro) in die Staatskasse zurückzahlen.

Serebrennikow wurde wegen Veruntreuung staatlicher Fördergelder schuldig gesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte sechs Jahre Haft beantragt. Er selbst sei nicht zufrieden mit dem Urteil, sagte Serebrennikow. Sein Verteidiger Dmitri Charitonow kündigte an, dagegen vorzugehen. Der Richterspruch sei noch nicht rechtskräftig. Serebrennikow sagte unter Beifall seiner protestierenden Fans: „Danke für Eure Unterstützung. Danke, dass Ihr an unsere Unschuld glaubt. Für die Wahrheit muss man kämpfen.“

Das Verfahren gegen den auch in Deutschland bekannten Künstler gilt als Schauprozess gegen die liberale Kunstszene in Russland. Drei Jahre hatte das Verfahren gedauert – mit Serebrennikow standen auch seine drei Kollegen Sofja Apfelbaum und Alexej Malobrodski sowie Juri Itin vor Gericht. Malobrodski und Itin wurden ebenfalls verurteilt, Apfelbaum verließ ohne Strafe den Gerichtssaal. Die Richterin warf dem Künstlerteam vor, eine Gruppe für einen kriminellen Plan zur eigenen Bereicherung gegründet zu haben.

Russische Kulturschaffende bezeichneten das Verfahren als Versuch, die „moderne Kunst“ in dem Riesenreich endgültig zu beerdigen. Es habe keine Beweise gegeben, betonte auch die Verteidigung. Der Starregisseur übt in seinen Filmen und Theateraufführungen immer wieder auch Gesellschaftskritik. Damit hatte er sich im Kreml und in der einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche Feinde gemacht.

Richterin Mendelejewa begründete den Schuldspruch mit den Aussagen von Serebrennikows Buchhalterin Nina Masljajewa, die die künstlerische Leitung belastet hatte. Masljajewa hatte einen Deal mit der Anklagebehörde geschlossen. Ihr Fall wird in einem getrennten Verfahren behandelt. Serebrennikow hatte schon in seinem Schlusswort am Montag seine Unschuld beteuert. Zugleich räumte er ein, dass die Buchhaltung seines Theaters schrecklich organisiert gewesen sei. Er verstehe aber selbst nichts von Buchhaltung und Finanzen, sagte er. Deshalb gebe es Experten.

Serebrennikow leitet in Moskau das populäre Theater Gogol-Zentrum. Er inszenierte aber auch in Berlin, Stuttgart und Hamburg – oft in Abwesenheit, weil er im Hausarrest saß und auch nach seiner Freilassung 2019 nicht reisen durfte.

Eingesetzt hatten sich für den Künstler auch Bundeskanzlerin Angela Merkel sowie internationale Stars. Auch die deutsche Theaterszene protestierte gegen die Verurteilung vor der russischen Botschaft in Berlin. Es wurde vergeblich versucht, dem Botschafter eine Unterstützerliste mit 56.000 Unterschriften zu überreichen, sagte die Dramaturgin Birgit Lengers.

(dpa)