Memphis: Von der Kluft zwischen Schwarz und Weiß

Memphis : Von der Kluft zwischen Schwarz und Weiß

Die Fahrt geht vorbei an Bauten, die aussehen wie Häuser von einstigen Betreibern von Baumwollplantagen. Wie kleine Paläste reihen sich die Villen im Nobelviertel Central Gardens entlang der Central Avenue aneinander, eingefasst von hohen Hecken. Die Eingangsportale von Säulen gesäumt — Memphis, ein Südstaatenidyll.

Charlie Morris wohnt weiter draußen. Flachbau-Bungalows prägen hier das Bild der rechtwinklig angelegten Straßen. Memphis ist seine Heimat, geboren wurde er etwas außerhalb, in Arlington. Für ein paar Jahre hat es ihn nach New Jersey verschlagen. 97 Jahre ist Charlie alt. Das Haar ist weiß, der Schritt schwer. Ein Rollator hilft ihm durch den Alltag.

Zwischen den Anwesen in Central Gardens und Charlie Morris‘ Viertel liegen nur zehn Autominuten — und eine Farbe. Die Villengegend ist vorwiegend von Weißen bewohnt. Charlie Morris und seine Nachbarn sind Afroamerikaner, wie zwei Drittel der Menschen in der Stadt. 50 Jahre nach der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King jr. ist die Trennung nach Hautfarben in den USA per Gesetz längst Geschichte.

Versteckter Rassismus

Doch die Lebensumstände der schwarzen Minderheit haben das Niveau der weißen Mehrheit noch immer nicht erreicht. Die Gründe sind vielfältig. Versteckter Rassismus ist einer. Die schwarze Minderheit sei zum ständigen Kampf gezwungen. „Solange wir kämpfen, besteht Hoffnung, dass spätere Generationen über Dinge, über die wir heute reden, nicht mehr reden müssen“, sagt Professor André Johnson von der Universität Memphis.

In Memphis, im US-Südstaat Tennessee, wo Martin Luther King am 4. April 1968 auf dem Balkon seines Hotelzimmers erschossen wurde, wird vieles noch deutlicher als in anderen Gegenden. Die Stadt und das Land feiern den Bürgerrechtler. Besucher aus aller Welt kommen, um das Civil Rights Museum zu sehen, eingerichtet in jenem Lorraine Motel, wo King starb.

Charlie Morris gehört zu den Stars in diesen Tagen in Memphis. Er hat eine Geschichte zu erzählen, wie sie nicht mehr viele Afroamerikaner aus eigener Erfahrung weitertragen können. „Das Telefon klingelte, meine Tante rief an“, berichtet er aus dem Jahr 1939. Damals war er 18, sein Bruder Jesse Lee Bond war 20. Jesse Lee war mit einem weißen Händler über die Frage in Streit geraten, ob ihm eine Rechnung für Saatgut zustand. „Plötzlich fielen Schüsse“, sagt Morris. Anschließend sei die Leiche seines Bruders geschändet worden. „Sie haben ihn kastriert“, berichtet er mit unaufgeregter Stimme.

In der Hand hält Charlie Morris die Sterbeurkunde von Jesse Lee Bond: „Tod durch unfallbedingtes Ertrinken“ steht dort. „Meiner Tante haben sie erzählt, sie werde ihren Job als Lehrerin verlieren, wenn sie die Wahrheit sagt, vielleicht auch ihr Leben“, erzählt er. Die Tante war eine der wenigen Zeugen des auf offener Straße verübten Mordes.

Der Tod Bonds gehört zu den mehr als zwei Dutzend Fällen von Lynchjustiz gegen Schwarze, die heute allein im Umkreis von Memphis historisch belegt sind, aber juristisch nie gesühnt wurden.

Diese Lynchmorde zählen weiter zu den heftigsten Beispielen für das größte gesellschaftliche Problem der USA: die Ungleichheit von Schwarzen und Weißen. Die staatliche Vertuschung von rassistisch motivierten Gewaltverbrechen gehört zwar weitgehend der Vergangenheit an. Dafür, dass sie ganz ausgelöscht ist, legt aber kaum jemand die Hand ins Feuer.

Noch spürbarer: die soziale Ungleichheit. Die Arbeitslosenrate schwarzer US-Bürger hat sich in jüngster Zeit derjenigen der Weißen angenähert, liegt aber fast drei Prozentpunkte höher. Schwarze haben ein deutlich niedrigeres Haushaltseinkommen. Einen Highschool-Abschluss schaffen fast 90 Prozent der weißen Jugendlichen, aber nur 75 Prozent der Afroamerikaner.

Am deutlichsten wird das Problem beim Vermögen, das über Generationen weitervererbt wird: Weiße Familien haben im Schnitt einen Grundstock von 919 000 Dollar (rund 740 000 Euro), schwarze nur 140000 Dollar. Das ist eine weitaus größere Diskrepanz als noch im Jahr 1963. „Die Schwarzen starteten in diesem Land als Sklaven, sie hatten nichts. Das wirkt sich bis heute aus“, sagt Professor Johnson.

Martin Luther King jr. hatte das erkannt. Mit seiner Poor People‘s Campaign machte er sich für höhere Einkommen Schwarzer stark und für mehr Jobs. Andere Bürgerrechtler, darunter Malcolm X (1925-1965), gaben seiner gewaltlosen, auf Dialog mit der Mehrheit setzenden Strategie keine Chance. Diese Fraktion warb für harte Konfrontation.

Verbesserung für Schwarze

Schwarze sind nicht stets von vornherein sozial schwächer als Weiße. Ihre Chance, in soziale Niederungen abzugleiten, ist aber deutlich höher. Trotz all dieser Probleme: Das schwarze Amerika gehört unverrückbar zu den Vereinigten Staaten. Martin Luther Kings Geburtstag wird als gesetzlicher Feiertag begangen. In der Fernsehwerbung achten Produzenten genau darauf, dass im Bild die schwarze Minderheit nicht zu kurz kommt. 40 Millionen Menschen dunkler Hautfarbe leben in den USA. Viele sind erfolgreich, manche werden berühmt. Der dunkelhäutige Barack Obama wurde für zwei Amtszeiten zum Präsidenten gewählt.

Es hat sich vieles gewandelt, vieles zum Positiven. „Es ist besser geworden“, urteilt Allison Jones. Sie arbeitet an einer Montessori-Schule im Herzen Washingtons, wo Kinder aller Hautfarben lernen und toben. Sie lebt im Stadtteil Columbia Heights, einst vor allem von Afroamerikanern bewohnt und für Besucher gefährlich. Heute ist das Gebiet teuer und angesagt. Allison hat weiße Freunde und Nachbarn, spricht mehrere Sprachen. „Ich bin privilegiert“, sagt sie. „Meine Eltern waren gebildet.“ Schulbildung bleibt der Schlüssel für den Aufstieg Schwarzer.

Benachteiligung durch das System

Weiße hören schwarze Musik, lassen sich von schwarzen Ärzten operieren, von schwarzen Köchen verwöhnen und vertrauen ihr Geld schwarzen Bankern an. Sie jubeln im Sport schwarzen Stars zu, die Tennisspielerin Serena Williams ist ein Beispiel und natürlich der Größte: Boxer Muhammad Ali.

Wo er einst die Wurzeln für seine Karriere legte, im Columbia Gym von Louisville in Kentucky, trainiert heute der sportliche Nachwuchs der Spalding Universität. Alexa möchte Trainerin werden, für welche Sportart weiß sie noch nicht. „Etwas mit ein bisschen Schwung“, sagt sie. Die 21-Jährige hat Ali nie kennengelernt, dennoch ist sie von dem Boxer inspiriert. „Wir wissen, dass wir vieles erreichen können, wir wissen aber auch, dass wir unter Umständen doppelt so hart dafür arbeiten müssen“, sagt sie.

Pastor Dennis Washington von der Anacostia River Church in Washington kennt das nur zu gut. Junge Schwarze würden geradezu in die Kriminalität getrieben - und dann vom System verschluckt. „Erst bekommen sie wegen eines kleinen Deliktes eine Fußfessel. „Das ist oft der erste Schritt“, sagt Washington. Dann kriegen sie keine Freunde mehr, keine Berufsausbildung — und rutschen ab.

Junge Schwarze werden auch viel häufiger von der Polizei grundlos gestoppt, müssen ihre Papiere zeigen, manchmal werden sie aufs Revier mitgenommen. Manchmal werden sie erschossen, wie jüngst in Sacramento Polizisten 20 Schüsse auf einen jungen Schwarzen in dessen Garten abgaben. Sie dachten, er hätte eine Waffe. Es war ein Handy.

Sacramento ist kein Einzelfall, und die Polizei ist nicht die einzige Strafverfolgungsbehörde, die sich irrt, besonders, wenn es um Afroamerikaner geht. „Es gibt Studien, die sagen, dass Afroamerikaner mit einer siebenmal höheren Wahrscheinlichkeit wegen Mordes verurteilt werden als Weiße“, sagt die Strafverteidigerin Cheryl Pilate aus Kansas im US-Bundesstaat Missouri. Ihr Mandant Lamonte McIntyre kam gerade nach 23 Jahren Tortur aus dem Gefängnis frei. Er hatte nichts getan. Die Gesetze Missouris sehen keine Haftentschädigung vor.

Im Vergleich zu Cornelius Duprée hat er trotzdem noch Glück. 1979 kaufte der heute 58-Jährige ein paar Bier in einem Laden in Houston (Texas). Als er rauskam, stand die Polizei vor ihm. Wegen Vergewaltigung und schwerer räuberischer Erpressung brummte ein Gericht dem 19 Jahre alten Jungen 75 Jahre Haft auf. 30 lange Jahre dauerte die Qual des Unschuldigen, dann ergab eine DNA-Probe, dass er es nicht gewesen sein konnte. Das macht Duprée zu dem Mann, der am längsten nachweislich unschuldig im US-Gefängnis saß.

Glaube an Gott hilft

Cornelius Duprée aus Houston und Charlie Morris aus Memphis eint eines, das sie nie hat aufgeben lassen: „Auf mich muss kein Mensch achten, Gott achtet auf mich“, sagt Morris. Gottesfürchtigkeit und frommes Leben lässt unzählige Schwarze besser ertragen, was sie als große Chancenungleichheit ansehen. Als Morris als Teenager vom Tod seines Bruders erfuhr, schnappte er sich eine Pistole und wollte sich rächen. „Meine Mutter hat es mir ausgeredet.“ Neun Jahre lang sei er voller Hass gewesen. „Dann habe ich zu Gott gefunden.“ Heute sagt er über sein Leben: „Ich kann mich nicht beschweren.“

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