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Aachen: Von der Angst, mit 83 Jahren in ein Lager geschickt zu werden

Aachen : Von der Angst, mit 83 Jahren in ein Lager geschickt zu werden

Bei jedem Klingeln an der Tür zuckt sie zusammen. Am Tag, an dem die „Flüchtlingskanzlerin“ Angela Merkel nun doch nicht den Friedensnobelpreis bekommen hat, sitzt die 83-jährige Emine Sulimanovska zusammen mit ihrer Tochter Bedrije (56) und ihrem Enkel Denis (31) in einer Wohnung am Stadtrand von Aachen und hat Angst.

Angst davor, dass die Polizei kommt. Angst davor, dass man sie und ihre Angehörigen mitnimmt und in eine Flüchtlingseinrichtung nach Karlsruhe schickt. Angst davor, dass die Familie von dort aus abgeschoben wird.

Überlebte den Massenmord der Nazis an Sinti und Roma: Emine Sulimanovska Foto: Harald Krömer

Seit Mitte Juni leben die Drei in Aachen. Sie gehören zu den sogenannten „Balkan-Flüchtlingen“, sind wie viele von ihnen Roma, stammen aus Mazedonien. Dieser Staat ist von den politischen Entscheidungsträgern in Deutschland kürzlich zum „sicheren Herkunftsland“ erklärt worden, in das man Flüchtlinge problemlos zurückschicken könne, weil sie dort nicht verfolgt würden.

Hatte in Mazedonien Angst um das Leben ihres Sohnes: Bedrije Sulimanovska. Foto: Harald Krömer

An der Einstufung gibt es allerdings von Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen massive Kritik. Immer wieder weisen sie darauf hin, dass in Mazedonien „Roma aus rassistischen Gründen diskriminiert werden“. Angehörige der Volksgruppe würden dort häufig vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen, hätten kaum Zugang zum Bildungs- oder zum Gesundheitssystem, sähen sich ins soziale Abseits gedrängt und Schikanen der Polizei bis hin zur körperlichen Gewalt ausgesetzt. Sie würden dort behandelt wie Menschen zweiter Klasse.

Auch Emine Sulimanovska und ihre Angehörigen erzählen von solchen Erfahrungen. Unruhen in ihrer Heimatstadt Komanovo hätten sie schließlich zur Flucht veranlasst. „Wir hatten Angst um unser Leben“, sagt Bedrije Sulimanovska. „Vor allem hatte ich Angst um meinen Sohn.“

Altes Trauma

Aachen wurde für sie zum Ort der Hoffnung. Hier — wo bereits eine Enkelin von Emine Sulimanovska lebt — wollte die Familie Ruhe finden und sich ein neues Leben aufbauen. Denis träumte davon, endlich studieren zu können. Doch davon ist nicht viel geblieben. Vor Tagen wurden alle drei von den Ausländerbehörden aufgefordert, ihre Bleibe am Aachener Bushof zu räumen und sich in einer der großen bundesweiten Sammelunterkünfte für Balkan-Flüchtlinge in Karlsruhe zu melden. Wenn dies nicht freiwillig geschehe, müsse „unmittelbarer Zwang“ angewandt werden.

Vor allem für die 83-jährige Großmutter Emine war das ein Schock. „Zwangsweise in ein Lager gebracht zu werden, das hat bei ihr ein altes Trauma wachgerufen“, sagt Sebastijan Kurtisi, Vorsitzender der Roma Union Grenzland Aachen. „Die ganzen schrecklichen Erinnerungen an die Nazi-Zeit sind wieder hochgekommen.“

Damals waren mehrere ihrer Angehörige in Lager gesperrt, einer ihrer Brüder wurde dort ermordet. Er gehörte zu den rund 500.000 Sinti und Roma, die dem Rassenwahn der deutschen Machthaber zum Opfer gefallen sind. Emina hat als junges Mädchen die Zeit nur deshalb überlebt, weil sie mit ihren Eltern untertauchen konnte.

„Natürlich kann man die heutigen Flüchtlingslager nicht mit den damaligen Konzentrationslager vergleichen“, sagt Kurtisi. „Trotzdem ist es in höchstem Maße unsensibel, einer Überlebenden des Massenmordes mit Abschiebung zu drohen.“

Für ihn steht fest: Deutschland habe nicht nur gegenüber Juden eine besonderen historische Verpflichtung, sondern auch gegenüber Roma. „Das darf nicht nur Thema in Sonntagsreden sein, sondern muss sich im Alltag beweisen“, fordert Kurtisi.

Kurtisi appelliert deshalb an die Behörden, Familie Sulimanovska als Härtefall zu betrachten, die 83-Jährige nicht in eine Massenunterkunft zu stecken, in der ihr gerade einmal ein Feldbett zur Verfügung stehe, und den dreien den weiteren Aufenthalt in Aachen zu erlauben. Die Ausländerbehörde der Städteregion Aachen winkt jedoch ab. Für sie ist der „vorliegende Sachverhalt kein atypischer Ausnahmefall“, hieß es am Freitag auf Nachfrage unserer Zeitung.

Für die Zuweisung nach Baden-Württemberg sei alleine die Bezirksregierung in Arnsberg verantwortlich, bei der Einrichtung in Karlsruhe handele es sich mitnichten um ein neues Lager für Balkanflüchtlinge, sondern um eine seit Jahren bestehende Asyl-Unterkunft und im übrigen stehe eine Abschiebung der Familie nach Mazedonien derzeit nicht an.

Freunde halten sie versteckt

So recht glauben will das Familie Sulimanovska allerdings nicht. Sie hat mit Hilfe von Unterstützern Klage beim Verwaltungsgericht Aachen eingereicht und eine Petition an den Landtag in Düsseldorf geschickt. Ihr Bleibe am Bushof haben sie am Freitag, kurz vor Ablauf des ihnen von den Behörden gestellten Ultimatums, verlassen und bei Freunden ein Versteck gefunden. Hier warten sie … und hoffen.