Über einen Kontinent, der lernte zusammenzuwachsen: Unser Europa

Über einen Kontinent, der lernte zusammenzuwachsen : Unser Europa

in 200 Tagen wird das Europäische Parlament gewählt. Mit der EU kam der Frieden auf einen Kontinent, der Schreckliches erlebte. Und deren Bewohner sich gegen ein Erstarken des nationalistischen Kleindenkens wehren müssen.

Dieser Mann zeigt Flagge. Harald Richter wohnt in Alsdorf mitten in einem Stimmbezirk, in dem die AfD bei der Städteregionsratswahl am vergangenen Sonntag fast 18 Prozent erhalten hat, und hisst in seinem Garten die Europafahne. Nicht erst seit gestern, sondern schon lange. Und wichtig: noch immer. Auch heute, 200 Tage vor der Wahl zum nächsten Europäischen Parlament am 26. Mai 2019.

 E-U-R-O-P-A, zwölf goldene Sterne auf blauem Grund. Manchmal weht das Banner mächtig, flattert kraftstrotzend im Wind. Doch oft genug hängt der Stoff schlaff am Mast. Nicht nur in Alsdorf.

Europa ist in Verruf geraten. Die Union ist in keinem guten Zustand. Irgendwann ist die Stimmung gekippt. Wann und warum, das weiß dann später niemand mehr so genau. Waren es der Maastrichter Vertrag und die Folgeabkommen, die immer mehr Kompetenzen Richtung Brüssel verlagerten? War es die rasche Erweiterung auf nunmehr 28 Mitgliedsstaaten? War es die Euro- und Finanzkrise samt Griechenland-Rettung? War es die Flüchtlingskrise? Oder war es das generelle Misstrauen gegenüber dem Brüsseler Betrieb oder den Politikern in Berlin und den anderen Hauptstädten? Oder, oder, oder …

Was einst als Hoffnungsprojekt begann, sehen viele Menschen inzwischen nicht nur als Bürde an, sondern wird teilweise gar aktiv bekämpft. Doch die Antwort an alle EU-Skeptiker und -Gegner in Deutschland und Europa – von Matteo Salvini über Marine Le Pen und Mateusz Morawiecki bis zu Viktor Orbán – muss unmissverständlich sein. Die Populisten wollen ein Europa der Nationen. Das ist der falsche Weg. Die Nationalisten wollen den europäischen Integrationsprozess am liebsten für tot erklären. Doch das ist er bei allen Fehlern und Unzulänglichkeiten nicht. Die Einigung des Kontinents war nicht nur in der Vergangenheit ein Modell für die Zukunft. Sie ist es auch heute noch, weil keines der großen Probleme, die es zu lösen gilt, national bewältigt werden kann.

200 Tage bis zur Wahl

Dass der Brexit nicht der Königsweg ist, erkennen immer mehr Briten. Der Alleingang hat keine Zukunft. Nur gemeinsam – am besten als wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Einheit – können die globalen Herausforderungen gemeistert werden. Wozu Abschottungsstrategien und nationale Alleingänge führen können? 200 Tage vor der nächsten EU-Wahl sind auch 100 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg.

Was fehlt? Aufbruchstimmung. Natürlich muss Europa weiterhin kritisch begleitet werden. Doch das Thema muss zugleich wieder positiv besetzt werden; und den Nationalisten darf nicht das Europäische Parlament gehören. Dazu will unsere Zeitung beitragen. Dafür bündeln zahlreiche Zeitungshäuser an Rhein und Ruhr in einer einzigartigen Aktion ihre Kräfte und starten die gemeinsame Serie: „Unser Europa“. Es sind nur noch 200 Tage bis zur Wahl. Höchste Zeit also, um sich auf die Stärken Europas zu besinnen und für „unser Europa“ zu kämpfen.

Am Sonntag nächster Woche ist der Schriftsteller Robert Menasse in Aachen, wo er mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis ausgezeichnet wird. Er ist einer der Autoren eines europäischen Manifestes, das am kommenden Wochenende zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs von Künstlern in vielen europäischen Städten verlesen wird. Die Idee einer europäischen Republik ist sehr weitgehend, wahrscheinlich utopisch, auf jeden Fall aufrüttelnd. Sich damit, mit diesem inspirierenden Projekt auseinanderzusetzen, bringt uns aber viel weiter als der Hass, die Skepsis und die Larmoyanz der EU-Gegner.

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