Norbert Lammert in Aachen: Der es auf den Punkt bringt

Norbert Lammert in Aachen : Der es auf den Punkt bringt

Eine selbstbewusste und positive Haltung zur Integration Europas lässt sich ebenso pointiert wie überzeugend verbinden mit glasklarer und deutlicher Analyse des aktuellen Zustands der Europäischen Union. Der frühere Bundestagspräsident Norbert Lammert hat das am Dienstag im Aachener Rathaus getan.

Lammert war zu Gast auf einer Veranstaltung der Konrad-Adenauer-Stiftung, deren Vorsitzender er ist. Lammerts Befund: Europa hat sich noch nie in einer besseren Lage befunden als heute; die Europäische Union war seit ihrer Gründung 1957 noch nie in einer miserableren Lage als heute.

„In der zweieinhalbtausendjährigen Geschichte Europas gab es nur in den letzten 30 Jahren in allen europäischen Ländern gewählte Regierungen“, sagte Lammert vor Studierenden im Krönungssaal. „Sie sind die erste Generation, die das als Normalfall wahrnimmt. Das ist eine große Errungenschaft.“

Er appellierte an die jungen Leute, nicht wie viele ihrer Altersgenossen beim Brexit-Referendum in Großbritannien die Chance auf Mitgestaltung zu verspielen, sondern – insbesondere an der Europawahl im Mai – teilzunehmen. „Was aus Europa wird, entscheiden wir selbst – niemand sonst. Ausreden gibt es nicht mehr. Was wir für richtig halten, können wir machen. Frage ist, ob wir es tun.“

Europa ist nach Lammerts Aussage vor mehr als hundert Jahren in den Ersten Weltkrieg geraten, weil die Verantwortlichen damals „kein Interesse an gemeinsamer Zukunft hatten, aber viel Interesse an der Frage, wer der Wichtigste ist“. Und erst nach dem Zweiten Weltkrieg sei endlich aus der Einsicht gehandelt worden, „dass wir entweder eine gemeinsame oder gar keine Zukunft haben“.

Heute gelte Europa weltweit als „stabiler, von militärischen Abenteuern geheilter Kontinent“. Man könne sich trotz aller politischen Differenzen, „die es gibt, den Einsatz militärischer Gewalt in Europa nicht mehr vorstellen“. Das allein, so bedeutsam es sei, reiche heute aber als Motivation für die Integration nicht mehr aus. „Denn es gilt als nicht mehr gefährdet, sondern als Normalzustand.“

Den weiteren europäischen Integrationsprozess nennt Lammert unverzichtbar, „weil die unvermeidliche Folge der Globalisierung der Verlust von Souveränität der Nationalstaaten ist“. Die Zeit gehe zu Ende, „in der Staaten Herr ihrer eigenen Angelegenheiten sind“. Nur durch die Teilung von Souveränität könnten Europas Staaten ihren Einfluss auf globale Entwicklungen erhalten. Es sei eine kindliche Vorstellung, man müsse nationale Kompetenzen wieder stärken, sagte Lammert und erinnerte an eine Aussage des früheren britischen Premierministers John Major: „Wenn Großbritannien aus der EU austritt, wird unser Land das erste Mal seit 500 Jahren keinen Einfluss mehr haben auf die Entwicklung in der Welt.“

(pep)
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