Huy: Tihange: Protest über Grenzen und Generationen hinweg

Huy: Tihange: Protest über Grenzen und Generationen hinweg

Walter Schumacher hat schon einiges erlebt in seiner Protestkarriere gegen Atomkraft. Der AKW-Gegner der ersten Stunde war in Brokdorf, er war in Gorleben und sogar im traditionellen Atomstromland Frankreich hat er schon gegen Kernenergie demonstriert. Dennoch war die Demo am Sonntag im belgischen Huy etwas besonderes für ihn.

„Ich bin schlicht gerührt, weil wir sehen, dass neue Atomgegner nachwachsen“, sagte der 66-Jährige, der ein Sprecher des Aachener Aktionsbündnisses gegen Atomenergie ist. Als Antiatomaktivist habe man ja zeitweise das Gefühl gehabt, die Jungen nicht mehr erreichen zu können. Dieses Gefühl sei angesichts der geschätzten 1500 Menschen, die gegen das AKW Tihange protestiert haben, verflogen.

Es war ein ziemlich bunter, generationenübergreifender Haufen, der am Sonntag aus dem Zentrum des 20.000-Einwohner-Städtchens Huy in Richtung des Stadtteils Tihange zog. Dazu gehörten die üblichen Friedensbewegten, die mit Schafswollpullover gekleidet, Lieder auf der Wandergitarre anstimmten. Und Aktivisten, die unter der Last der eigens angefertigten Reaktoren aus Pappmaché ächzten. Ebenso wie Mitglieder der Linkspartei, die kapitalismuskritische Slogans skandierten. Und dann eben der Grund für das Gerührtsein Schumachers: Ziemlich normale junge Menschen und Familien, die nicht zur Kernzielgruppe der Anti-AKW-Bewegung gehören dürften. Die ihre Kinder eingepackt hatten und ihrer Sorge wegen des AKW Tihange Ausdruck verliehen.

Dass der Zuspruch so groß war, lag nämlich weniger an neuen Mobilisationsmethoden der alten AKW-Gegner, als vielmehr daran, dass Tihange als Pannen-AKW gilt. Zu Beginn des Jahres überschlugen sich die Meldungen zu den seit 2012 bekannten Rissen im Druckbehälter von Tihange 2. Betreiber Electrabel und die belgische Atomaufsicht brachten immer wieder neue, dramatischere Zahlen an die Öffentlichkeit. Derzeitiger Stand: 3149 Risse, deren maximale Größe 15,4 Zentimeter beträgt. Im Moment ist der Meiler vom Netz. Dass das so bleibt, und Tihange 2 nicht wie von Electrabel angestrebt im Juli wieder angefahren wird, war das Hauptziel der Demonstration.

So überwand die mobilisierende Kraft der dramatischen Zahlen nicht nur Generationen-, sondern auch Landesgrenzen. Das Bündnis „Stop Tihange“ besteht aus deutschen, belgischen und niederländischen Initiativen und so war auch der Protest am Sonntag polyglott: „Abschalten, Fermé, Sluiten!“, lautete der trilinguale Slogan.

„Auch die Menschen in den Niederlanden haben Angst“, sagte Gert-Jan Krabbendam, Grünen-Politiker aus Maastricht. Dabei sei es dramatisch, dass die direkten Nachbarn zwar unmittelbar von einem Störfall betroffen wären, aber kaum Einfluss auf die belgische Energiepolitik haben. Oliver Krischer, grüner Bundestagsabgeordneter aus Düren, sieht das Problem in der noch nicht so stark ausgeprägten Anti-AKW-Bewegung in Belgien: „Die atomkritische Tradition ist in Deutschland sicherlich größer.

Die Belgier sind in der Mehrheit auch gegen Atomenergie, tragen das aber bislang noch nicht so sehr auf die Straße.“ Noch nicht. Leo Tubbax, Belgier bei „Stop Tihange“, sieht einen Stimmungsumschwung in seinem Land: „Die Atomaufsicht hat uns zwei Jahre lang zum Narren gehalten. Die Menschen sind im Moment ziemlich wütend.“

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