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Streit zwischen Türkei und Frankreich eskaliert

Streit zwischen Macron und Erdogan eskaliert : Nichts geht mehr zwischen Paris und Ankara

Schon seit Monaten liegen die Präsidenten Frankreichs und der Türkei im Dauerclinch. Nach den jüngsten Attacken Erdogans erreicht die Konfrontation einen neuen Höhepunkt.

Die Atmosphäre wird mehr als aufgeheizt sein, wenn am Mittwochabend Paris Saint-Germain in Istanbul gegen Basaksehir antritt. Dafür freilich werden ausnahmsweise nicht die türkischen Fußball-Fan sorgen, da das Publikum wegen Corona auch bei diesem Champions League-Spiel weitgehend ausgesperrt bleibt. Vielmehr ist es der handfeste Streit zwischen den Präsidenten Emmanuel Macron und Recep Tayyip Erdogan.

Die türkisch-französischen Beziehungen sind auf einem Tiefpunkt angelangt. Nachdem Erdogan seinen französischen Amtskollegen als einen Feind des Islams beschimpft hat und sogar zweimal öffentlich dessen geistige Zurechnungsfähigkeit bezweifelte, rief Paris am Wochenende seinen Botschafter aus Ankara zurück.

Auslöser der verbalen Attacken Erdogans war eine Rede, die Frankreichs Präsident am vergangenen Mittwoch bei einer Gedenkfeier zu Ehren des Lehrers Samuel Paty hielt, der von einem Islamisten auf offener Straße enthauptet worden war, weil er seinen Schülern im Unterricht  Mohammed-Karikaturen gezeigt hatte. Macron würdigte nicht nur das Engagement des Lehrers, sondern verteidigte das Recht auf Meinungsfreiheit, das die Veröffentlichung oder das Zeigen von Mohammed-Karikaturen einschließe.

In der islamischen Welt sieht man das anders. Erdogan nutze Macrons Worte, um sich erneut als Verteidiger des Islams in Szene zu setzen. Bereits Anfang Oktober hatte der Türke in aller  Schärfe einen von Macron vorgestellten Gesetzesentwurf zum Kampf gegen den Separatismus als islamfeindlich verurteilt, der unter anderem die Entsendung ausländischer Imame nach Frankreich einschränken und Moscheen einer strengeren Kontrolle unterwerfen will. Der Franzose reagierte vergleichsweise staatsmännisch – auf Twitter: „Wir halten die Freiheit hoch, wir garantieren die Gleichheit und wir leben die Brüderlichkeit. (…) Hassreden aber werden nicht toleriert.“ Der Präsident verbreitete diese Botschaft auch auf Englisch und Arabisch – und rief heftige Reaktionen in den Sozialen Netzwerken hervor. Bereits am Montag begannen die Händler in Tunesien, Algerien, Jordanien, Kuwait oder Katar, französische Waren aus ihren Regalen zu nehmen.

Schon seit Jahresbeginn, als Macron und Erdogan wegen des türkischen Engagements in Libyen aneinandergerieten, liegen die beiden Nato-Mitglieder im Clinch. Im Juni schrammten vor der libyschen Küste eine französische Fregatte und ein türkisches Kriegsschiff nur haarscharf an einem bewaffneten Zwischenfall vorbei. Als Erdogan im August das von Fregatten eskortierte Forschungsschiff Oruc Reis zur Erkundung von möglichen Gasfeldern in zwischen der Türkei und Griechenland umstrittene Gewässer schickte, stellte sich Paris demonstrativ auf die Seite Athens und beorderte Marineeinheiten ins östliche Mittelmeer.

Nichts scheint mehr zu gehen zwischen Paris und Ankara. Während die Franzosen argwöhnen, dass sich Erdogan zum Beherrscher des Mittelmeerraums aufschwingen will und ihm daher bei jeder Gelegenheit Kontra geben, stört die Türken die Vorstellung einer europäischen Führungsrolle Frankreichs. „Feuer frei auf Macron“ scheint Erdogans Devise zu lauten, dem ein starkes Europa nicht ins Konzept passt.