Vordenker für Rechtsextremisten: Renaud Camus, der vornehme Verschwörungstheoretiker aus Frankreich

Vordenker für Rechtsextremisten : Renaud Camus, der vornehme Verschwörungstheoretiker aus Frankreich

Alle, die Renaud Camus persönlich begegnet sind, bezeichnen ihn als einen äußerst vornehmen und zuvorkommenden älteren Herrn. Doch vom Stande der Respektabilität ist der skandalumwitterte Philosoph trotz seiner 73 Jahre und seines weißen Vollbarts meilenweit entfernt. Ganz im Gegenteil.

Keineswegs von ungefähr gilt Camus als ein rechtsextremer Verschwörungstheoretiker. Schlimmer noch: Der Autor des 2011 erschienen Buchs „Der große Austausch“ hat den Massenmördern von El Paso (USA) und Christchurch (Neuseeland) den ideologischen Überbau für ihre rassistischen Bluttaten geliefert.

Mit dem „großen Austausch“ nämlich meint Camus einen Bevölkerungsaustausch. Folgt man seinem Denken, dann sind sowohl Europa als auch Nordamerika wegen der Massenimmigration von einem „beispiellosen Kultur- und Identitätsverlust“ bedroht. Der französischen Regierung wirft er vor, die kaukasischen (sprich: weißen) Bürger mittelfristig durch nord- und schwarzafrikanische Menschen muslimischen Glaubens ersetzen zu wollen. Gleiches gelte für alle europäischen Länder und „hundertmal für Deutschland“.

Die Massenimmigration und der mit ihr einhergehende Bevölkerungsaustausch sind in Camus’ Augen der Globalisierung geschuldet und soll von den „kapitalistischen Eliten“ gezielt begünstigt werden. Es ginge darum, einen neuen, von nationalen, ethischen und kulturellen Eigenheiten entkleideten Menschentyp zu schaffen, der „austauschbar“ und „delokalisierbar“ sei – zum Wohle wirtschaftlicher Interessen.

Tatsächlich ist der Titel von Camus’ Buch in Frankreich zu einem festen Begriff geworden, der in keiner Debatte über die Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik fehlt. Für die Linke mag der Bevölkerungsaustausch zwar nach wie vor ein Unwort sein. Doch bei vielen Konservativen und insbesondere unter den Rechtsextremisten von Marine Le Pens Partei Rassemblement National (vormals Front National) ist er längst salonfähig geworden.

Nur für den Autor gilt das nicht, der 2014 von einem Pariser Gericht wegen Anstachelung zu Rassenhass und Gewalt zu einer Geldstrafe von 4000 Euro verurteilt wurde, weil er muslimische Einwanderer als Teil einer „Eroberung Frankreichs“ bezeichnet hatte.

Dass Camus’ Theorien zudem über Frankreichs Grenzen hinaus Gehör finden, belegen die Bekennerschreiben der Attentäter aus El Paso und Christchurch. Sowohl der 21-jährige US-Amerikaner, der jetzt in einem Einkaufzentrum von El Paso 20 Menschen tötete, als auch der 19-jährige Australier, der im März Terroranschläge auf zwei Moscheen in Christchurch verübte und dabei 51 Menschen umbrachte, berufen sich auf „The great replacement“, wie der Titel der englischen Übersetzung von „Der große Austausch“ lautet. Und dass sich beide Attentäter als Kämpfer gegen die hispanische beziehungsweise muslimische „Unterwanderung“ ansahen, legen ihre Bekennerschreiben mehr als nahe.

Spitzenkandidat bei der EU-Wahl

Auf den Anschlag in El Paso hat Camus noch nicht reagiert. Aber eine Mitverantwortung für das Massaker in Christchurch wies er im März entschieden von sich und erinnerte daran, dass er jede Form von Gewalt stets ablehnte. Ebenso wenig vermochte ihn die Bluttat zu etwas mehr Zurückhaltung zu bewegen. So trat er noch im Mai bei den Europawahlen als Spitzenkandidat der Liste „La Ligne Clair“ (Die klare Linie) an, welche zwar für den Verbleib Frankreichs in der EU eintrat, im Gegenzug jedoch forderte, Afrika (gemeint waren die afrikanischen Einwanderer) aus Europa zu „entfernen“. Auf mehr als 1578 Wählerstimmen (0,01 Prozent) kam Camus mit seiner Liste freilich nicht.

In der Öffentlichkeit zeigt sich der Philosoph gemeinhin nur höchst selten. Die meiste Zeit verbringt der schmächtige Mann mit einem jungen Lebensgefährten in seinem mittelalterlichen Schloss in der südwestfranzösischen Gascogne. Ein alternder Dandy, der sich selbst als „Paria“ (als Außenseiter) bezeichnet, zu welchem er von der grassierenden „political correctness“ abgestempelt worden sei.

Ganz offensichtlich verbittert ihn das – nicht jedoch der Umstand, dass er, der bis 1980 Mitglied der Sozialistischen Partei war, spätestens seit dem Erscheinen des „Großen Austauschs“ in rechtsextremistischen Kreisen als ein Vordenker gefeiert wird.