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Aachen: Raus aus dem Job, rein in das höchste Ehrenamt bei Amnesty

Aachen : Raus aus dem Job, rein in das höchste Ehrenamt bei Amnesty

Für den Kampf um Menschenrechte ist unsere Region offensichtlich ein gutes Pflaster. Vor allem, wenn man nach höheren Aufgaben strebt. Seit zwei Jahren ist Selmin Çalkan aus Düren Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland.

Bei der jüngsten Jahreshauptversammlung in Dresden wurde nun Gabriele Stein aus Aachen zur Vorstandssprecherin gewählt. Sie steht damit dem höchsten ehrenamtlichen Gremium der deutschen Amnesty-Sektion vor.

Aber was heißt schon Ehrenamt? Die künftige Arbeit der 58-Jährigen erinnert wohl eher an die einer Managerin. Gemeinsam mit ihren sechs Vorstandskollegen trägt sie die Verantwortung für die Arbeit des Sekretariats, setzt Beschlüsse der Jahresversammlung um und steuert die Zusammenarbeit mit den anderen Sektionen der weltweit agierenden Menschenrechtsorganisation. Hinzu kommt der Kontakt zu den einzelnen Gruppen und Bezirken, der Stein nach eigenen Angaben sehr wichtig ist: „Ich sehe mich ausdrücklich als Vertreterin der Basismitglieder und möchte mitbekommen, was das ‚normale‘ Amnesty-Mitglied bewegt.“

Ein Fulltime-Funktionärs-Job also, der wenig mit der alten Ehrenamts-Vorstellung vom Flugblätter-Verteilen gemein hat.

Wohl kein Zufall, dass sich die studierte Mathematikerin mit ihrer Kandidatur durchgesetzt hat. Die gebürtige Aachenerin war IT-Chefin bei einem internationalen Unternehmen und hatte bereits zwei Mal Funktionen im Vorstand von Amnesty Deutschland inne. In jüngster Zeit war Stein, die seit den 80er Jahren bei Amnesty aktiv ist, freiberuflich als Managementberaterin tätig. Diese Arbeit hat sie inzwischen deutlich zurückgefahren. „Ich habe Rücklagen gebildet, um mich komplett der Arbeit bei Amnesty und meiner Familie widmen zu können“, sagt Stein.

Und die soll sich nicht in Funktionärstätigkeit erschöpfen. „Die Arbeit mit den anderen nationalen Sektionen auf der internationalen Ebene ist sehr inhaltlich“, so Stein. Da gehe es vor allem um die Frage, wie die 1961 gegründete Organisation auf die neuen Herausforderungen reagiert. „Wir erleben derzeit einen Wandel. Es gibt viele neue Menschenrechtsverletzungen, beispielsweise die Massenmorde des Islamischen Staates (IS) in Syrien und dem Irak“, sagt Stein.

Amnesty-Arbeit über Twitter

Hinzu komme, dass sich die Adressaten der Amnesty-Arbeit verändern. Früher seien das meist staatliche Regierungen gewesen, heute gebe es viel mehr nichtstaatliche Akteure, die Menschenrechtsverletzungen begehen. Etwa die Drogenmafia in Mexiko, aber auch Rebellengruppen in Libyen oder eben der IS.

„Die klassische Amnesty-Arbeit, bei der etwa ein Langzeitinhaftierter über Jahre in einem südamerikanischen Land betreut wird, gibt es immer weniger“, sagt Stein. Amnesty müsse die Methoden an die Veränderungen der Menschenrechtslage anpassen.

Der Vorteil sei, dass Amnesty offen für neue Ideen sei. „Mich hat seit Beginn meiner Arbeit die Basisdemokratie fasziniert. Man kann hier sofort mitmachen und etwas bewirken“, sagt Stein. Deshalb sei die Organisation auch attraktiv für junge Menschen, die in den vielen Hochschulgruppen an die Menschenrechtsarbeit herangeführt werden. „Da spielen die Neuen Medien eine große Rolle“, sagt Stein. Übrigens nicht nur bei der Akquise von neuen Mitstreitern, sondern auch bei der Menschenrechtsarbeit selbst.

So habe Amnesty etwa den Kommandeur eines syrischen Landstrichs, in dem eine Menschenrechtsaktivistin verschwunden ist, über dessen Twitteraccount kontaktiert. Dieser habe reagiert und sich von den Vorwürfen distanziert. „Man sieht also: Selbst dort wird Amnesty wahrgenommen“, sagt Stein.

Ein kleiner Erfolg, der für die Ehrenamtler viel wert ist. Denn nur über das Gefühl, etwas zu bewegen, lässt sich die Motivation aufrechterhalten. „Trotz der für Menschenrechte so schwierigen Lage, gibt es eben immer auch diese Erfolge“, erklärt Stein. So sei etwa in Nigeria 2005 der 16-jährige Moses Akatugba verhaftet und 2013 auf der Basis des unter Folter erzwungenen Geständnisses zum Tode verurteilt worden. Der Vorwurf: Handy-Diebstahl. Vor wenigen Tagen wurde er begnadigt und soll demnächst freikommen. Ein Erfolg, der nach Steins Ansicht nur auf die Amnesty-Arbeit zurückzuführen ist. „Wer darauf hofft, Tausende freizubekommen, wird vermutlich enttäuscht. Aber die Freiheit oder das Leben eines Einzelnen ist unsere Arbeit wert“, sagt Stein nicht ganz ohne Pathos.

Solange es solche Geschichten gibt, dürfte ihre Motivation nicht aufhören. Mit der schmeißt sie sich in ihre neue Tätigkeit, die zwei Jahre dauern wird. Und danach? Zu noch Höherem — etwa auf internationaler Ebene — fühlt sie sich nicht berufen. Aber ein zweites Mal zur Vorstandssprecherin gewählt zu werden, das könnte sie sich schon vorstellen.