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Norbert Röttgen (CDU) spricht über den Sieg von Joe Biden

Nachgefragt zu den Wahlen in den USA : Was nun, Herr Röttgen?

Norbert Röttgen (CDU) ist Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag. Im Interview mit Werner Kolhoff spricht der Kandidat für den Parteivorsitz über die außenpolitischen Folgen des Siegs von Joe Biden in den USA.

Herr Röttgen, wird mit einem Präsidenten Joe Biden im transatlantischen Verhältnis alles wieder so wie früher?

Norbert Röttgen: Nein, die alten Zeiten kommen nicht zurück. Die USA werden nicht wieder wie im Kalten Krieg die Rolle des Weltpolizisten einnehmen, der den anderen die Arbeit abnimmt. Aber mit Joe Biden als Präsident werden die USA wieder zu einem vernünftigen Umgang mit Deutschland und Europa, zu einer verlässlichen Partnerschaft zurückkehren. Für uns Europäer ist das eine Chance, uns mehr in diese Partnerschaft einzubringen.

Trump hatte Europa mit Putin ziemlich allein gelassen.

Röttgen: Auch die Außenpolitik eines Präsidenten Biden wird sich stark auf China und den Indopazifik konzentrieren. Wir Europäer müssen uns mehr um unsere Nachbarschaft kümmern, also um unsere östlichen Nachbarn wie die Ukraine, Belarus und Russland und im Süden um den Nahen Osten und Nordafrika. Das werden Regionen europäischer Verantwortung sein.

Muss Europa außenpolitisch also so oder so eigenständiger werden, wie SPD-Fraktionschef Mützenich sagt?

Röttgen: Rolf Mützenich sagt im Kern, dass Europa sich abkoppeln solle von den USA. Ich sage genau das Gegenteil: Wir müssen mehr in die Partnerschaft mit den USA einbringen, denn sie muss ausgeglichener werden als bisher. Fakt ist und bleibt, dass wir einander brauchen.

Am Donnerstag hat Friedrich Merz gesagt, er werde als Kanzler gut mit Trump zurechtkommen. Gilt das für Sie umgekehrt im Fall Biden?

Röttgen: Ich möchte mir nicht anmaßen, mich auf eine Stufe mit dem amerikanischen Präsidenten zu stellen. Ich kann allerdings sagen, dass ich die außenpolitische Beratergruppe um Joe Biden seit langem sehr gut kenne und zu ihnen eine vertrauliche Beziehung habe.

Bisher stand die CDU den US-Republikanern näher. Ist das unter Trump dauerhaft zerstört worden?

Röttgen: Nein, ein enges Verhältnis besteht seit Jahrzehnten, und ich selbst habe auch in den vergangenen Jahren immer Kontakt zu republikanischen Kongressabgeordneten gehalten. Mit der Tea-Party-Bewegung zu Beginn der Amtszeit Obamas und dann mit der feindlichen Übernahme der Republikanischen Partei durch Trump haben sich CDU und Republikaner allerdings voneinander entfernt. Nach der Wahl sehen wir: Einerseits steckt mehr Trump in den Republikanern, als wir dachten, andererseits gibt es Anti-Trump-Kräfte in der Partei.