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Aachen: Neue Studie zeigt, wo die Nichtwähler wohnen

Aachen : Neue Studie zeigt, wo die Nichtwähler wohnen

Ausgerechnet diejenigen, die allen Grund hätten, auf gesellschaftliche Veränderungen zu drängen, bleiben im großen Stil den Wahlurnen fern. Dies belegt eine großangelegte Studie der Bertelsmann-Stiftung, die am Donnerstag der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

Die 17 Millionen Nichtwähler bei der Bundestagswahl im September 2013 kommen demnach „überdurchschnittlich oft aus prekären Milieus“.

„Arbeitslosigkeit, Bildungsstand und Kaufkraft haben nachweislich maßgeblichen Einfluss auf die Wahlbeteiligung“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Die diesjährige Wahl sei „sozial prekär“ gewesen, schlagen die Macher der Studie Alarm. Wer sozial benachteiligt ist und keine Aufstiegsperspektiven mehr sieht, geht selten zur Wahlurne.

Untersuchung in Aachen

Belegt wird dies mit einer Analyse des Wahlverhaltens in 28 deutschen Großstädten, darunter auch Aachen. Erstmals wurde dabei die tatsächliche Wahlbeteiligung mit den Lebensverhältnissen der Menschen in ihren Stadtvierteln verglichen, erläutert der Bielefelder Professor Robert Vehrkamp, der an der Studie beteiligt ist und für die Bertelsmann-Stiftung den Themenschwerpunkt „Zukunft der Demokratie“ bearbeitet.

Den „Nachrichten“ wurden vorab die Ergebnisse zur Verfügung gestellt, an denen der Politikwissenschaftler Armin Schäfer vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung und das Meinungsforschungsinstitut infratest-dimap mitgearbeitet haben.

Auch in Aachen, wo insgesamt 34 Stadtteile genauer unter die Lupe genommen wurden, zeigt sich, dass in den Stimmbezirken die Wahlbeteiligung am niedrigsten war, in denen besonders viele Haushalte von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Ähnliche negative Zusammenhänge ergeben sich für das Niveau der Schulabschlüsse, die Qualität der Wohnlagen und die durchschnittliche Kaufkraft der Haushalte.

Im Aachener Stadtteil Panneschopp wurde am Wahlsonntag die niedrigste Urnenwahlbeteiligung mit nur 39,1 Prozent erzielt. Das Viertel ist „äußerst homogen“ von einem einem „sozial prekären Milieu“ geprägt, stellen die Autoren der Studie fest. Angehörige der Mittel- und Oberschicht suche man dort vergebens. Auffallend stattdessen: Jeder fünfte Bewohner hat keinen Schulabschluss. 15 von 100 Erwerbsfähigen haben keine Arbeit. Die Kaufkraft liegt nur bei rund 25.000 Euro, „einem der niedrigsten Werte für das ganze Stadtgebiet“. Die Bebauung ist von großen Mietshäusern geprägt.

Ähnliches stellen die Autoren für den Stadtteil Rothe Erde fest, wo ebenfalls nur 40,8 Prozent der Wahlberechtigten zur Urne gingen. Auch dort leben überdurchschnittlich viele Menschen ohne Schulabschluss, die keine Arbeit und wenig Geld haben.

Ein völlig anderes Bild zeigt sich etwa in Walheim, wo mit 59,2 Prozent Urnenwahlbeteiligung Aachens Bestwert zu finden ist. Stark vertreten sind dort die „Konervativ-Etablierten“ und das Milieu der „Bürgerlichen Mitte“. Dort leben deutlich weniger Menschen ohne Schulabschluss, dafür liegt die (Fach-)Abiturquote bei 36,7 Prozent. Die Arbeitslosigkeit erreicht mit fünf Prozent nur einen Drittel des Werts beim Schlusslicht Panneschopp. Und die Kaufkraft ist mit 44.000 Euro fast doppelt so hoch wie im Panneschopp. Das Stadtbild wird mehrheitlich von Ein- bis Zweifamilienhäusern geprägt.

Vergleichbares lässt sich auch für Oberforstbach feststellen, jenen Stadtteil, der mit 57,5 Prozent die zweithöchste Beteiligung der Urnenwähler zu bieten hat.

Und dann ist da noch das Viertel Burtscheider Kurgarten: 50,0 Prozent der Wahlberechtigten gingen zur Urnenwahl, was ziemlich genau dem Durchschnittswert der Gesamtstadt (50,2 Prozent) entspricht. Und wie es der Zufall will, finden die Experten dort eine besonders heterogene Bevölkerungsstruktur vor. „Ein Fünftel der Haushalte lässt sich den oberen Schichten zuordnen, etwa ein Drittel entstammt den wirtschaftlich schwächeren Milieus.“ (Fach-)Abiturquote, Arbeitslosigkeit und Kaufkraft liegen auf durchschnittlichem Niveau. Wohnhäuser mittlerer Größe prägen das Stadtbild „und vermitteln den Eindruck eines rundum durchschnittlichen Viertels“.

Nicht berücksichtigt sind in dieser Auswertung die Briefwähler, durch die Aachen im September insgesamt auf eine Wahlbeteiligung von 78,7 Prozent gekommen ist. Entsprechende Analysen anderer Großstädte würden hingegen zeigen, dass dies „die soziale Spaltung der Wählerschaft“ noch verschärft hätte. Das Ergebnis sei demnach eindeutig: „Während in gut situierten Stadtvierteln nach wie vor überdurchschnittlich viele Menschen ihr Wahlrecht wahrnehmen, sind die sozial schwächeren Stadtviertel die Hochburgen der Nichtwähler.“

In allen untersuchten Städten kommen die Forscher nach Angaben der Bertelsmann-Stfitung zu ähnlichen Ergebnissen — egal ob West- oder Ostdeutschland. Selbst in ländlichen Gebieten sei die Wahlbeteiligung stark an den Sozialstatus gekoppelt, zeigen die Ergebnisse der 640 repräsentativ ausgewählten Stimmbezirke.

Warum das so ist, haben die Wissenschaftler nicht untersucht. Von einer bewussten politischen Protesthaltung könne aber kaum die Rede sein, ist Robert Vehrkamp überzeugt. „Das ist ein Mythos“, meint er (siehe „Nachgefragt“). Bei den meisten Nichtwählern sei hingegen Gleichgültigkeit und Desinteresse der Hauptgrund, den Urnen fernzubleiben.

„Selber schuld“, könnte man schlussfolgern. Für Vehrkamp ist es jedoch eine dramatische Entwicklung, dass ausgerechent diejenigen auf ihr Wahlrecht verzichten, die allen Grund hätten, sich an der Wahl zu beteiligen. Einst sei es schließlich die Arbeiterschaft gewesen, die sich mit Hilfe des allgemeinen Wahlrechts ihre soziale und gesellschaftliche Emzipation erkämpft habe.

Aus der Studie lässt sich nun hingegen ablesen, dass das Wahlergebnis der Bundestagswahl 2013, gemessen an der Sozialstruktur der Bevöklkerung, nicht repräsentativ ist. „Die oberen zwei Drittel der Gesellschaft haben erheblich größeren Einfluss auf die Zusammensetzung des neu gewählten Bundestages genommen als das untere Drittel“, resümieren die Experten.

Jörg Dräger bezeichnet dies als „besorgniserregend“. „Die soziale Selektivität der Wählerschaft verfestigt sich und führt zu einer zunehmenden sozialen Spaltung unserer Demokratie“, warnt er. Dahinter steht die Überlegung, dass etwa auch die in den Bundestag direkt gewählten Abgeordneten vielfach nur noch sehr wenige Wähler repräsentieren.

„Noch nie war das Gefälle in der Wahlbeteiligung so groß wie bei den beiden letzten Bundestagswahlen 2009 und 2013“, sagt Dräger. Noch 1998 lagen über ganz Deutschland die Stimmbezirke mit der jeweils höchsten und niedrigsten Beteiligung bei der Bundestagswahl 19,1 Prozentpunkte auseinander. 2013 betrug diese Differenz bereits 29,5 Prozentpunkte. Auch in Aachen ist dieser Trend anhand der Urnenwahlbeteiligung abzulesen: Während in Panneschopp nur noch knapp 40 von 100 Wahlbereichtigten wählen gingen, waren es in Walheim 60 von 100.

Teufelskreis

Was formal kein Problem ist — schließlich bleibt der Bundestag auch bei immer geringer werdender Wahlbeteiligung stets gleich groß —, könnte somit in eine Teufelskreis führen: Weil sich immer weniger Leute von den Bundestagsabgeordneten repräsentiert fühlen, gehen sie nicht zur Wahl. Und weil sie nicht wählen, werden sie immer seltener von ihren Abgeordneten repräsentiert. Auch deshalb bezeichnen die Forscher die Bundestagswahl 2013 als „sozial prekäre Wahl“.