Aachen/Berlin: Martin Schulz: Unter den dunklen Wolken der Demoskopen

Aachen/Berlin: Martin Schulz: Unter den dunklen Wolken der Demoskopen

Das sind die Momente, die haften bleiben, in denen sich das Auf und Ab im Leben eines Spitzenpolitikers verdichtet, Momente, deren Brutalität die Unbarmherzigkeit des politischen Alltags widerspiegelt. Es offenbart sich die ganze Tragik eines Mannes, der sich der Politik verschrieben, der mit aller Leidenschaft für seine Ziele gekämpft, der sich und andere berauscht hat, der Fehler — zuletzt zu viele Fehler — gemacht und sich schließlich ausweglos verrannt hat.

Am 10. Februar 2017 — heute genau vor einem Jahr — erscheint in dieser Zeitung ein zweiseitiges Interview mit Martin Schulz. Im Vorspann dazu heißt es: „Es ist viel passiert, seit Sigmar Gabriel vor zwei Wochen verkündete, dass Martin Schulz sozialdemokratischer Kanzlerkandidat wird. Die ehemals siechende SPD verspürt neue Kraft und springt von Umfragehoch zu Umfragehoch. Verantwortlich dafür ist der Mann aus Würselen, für dessen Heimatstadt sich die Kandidatur schon jetzt gelohnt haben dürfte.“

Einen Monat später wird Schulz zum SPD-Vorsitzenden gewählt — mit hundert Prozent der Delegiertenstimmen. „Sankt Martin“ reitet auf einer demoskopischen Welle, die ihn und seine Partei in ungeahnte Höhen trägt. Aber es ist nur eine Welle; und jede Welle bricht irgendwann. Die späteren Wellen im Herbst schlagen über der SPD und ihrem Chef zusammen. Am 24. September müssen sie das schlechteste Ergebnis für die Sozialdemokraten bei einer Bundestagswahl erleben: 20,5 Prozent. Danach macht Schulz einen Fehler nach dem anderen. Sein Vorstand macht mit, aber er ist der Chef. Und wer ständig wendet, kann nicht mehr führen.

Wer so heftig abstürzt, ist verunsichert — der eine mehr, der andere weniger. Schulz gehört nicht zu jenen, die versuchen, das abzustreiten, um unerschütterlich zu wirken. Er gibt das zu. Er ist schon während des Wahlkampfes verunsichert gewesen; da hat er das noch überspielt, weil Wahlkämpfer nur zuversichtlich sein dürfen. Über der Berliner Politik schweben immer die Wolken der Demoskopie; in den Wochen und Monaten vor einer Wahl sind sie besonders groß und dunkel. Das kann einen Politiker schon kirre machen. Schulz hat das unterschätzt. In der Brüsseler Politik spielt die Demoskopie keine Rolle.

In der EU-Hauptstadt jonglierte er zwischen Parlament, Kommission und Rat, zwischen den unterschiedlichen Interessen von 28 Nationen meisterhaft mit den Bällen. Er war der erste Präsident des Europaparlaments, der dieser Volksvertretung wirklich Einfluss und Ansehen gab. Er nahm in Oslo den Friedensnobelpreis für die Europäische Union entgegen. Er hatte Kraft — Kraft, die sich seine SPD endlich auch mal wieder in Berlin wünschte. Er folgte dem Wunsch. Damit erlagen er und seine Partei einem großen Missverständnis. Den Europapolitiker Schulz begleitete Fortüne. Er kannte sich aus, war gut vorbereitet, eloquent — und das perfekt mehrsprachig. In Brüssel und Straßburg erlebte man ihn stets gewandt und sehr geschickt — einfach souverän. So hat man ihn in Berlin meist nicht erlebt.

Er wollte ja — eigentlich — in Brüssel bleiben. Europa! Er wollte das, was zum großen Thema seines Lebens, zu seinem Herzensanliegen geworden war, fortsetzen. Die erste Verlängerung seiner Präsidentschaft um weitere zweieinhalb Jahre war schon ein Bruch bisheriger Usancen, aber klug und richtig. Danach wollte er noch einmal verlängern, weil er ehrgeizig ist. Das wurde den Mitspielern dann doch zu viel. Aber obwohl aus Berlin schon länger neue Perspektiven lockten, wollte er — eigentlich — nicht weg von dort. Womöglich ahnte er, warum.

Schulz ist ein Mann, der immer ein gutes Gespür für Stimmungen gehabt hat, ob er es im Europaparlament nun mit Silvio Berlusconi, durchgeknallten Extremisten oder Papst Franziskus zu tun hatte. Dieses Gespür ist ihm im Laufe des vorigen Jahres irgendwie abhanden gekommen. Er selbst hat die Geschichte, wie er sich in den Wahlkämpfen 2017 aufrieb und aufreiben ließ, von einem Journalisten aufschreiben und veröffentlichen lassen. Es ist die Geschichte eines Getriebenen und Verformten. Er hat nicht auf die Bodenständigkeit des Martin Schulz vertraut. Die war nie inszeniert.

Martin Schulz ohne seine Spontanität wäre nicht mehr Martin Schulz. Nur er selbst hätte sie sich hin und wieder verbieten können und müssen. Auf keinen Fall eine neue große Koalition! Auf keinen Fall ins Kabinett unter Merkel! So lauteten seine hochheiligen — wiederholten! — Versprechen. Über viele Wochen im vorigen Herbst hat Schulz der Öffentlichkeit weismachen wollen, die SPD und er seien fest davon ausgegangen, dass Jamaika regieren werde. Dabei wussten die Sozialdemokraten genau, dass die Chancen für Schwarz-Gelb-Grün allenfalls 50:50 standen. Sich und die Partei auf die zweiten 50 überhaupt nicht vorzubereiten, war einer der größten Fehler von Schulz. Er brach seine Versprechen und war nicht mehr glaubwürdig. Die eigenen Genossen glaubten ihm nicht mehr.

Die Geschichte dieses kurzen Höhenfluges und schnellen Absturzes — vom Februar 2017 bis zum Februar 2018 — ist ungeheuerlich und einzigartig in der Geschichte der Republik. Sie kann erst ganz erzählt werden, wenn mehr bekannt ist. Was wird Martin Schulz in Zukunft tun? Die Spekulation darüber ist angesichts der Wirren und Wendungen der letzten Wochen und Monate müßig. Er wird zur Ruhe kommen.

Martin Schulz liest mit Leidenschaft, er ist in der Literatur zu Hause, er ist geschichtsbewusst, weil er sich in der Geschichte auskennt, sich immer damit ausein-andergesetzt hat und Lehren daraus zieht. Was Krieg bedeutet, das hat Schulz in einem Maß verinnerlicht, darüber spricht er so oft und mit Verve, wie es unter Spitzenpolitikern nicht mehr so häufig ist. Nie wieder Krieg! „Dafür muss man aber was tun“, sagt Schulz. Deshalb ist er durch und durch Europäer, deshalb ist ihm das Einigungswerk so wichtig, deshalb hat er so sehr darauf gedrängt, dass Europa der Schwerpunkt im Koalitionsvertrag wird. Darum wollte er sich als deutscher Außenminister kümmern — ganz intensiv. Das hätte ihm gelegen. Dafür wäre er der Richtige gewesen. Daraus wird nichts mehr. Er hat es vermasselt. Das ist tragisch für Martin Schulz.

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