Aachen: Martin Schulz: Auf dem Weg zurück nach Brüssel?

Aachen : Martin Schulz: Auf dem Weg zurück nach Brüssel?

Wie schnell Ruhm vergeht? Das ist zumeist entweder eine theoretische Erörterung oder eine historische Retrospektive. Wer ganz nach oben aufsteigt, der fällt tief. So lauten volkstümliche, durchaus wahre Weisheiten.

Aus den Augen, aus dem Sinn. Nur wenige Wochen nach seinem Rücktritt als einer der Nachfolger seines von ihm hochverehrten Willy Brandt spielt Martin Schulz, der Ex-100-Prozent-Vorsitzende, der Shootingstar des Frühlings 2017, in der SPD aktuell keine wahrnehmbare Rolle mehr. Nicht einer aus der ersten oder zweiten Reihe der SPD hat in diesen Tagen nach dem Votum für den Koalitionsvertrag, den Martin Schulz als Vorsitzender noch maßgeblich mit ausgehandelt hatte, eine Silbe über ihn verloren. Er findet nicht statt.

Nicht mehr auf dem Zettel

Im jüngsten „Bericht aus Berlin“ stand der neue Stern der deutschen Sozialdemokratie, Andrea Nahles, neben ihrem Fraktionsvorsitzenden-Kollegen Volker Kauder (CDU). Sie lobte den Unionspolitiker und sagte wie selbstverständlich, sie habe schließlich einen Koalitionsvertrag ausgehandelt. „Ich“, nicht „wir“. Und sie hob ausdrücklich die gute und verlässliche Zusammenarbeit mit Kauder hervor. Schulz? Der stand hier und bei anderen Gelegenheiten, etwa bei der Bekanntgabe der SPD-Mitglieder-Abstimmung, nicht mehr auf dem Programmzettel.

Bei einer Chefredakteurskonferenz der Deutschen Presse-Agentur in Berlin sagte Andrea Nahles vor wenigen Tagen unterdessen, sie habe nach wie vor Kontakt mit Martin Schulz und es gebe zwischen ihnen keinen Dissens. Im Umfeld von Schulz wird das bestätigt. Sie habe sich dem ehemaligen Parteichef gegenüber sehr korrekt verhalten.

Im schnellen Entsorgen ehemals gefeierter und verdienstvoller Persönlichkeiten sind Parteien dennoch zuweilen gnadenlos, rücksichtslos, stillos. Ausgerechnet die sozialen Demokraten der SPD führen in dieser Kategorie seit Jahren die Hitliste an. Björn Engholm, Kurt Beck, Peer Steinbrück und Martin Schulz sind nur Beispiele, aber keine Liste der Vollständigkeit. Auch Ulla Schmidt, die rüde aus innerparteilichen Gründen als Vizepräsidentin des Bundestags abserviert wurde, hat ihren Platz auf dieser roten Liste.

Wie sieht die politische Zukunft von Martin Schulz aus? Darüber wird in seiner Partei derzeit nicht gesprochen, ja offensichtlich nicht einmal ernsthaft nachgedacht. Die Tage nach seinem — nicht ganz freiwilligen Rücktritt — hat er jenseits der ungeliebten Berliner Bühne abgeschottet zu Hause in Würselen verbracht und sich hartnäckig Selbstdisziplin verordnet: Bis zur Regierungserklärung der Bundeskanzlerin nächste Woche Donnerstag bleibe er „auf Tauchstation“, sagte er unserer Zeitung am Dienstag.

Ein politischer Horrortrip

Sicher wird Martin Schulz, der ja nach wie vor sein Bundestagsmandat besitzt, an der Kanzlerwahl teilnehmen. Er ist immerhin maßgeblicher Autor des Europakapitels in der Koalitionsvereinbarung. Man kann deshalb nicht ausschließen, dass die Pro-Europäerin Merkel in ihrer Regierungserklärung dem Thema einen wesentlichen Akzent verleiht und vielleicht dem besonders in dieser Frage wichtigen Mitgestalter des Koalitionsvertrages: Martin Schulz.

Den politischen Horrortrip der unfassbaren Wahlkampf-Odyssee steckt selbst ein erfahrener und durchaus mit Attacken vertrauter Politiker nicht einfach weg. Das geht an die Psyche, erst recht wenn bei ehrlicher Selbstreflexion auch ein eigener Anteil an der Misere eine Rolle spielt. Das bleibt nicht in den Kleidern haften.

Was also macht Martin Schulz demnächst? Niemand kann und will darüber derzeit Auskunft geben. Behält er noch lange sein Bundestagsmandat in Berlin, in jener Hauptstadt, die er nicht wirklich mag, die seine Bühne nie war und nie sein wird? Orientiert er sich wieder Richtung Brüssel und wenn ja: wohin konkret? Sein europapolitisches Kapital könnte er auch als Bundestagsabgeordneter ausspielen, erst recht, wenn ein enger Vertrauter von ihm Bundesaußenminister würde: Heiko Maas. Darauf deutet in der SPD vieles hin, da Andrea Nahles mit einer Außenministerin Katarina Barley eine gefährliche Konkurrentin für die zukünftige Kanzlerkandidatur stärken würde. Barley, ehemalige Richterin, könnte Maas im Bundesjustizministerium beerben.

Durchsetzungskraft und Stil

Der EU-Schulz mochte nie eine dienend-illustrierende Funktion, kein Verstellen, kein feierliches Sonntags-Gerede. Der sprach Klartext, durchaus mit Ecken und Kanten, aber auch mit präsidial-diplomatischem Auftritt, wenn der nötig war. Er hatte in Brüssel und Straßburg Linie und Ziele, Durchsetzungskraft und eigenen Stil, gute Themen und eine gute Portion Originalität.

Wie kann einem Kanzlerkandidaten dieses Portfolio bemerkenswerter politischer Eigenschaften von heute auf morgen abhanden kommen? Sie über einen starken europapolitischen Beitrag als prominenter Bundestagsabgeordneter zu revitalisieren, könnte Teil seiner Strategie sein — auf dem Weg zurück nach Brüssel.

Mehr von Aachener Nachrichten