Lizzie Doron liest in Aachen

Israelische Autorin in Aachen : „Wir erkennen unsere wahre Tragödie nicht“

Ihre Mutter, eine polnische Jüdin, hat die Shoah überlebt. Als sie nach Ende der deutschen Terrorherrschaft nach Israel kam, brachte sie bleischwere Erinnerungen mit.

Wie das Trauma der Mutter sie selbst traumatisierte, hat die Schriftstellerin Lizzie Doron in mehreren Romanen beschrieben. In Israel galt sie deshalb als die Stimme der „zweiten Generation“, als Stimme der Kinder von Überlebenden. Doron wurde gefeiert, mit Preisen geehrt, ihre Bücher waren Schullektüre. Bis sie sich literarisch mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt beschäftigte. Welche Erfahrungen sie seither machen musste und warum sie heute auch einen Wohnsitz in Berlin hat, darüber spricht die 1953 in Tel Aviv geborene Autorin in einem Interview.

Frau Doron, Sie haben seit einiger Zeit nicht nur in Tel Aviv, sondern auch in Berlin einen Wohnsitz. Was zieht eine jüdische Israelin in die deutsche Hauptstadt?

Doron: Ich habe eine familiäre Beziehung zu Berlin. Mein Onkel wohnte hier. Meine Tante wohnte hier. Meine Mutter hatte vor dem Krieg den Traum, nach Berlin zu gehen. Berlin ist für mich Teil einer persönlichen, historischen Kontinuität.

In Berlin leben inzwischen rund 10 000 vor allem junge Israelis. Was macht die Stadt für sie so attraktiv?

Doron: Sicherlich hat es damit zu tun, dass Berlin eine weltoffene Stadt ist, in der sich Menschen unterschiedlichster Herkunft treffen. Für mich als Schriftstellerin kommt hinzu, dass es hier viele Künstler und Kulturschaffende gibt. Ich empfinde es als angenehm, Teil einer solchen Stadt zu sein.

Aber Berlin ist die Stadt, in der der industrielle Massenmord an den europäischen Juden geplant wurde. Schreckt das nicht ab?

Doron: Natürlich spielt Berlin in der Geschichte des Holocaust eine zentrale Rolle. Aber das macht Deutschland im Allgemeinen und Berlin im Besonderen nicht nur interessant, sondern auch verbindend. Als Jude bekommt man das Gefühl, hier mit anderen über den Holocaust wirklich reden zu können. Beide Seiten wissen genau, worum es geht. Deshalb habe ich auch keine Angst vor Berlin. Und ich weiß genau, was Angst ist. Angst zu haben, ist einer meiner Charakterzüge. Denn in Israel in einer permanenten Kriegsatmosphäre aufzuwachsen und gleichzeitig immer mit der Geschichte des Holocaust konfrontiert zu sein, heißt mit dem Gefühl ständiger Angst groß zu werden. Das prägt. Inzwischen aber ist durch den zunehmenden Extremismus die gesamte Welt zu einem beängstigenden Ort für die persönliche Sicherheit geworden. Schauen Sie nur auf das, was vor wenigen Tagen in Pittsburgh geschehen ist.

Der neue Roman von Lizzie Doron heißt Sweet Occupation. Foto: dtv

 Spüren Sie in Deutschland etwas von einem wachsenden Antisemitismus?

Doron: Ich weiß, dass es dieses Problem hier gibt. Persönlich habe ich jedoch noch keine negativen Erfahrungen gemacht. Ich lebe in Deutschland allerdings auch in einer Gemeinschaft, die mich schützt. In Israel ist das anders, vor allem in Jerusalem. Wenn ich dort als nichtreligiöse Israelin meine palästinensischen Freunde besuche, werde ich als Verräterin am Judentum und am israelischen Volk beschimpft. Zumindest verbal werde ich immer wieder bedroht.

In den vergangenen Monaten ist sehr stark über einen „muslimischen Antisemitismus“ in Deutschland diskutiert worden. Ihr israelischer Landsmann, der ebenfalls zeitweise in Berlin wohnende Politologe David Ranan, sagt, es liege da ein Missverständnis vor. Wenn Muslime in Deutschland Wut auf Israel äußerten, sei das nur in seltenen Fällen wegen einer antisemitischen Grundeinstellung, sondern wegen des Konflikts mit den Palästinensern und der israelischen Besatzungspolitik. Wie sehen Sie das?

Doron: Diese Frage zu beantworten, ist für mich sehr schwierig. Ich nehme an, dass die israelische Besatzungspolitik und der Umgang mit den Palästinensern einer der Gründe für den Zorn vieler Muslime ist. Ob und ab wann dieses Gefühl Formen des in der europäischen Geschichte verwurzelten Antisemitismus annimmt, kann ich nicht beurteilen. Generell fehlt es mir in der Debatte aber an Differenzierungen: Das Judentum wird zunehmend mit Israel gleichgesetzt. Israel wiederum nimmt für sich in Anspruch, Staat der Juden zu sein. Unterschiedliche Dinge werden miteinander verschmolzen. Das ist falsch.

Sie haben sich in ihrem literarischen Werk lange mit dem Schicksal der sogenannten zweiten Generation, also den Kindern der Shoah-Überlebenden, beschäftigt. Ihre Bücher waren in Israel Bestseller und Schullektüre. Seit wenigen Jahren thematisieren Sie literarisch den israelisch-palästinensischen Konflikt. Wie kam es dazu?

Doron: Ja, in meinen ersten fünf Büchern war ich sehr fokussiert auf das Thema Holocaust und auf mein Kindheitstrauma. Über meine literarische Arbeit bin ich dann mit Palästinensern in Kontakt gekommen, die sich für Frieden einsetzen. Ich lernte einen sehr intelligenten und charismatischen Mann kennen, der alle meine Vorurteile über Palästinenser zerstört hat. Ich wurde neugierig, wollte mehr über ihn und sein Leben erfahren. Er hat mir dann seine Tür und sein Herz geöffnet und es mir ermöglicht, drei Jahre lang bei seiner Familie zu wohnen. Ich habe die Lebensgeschichte dieser Menschen in meinem Buch „Who the fuck is Kafka“ erzählt. Dadurch ist meine eigene Lebensgeschichte verändert worden. Denn ich bekam zum ersten Mal eine Perspektive auf uns Israelis als Besatzer.

In ihrem folgenden Buch „Sweet Occupation“ beschreiben Sie ihre eigenen Vorbehalte gegenüber Gesprächen mit einer anderen Gruppe von Palästinensern, den „Combatants for Peace“. Das sind Aktivisten, die sich vom bewaffneten Kampf losgesagt haben. Und Sie schildern, wie Sie diese Zweifel langsam überwunden haben. Ist es Ihnen schwergefallen, Verständnis für den „Feind“ aufzubringen?

Doron: Die „Kämpfer für den Frieden“ waren für mich zunächst Terroristen. Ich wäre mental nie in der Lage gewesen, sie zu treffen, wenn ich nicht vorher die positive Erfahrung mit der palästinensischen Familie gemacht hätte. Deshalb gab es für mich keine moralischen Bedenken, eine rote Linie zu überschreiten und mit einem „Feind“ in Kontakt zu treten, der wegen versuchten Mordes an einem Angehörigen meines Volkes in einem israelischen Gefängnis saß. Natürlich war für mich dieser Schritt nicht einfach, vielleicht auch wegen meiner Erziehung. Aber letztlich hat im Laufe der Gespräche mein Blick auf den Menschen gesiegt. Auch die „Combatants for Peace“ sind nahe, geliebte Freunde geworden.

Wie hat die israelische Politik, wie hat die israelische Gesellschaft auf das Buch reagiert?

Doron: Die israelische Gesellschaft konnte gar nicht reagieren. Denn seit ich mich in meinen Büchern nicht mehr mit dem Holocaust beschäftige, finde ich in Israel keinen Verleger mehr. Selbst manche meiner engsten Freunde wissen nicht, dass ich Bücher im Ausland veröffentlicht habe, die die israelische Geschichte aus einem anderen Blickwinkel erzählen.

Wie erklären Sie sich die ablehnende Haltung?

Doron: Geschichten von Menschen, die als Linke gelten, werden heute oft vernachlässigt. Das ist nicht nur in Israel so. Meine Bücher wurden auch in keinem arabischen Staat veröffentlicht, ebenso wenig in einigen europäischen Ländern. Wir leben in einer Zeit des Nationalismus und der Unsicherheit. Der demokratische Schutzschild ist brüchig. Da wird es akzeptabel, Positionen außerhalb des allgemeinen Konsenses zu ignorieren.

Wie tief stecken die Vorbehalte gegenüber den Palästinensern in der israelischen Gesellschaft?

Doron: Es gibt immer noch Gruppen, die Frieden anstreben und die Rechte der Palästinenser anerkennen wollen. Aber leider werden sie immer kleiner. Die israelische Gesellschaft beschäftigt sich inzwischen mit anderen Themen. Beispielsweise mit Fragen der Religion oder der Identität des Staates. Zudem ist es der politischen Rechten in Israel gelungen, dass die angebliche Gefährdung durch den Iran oder die Lage in Syrien die tägliche politische Auseinandersetzung dominieren. Sie lenken damit von der Palästinenserfrage ab.

Was ist von der großen Friedenssehnsucht und dem Friedenswillen geblieben, die während der Regierungszeit von Yitzhak Rabin in der israelischen Gesellschaft zu spüren war?

Doron: Die Zeit von Rabin ist vorbei. Auf beiden Seiten herrscht heute eine völlig andere Stimmung. Übrig geblieben ist vielleicht das Wort Frieden. Wobei inzwischen keiner mehr genau weiß, was es bedeutet. Der Wunsch nach einem Frieden mit den Palästinensern hat in der israelischen Gesellschaft jedenfalls keine hohe Priorität mehr.

Von Ihnen stammt der wunderbare Satz „Die Tragödie des anderen zu verstehen, ist die Voraussetzung, um einander keine weiteren Tragödien zuzufügen“. Welche Tragödie der Palästinenser versteht die Mehrheit der Israelis nicht?

Doron: Die israelische Gesellschaft kennt ihre eigene Tragödie nicht. Sie besteht darin, einem anderen Volk Schlimmes angetan zu haben. Es herrscht eine völlige Ignoranz gegenüber der Notlage der Palästinenser. Die Nakba, also die Vertreibung großer Teile der arabischen Bevölkerung während der Zeit der israelischen Staatsgründung, taucht weder in den Lernplänen der Schulen noch an anderer Stelle des öffentlichen Lebens auf. Sie ist ein Tabu. Dabei müsste es in der israelischen Gesellschaft viel mehr Selbstkritik geben. Doch wir sind nur mit den eigenen Tragödien beschäftigt und sehen die Tragödien des anderen nicht. Das ist unsere wahre Tragödie.

Und welche israelische Tragödie verstehen die Palästinenser nicht?

Doron: Ich war überrascht, wie wenig mein palästinensischer Freund über den Holocaust wusste. Er weigerte sich auch, die Gedenkstätte Yad Vashem zu besuchen. Die israelische wie die palästinensische Seite stellt sich stur: Solange Du meine Geschichte nicht kennst, will ich deine Geschichte nicht kennen. Beide Geschichten stehen in Konkurrenz zueinander, werden nicht gleichzeitig erzählt. Ich versuche das zu durchbrechen.

Was muss politisch geschehen, um einen neuen Friedensprozess in Gang zu setzen?

Doron: Wäre ich Zynikerin, würde ich sagen: Es bedarf eines neuen Krieges. Aber ich bin keine Zynikerin. Ein weiterer Krieg wäre schrecklich. Gleichzeitig bin ich erstaunt, wie viele Menschen die Besatzung akzeptieren. Vielleicht, weil es Israel wirtschaftlich gut geht und das Land von außen unterstützt wird. Ich sehe kaum Willen, etwas zu verändern. Es herrscht Stagnation.

Optimistisch klingt das nicht.

Doron: Richtig. Ich habe meine Erwartung an die Politik deutlich heruntergeschraubt. Ich hoffe aber immer noch auf die israelische Zivilgesellschaft, auf junge Leute, die sich für Menschenrechte und Meinungsfreiheit einsetzen. Sie müssen endlich aufwachen. Nur von ihnen kann eine Veränderung zum Positiven ausgehen.

Wie sieht Ihr Traum von einer friedlichen Zukunft im Nahen Osten aus? Wird es eines Tages einen gemeinsamen Staat für jüdische Israelis und Palästinenser geben? Oder ist ein friedliches Zusammenleben nur in zwei getrennten Staaten möglich?

Doron: Ich weiß es nicht. Zu oft sind meine Träume schon geplatzt. Viele werden vielleicht niemals verwirklicht. Ich persönlich habe für mich eine andere Lösung gefunden. Ich pendle zwischen zwei Staaten und habe so meinen neuen Staat. Er heißt: Tel Aviv-Berlin.

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