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Konkurrenz von rechts: Le Pen will in den Elysée-Palast

Konkurrenz von rechts : Le Pen will in den Elysée-Palast

Die Rechtsextremistin, die sich in einem Umfragehoch befindet, rechnet sich gute Chancen aus, den französischen Präsidenten Emmanuel Macron 2022 aus dem Elysée-Palast zu verjagen

Es ist ihr dritter Versuch, das höchste Amt im Staat zu erobern, und kein anderer Bewerber oder keine andere Bewerberin ist je so früh aus der Deckung gekommen. Bereits im Januar 2020 und damit gut 30 Monate vor dem Stichdatum erklärte Marine Le Pen, die Chefin der auf den Namen „Rassemblement National“ (RN) umgetauften rechtsextremen Partei „Front National“, ihre Kandidatur für die im kommenden Frühjahr anstehenden Präsidentschaftswahlen. Die 52-jährige Juristin hat einen langen Atem – und das scheint sich auszuzahlen.

Schon zu Beginn des Jahres sorgte eine repräsentative Umfrage für Aufregung, die Le Pen nicht nur bescheinigte, mit 27 Prozent das mit Abstand beste Ergebnis sämtlicher potentiellen Anwärter in der ersten Wahlrunde erzielen zu können. Glaubt man dem renommierten Ipsos-Institut, würde sie zudem in der entscheidenden Stichwahl Amtsinhaber Emmanuel Macron nur äußert knapp mit 48 zu 52 Prozent unterliegen. Bei der von den Meinungsforschern ausgewiesenen Fehlerquote von fünf Punkten ist da sogar ihr Sieg keineswegs auszuschließen.

Macron hält sich noch zurück

Freilich ist der Wert einer so lange vor dem Wahltermin erstellten Umfrage nicht allzu hoch anzusetzen. Zum einen, weil mit dem Linkspopulisten Jean-Luc Mélanchon und dem konservativen Regionalratspräsidenten Xavier Bertrand nur die Namen zweier weiterer Kandidaten zweifelsfrei feststehen und selbst Macron noch nicht seine Absicht bestätigt hat, sich um ein zweites Mandat zu bewerben. Zum zweiten haben französische Politiker, die von den Umfragen ein Jahr vor einer Präsidentenwahl zum Favoriten gekürt wurden, am Ende mit schönster Regelmäßigkeit den Kürzeren gezogen. Nur zur Erinnerung: Zwölf Monate vor dem Erdrutschsieg von Macron galt der konservative Ex-Premier Alain Juppé als nahezu unschlagbar. Doch Juppé scheiterte später bereits bei den Primärwahlen seiner eigenen Partei.

Anders Le Pen. Als Mitfavoritin fuhr sie bereits 2017 in der ersten Wahlrunde das beste Ergebnis aller elf angetretenen Kandidaten ein, um dann allerdings im Stechen von Emmanuel Macron mit lediglich 33,7 Prozent nach Hause geschickt zu werden. Einer der Gründe hierfür war das traditionelle TV-Duell, wo die höchst aggressiv auftretende und zudem in Wirtschaftsfragen eine bedenkliche Inkompetenz an den Tag legende Rechtsextremistin in Bausch und Bogen unterging.

Aber Le Pen hat diese Schlappe weggesteckt und die Vorsitzende der stärksten Partei Frankreichs (als solche ging RN sowohl 2019 als auch 2014 aus den Europawahlen hervor, die die links des Rheins die einzigen Urnengänge sind, bei denen das Verhältniswahlrechts gilt) glaubt felsenfest, dass sie ein sich abzeichnendes Rückspiel für sich entscheiden kann.

Offenbar lenken das durch die mit der Corona-Epidemie einhergehenden Einschränkungen hervorgerufene Stimmungstief und der von vielen Franzosen als arrogant empfundenen Regierungsstil Macrons jede Mange Wasser auf die Mühlen der Rechtsextremistin. Der desolate Zustand der Sozialisten und der konservativen Republikaner sorgt zudem dafür, dass die Rechtsextremistin als einzige wirkliche Alternative zum Amtsinhaber dasteht. Es könnte demnach tatsächlich sehr viel enger werden, wenn sich bei der Stichwahl im Mai 2022 erneut Macron und Le Pen gegenüberstehen.

Zumal Le Pen ganz offensichtlich die Lehre aus ihren Fehlern im letzten Präsidentschaftswahlkampf gezogen hat. Verschreckte sie damals mit schrillen Tönen, bemüht sie sich nun um das Bild einer „Staatsfrau“. Fernab verbaler Ausfälle gegen Immigranten oder den Islam betont sie nun, allein das Interesse des Landes im Blick zu haben und alles daranzusetzen, dessen Bürger und insbesondere die kleinen Leute gegen die von einem „Präsidenten der Reichen“ verordneten Zumutungen zu verteidigen. Gleichzeitig bemüht sich Le Pen, weniger Angriffsfläche zu bieten. Weil eine deutliche Mehrheit der Franzosen gegen die Rückkehr zum Franc und gegen einen „Frexit“ ist, hat sie sie sich von beiden Forderungen sang- und klanglos verabschiedet.

Papierform ist besser als 2017

Auf dem Papier scheint die RN-Frontfrau damit 2022 tatsächlich besser aufgestellt als 2017. In 13 Monaten mag zwar noch viel Wasser die Seine hinabfließen, aber Macron, den der coronabedingte Absturz der Volkswirtschaft um beinahe alle Früchte seiner Reformpolitik gebracht hat, darf sich nicht darauf verlassen, dass ihm allein die Furcht vor den Extremisten eine Wiederwahl sichert. Zwar stufen 74 Prozent der Wähler das Rassemblement National als rechtsextrem und 62 Prozent als rassistisch ein, aber nur 55 Prozent erklären „niemals“ für Le Pen stimmen zu wollen.

Le Pen ihrerseits weiß, dass sie mittlerweile über ein ungleich besseres Image verfügt als ihre Partei. Und sie gedenkt, die Konsequenzen daraus zu ziehen. In der Hoffnung, dadurch über Parteigrenzen hinweg wählbarer zu werden, wird sie den Parteivorsitz Anfang des nächsten Jahres abgeben. Im Ringen um den Elysée-Palast, so begründete sie ihren Schritt, wolle sie nicht allein die Wähler des Rassemblement National repräsentieren, sondern „alle Bürgerinnen und Bürger, die mit mir den nationalen Kampf zu führen bereit sind“.