Kommentiert: Ohne jedes Maß

Kommentiert: Ohne jedes Maß

Dem Bischof von Limburg laufen die Schäfchen davon: Vor dem örtlichen Amtsgericht sollen sich in den vergangenen Tagen bereits Schlangen von Austrittswilligen gebildet haben. Verdenken kann man es den Leuten angesichts der jüngsten Berichte kaum.

Was vielen jedoch nicht klar ist: Auch nach einem Kirchenaustritt wird jeder Steuerzahler weiterhin für die katholische und für die evangelische Kirche zur Kasse gebeten.

Und zwar nicht zu knapp: Fast eine halbe Milliarde Euro an Steuergeldern überweist der Staat den Kirchen jährlich — unabhängig von der Kirchensteuer, die er nur im Auftrag der Kirchen kassiert. Und das sind nur die direkten Staatsleistungen. Hinzu kommt eine kaum überschaubare Fülle an sogenannten negativen Staatsleistungen — etwa die Befreiung von Steuern und Gebühren. Eine solche Praxis ist in einem modernen Staat eigentlich nicht mehr haltbar. Insofern kann man Bischof Tebartz-van Elst nur dankbar sein, dass er den Blick auf dieses gerne verdrängte Thema richtet.

Man mag über den Umgang des Bischofs mit der Wahrheit ohnehin denken, was man will: Sein Verständnis von Kirche fußt auf einem äußerst traditionsreichen Fundament. Hätten nämlich alle Kirchenfürsten früherer Jahrhunderte nur auf das Geld geschaut, der eine oder andere Dombau wäre kaum zu realisieren gewesen — auch nicht der des Petersdoms zu Rom.

Der feine Unterschied Der feine Unterschied: Zeitgemäß sind derlei Prachtbauten längst nicht mehr. Da ist es gut, wenn sich deutsche Bischöfe zunehmend, wenn auch nicht ganz freiwillig, zur Transparenz ihrer Finanzen verpflichten. Allein, dies genügt nicht!

Wer sich heute ein wenig mit den Grundlagen der Kirchenfinanzierung beschäftigt, der stößt zumeist auf uralte Regelungen. Weil die Kirchen zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom Staat enteignet wurden und es nie zu einer einmaligen Kompensation gekommen ist, sehen sich Bund und Länder nach wie vor in der Pflicht — und zahlen munter weiter, Jahr für Jahr. Millionen und Abermillionen werden fällig für Bauzuschüsse, aber auch Personalausgaben, unter anderem für Religionslehrer und Bischöfe.

Unfassbares Vermögen

Eine Untersuchung für das Jahr 2000, aus der der „Spiegel“ zitiert, ergab, dass die Kirchen alleine in jenem Jahr insgesamt — also positive und negative Staatsleistungen zusammengenommen — knapp 17 Milliarden Euro an staatlichen Zuwendungen erhalten haben; wohlgemerkt neben der Kirchensteuer in Höhe von 10 Milliarden.

Nach Schätzungen des Berliner Politologen Carsten Frerk summiert sich das Barvermögen der kirchlichen Rechtsträger auf rund 50 Milliarden Euro. Gleichzeitig muss die Kirche nicht einmal Steuern zahlen: keine Grundsteuer, keine Körperschaftsteuer, keine Kapitalertragsteuer.

Das sind unfassbare Beträge, deren schiere Höhe Fragen aufwirft: Wofür braucht die Kirche so viel Geld? Und wie verträgt sich all das mit dem von Papst Franziskus ausgegebenen Postulat der Bescheidenheit?

Auf diese Fragen muss die Kirche Antworten finden. Antworten, die eigentlich nur zu einem Schluss führen können: dass es endlich einen sauberen Schnitt geben muss zwischen den Finanzen von Kirche und Staat.

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