Kommentiert: Es ist nie zu spät!

Kommentiert: Es ist nie zu spät!

Muss das denn wirklich sein? Muss man einen 94-Jährigen, der dem Tod anscheinend näher ist als dem Leben, vor Gericht zerren?

Muss man ihn und die Öffentlichkeit belasten mit Ereignissen, die mehr als 70 Jahre zurückliegen? Kann man die Vergangenheit nicht einfach ruhen lassen?

Denjenigen, denen während des Prozesses gegen den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning solche Gedanken durch den Kopf gegangen sein sollten, kann man nur entgegnen: Ja, das muss sein. Verbrechen gegen die Menschlichkeit verjähren nicht. Von der moralischen Pflicht der Deutschen mal ganz abgesehen.

Am Mittwoch ist Gröning zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er nicht einen Tag hinter Gittern verbringen; sein gesundheitlicher Zustand ist zu schlecht. Zudem überlegen Staatsanwaltschaft und Verteidigung, nun erst einmal Revision einzulegen. Bis das Urteil rechtskräftig wird, kann es deshalb noch Monate, wenn nicht Jahre dauern.

Doch es geht bei diesem Prozess nicht um das Strafmaß an sich und darum, ob Gröning die Haftstrafe nun antritt oder nicht. Es geht um Gerechtigkeit; auch wenn diese Jahrzehnte zu spät kommt. Nach dem Holocaust hat sich Deutschland, um es mit dem jüdischen Schriftsteller und Holocaust-Überlebenden Ralph Giordano zu sagen, zum zweiten Mal schuldig gemacht. Zu viele der Täter sind ungeschoren davongekommen.

Von den 6500 SS-Angehörigen, die in Auschwitz im Einsatz waren, wurden bislang nur 49 für ihre Taten verurteilt. Schuld daran ist die lange gepflegte deutsche Kultur des Wegsehens und Schweigens. Und die deutsche Rechtsprechung, die bis 2011 davon ausging, dass KZ-Aufsehern eine direkte Beteiligung an den Morden nachgewiesen werden muss, damit sie rechtskräftig verurteilt werden können. Auch Gröning hätte schon viel früher vor Gericht belangt werden können. Schon 1977 (!) wurde erstmals gegen ihn ermittelt.

Die Fehler der Vergangenheit lassen sich nicht mehr rückgängig machen. Umso wichtiger, dass der Lüneburger Auschwitz-Prozess und das gestrige Urteil nun ein deutliches Signal in die Welt senden: Für Gerechtigkeit ist es nie zu spät.

Und auch noch unter einem anderen Aspekt ist der Prozess bemerkenswert: Oskar Gröning hat sich vor Gericht anders verhalten als die meisten anderen Angeklagten. Man erinnere sich an den ehemaligen KZ-Aufseher John Demjanjuk, der dreist genug war, sich vor Gericht als Opfer eines „politischen Schauprozesses“ darzustellen. Oder an die vielen anderen NS-Verbrecher, die vor Gericht nie öffentlich bereut oder Worte des Bedauerns für das Geschehene gefunden haben.

Die meisten haben feige geschwiegen oder versucht, ihre Rolle im Holocaust möglichst kleinzureden. Sie alle waren nur die berühmten „kleinen Rädchen im Getriebe“. Und die Richter haben dies nur zu gerne geglaubt.

Auch Gröning hat sich mit dem Eingeständnis seiner Schuld schwergetan. Aber: Im Gegensatz zu den anderen NS-Kriegsverbrechern hat er vor Gericht bereut und zumindest eine moralische Mitschuld eingestanden. „Es tut mir ausdrücklich leid“, sagte er am letzten Prozesstag. Worte, auf die Holocaust-Überlebende und Angehörige der Opfer lange genug warten mussten.

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