1. Politik

Klimaaktivistin Luisa Nebauer warnt vor weiteren Pandemien.

Interview mit Luisa Neubauer : „Wir dringen bis in die letzte Wildnis vor“

Die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer sieht in der Pandemie einen Auftrag für Regierungen, gegen Umweltzerstörung vorzugehen.

Luisa Neubauer ist das deutsche Gesicht der Bewegung „Fridays for Future“. Im Interview mit Jana Wolf spricht die Klimaschutzaktivistin über den Zusammenhang von Umwelt- und Klimaskatastrophen und der Entstehung von Pandemien. Sie geht davon aus, dass die Bürgerinnen und Bürger weitere Pandemien erleben werden – und sieht zugleich einen Ausweg aus der Krisenbelastung.

Frau Neubauer, alle Welt redet über die Corona-Pandemie, ihre Folgen und Bewältigung. Kommen Ihnen die Ursachen in der Diskussion zu kurz?

Luisa Neubauer: Ja, es gibt ein enormes Ungleichgewicht darin, wie viel über die tagesaktuelle Lage in der Coronavirus-Pandemie gesprochen wird und wie wenig darüber, welche Umstände die Pandemie ermöglicht haben und was in der Zukunft noch passieren könnte. Wir erleben einen „Jetzismus“, also eine Gegenwartsversessenheit in neuer Qualität. Das ist nicht wirklich hilfreich, wenn es darum geht, sich vor künftigen Krisen zu schützen. Viele Expertinnen und Experten sprechen bereits von einer pandemischen Zeit. Das Auftreten einer Pandemie ist auch immer zum Teil ein blöder Zufall. Aber es wäre fatal auszublenden, dass wir Menschen Umstände geschaffen haben, in denen Zoonosen – also Infektionen, die vom Tier auf den Menschen überspringen – immer wahrscheinlicher werden.

Das klingt so, als würde uns die Natur etwas heimzahlen. Ist das nicht ein verzerrtes Bild?

Neubauer: Na ja, Klima- und Naturschutz ist nichts, was wir dem Klima oder der Natur zuliebe tun müssen. Umgekehrt richtet sich Klima- und Naturzerstörung nicht nur gegen Klima und Natur, sondern unmittelbar gegen uns Menschen. Wir haben bislang sehr unterkomplex über die Konsequenzen unseres ökologischen Räuberns gesprochen. Und als westlich privilegierte Mitteleuropäer konnte man sich zusätzlich ganz gut einreden, nicht besonders stark von den Folgen betroffen zu sein, und so zu tun, als würden sie maximal die Zukunft oder andere Regionen betreffen. Aber das stimmt auf so vielen Ebenen nicht! Die Zusammenhänge zwischen Klima, Umwelt und Gesundheit wurde bislang in der umweltpolitischen Debatte großzügig ausgeklammert.

Können Sie diese Zusammenhänge genauer erklären?

Neubauer: Eines vorweg: Ich berufe mich hier auf Studien und wissenschaftliche Erkenntnisse. Und die sind relativ beunruhigend. Die letzten großen, verbreiteten Zoonosen wie HIV, Ebola, Sars, Mers, Zika sind in immer kürzeren Abständen aufgetreten. Bei Tieren richten diese Viren häufig wenig Schaden an, aber wenn die Krankheiten auf den Menschen übertragen werden, wird es gefährlich. Die Frage ist dann, woher die große Nähe zwischen wilden Tieren und Menschen kommt, die diese Verbreitung ermöglicht. Dabei spielt Wildtierhandel eine Rolle – und zwar nicht nur in China. Es verschwinden aber auch immer mehr die geschützten Lebensräume dieser Tiere, weil wir bis in den letzten Fleck Wildnis vordringen. Auch der Klimawandel erhöht die Wahrscheinlichkeit von Pandemien, weil sich Ausbreitungsräume von Infektionskrankheiten verschieben. Wenn wir Natur zerstören und Wälder roden, dann zerstören wir immer mehr die Chancen, dass wir sichere und gesunde Leben führen können. Wir können nicht gesund bleiben in einer kranken Umwelt.

Leiten Sie daraus konkrete Forderungen ab?

Neubauer: Wir erleben ja gerade, wie schnell es mit den Mutationen gehen kann. Manche sehen darin eine dritte Welle, andere sprechen schon jetzt von einer zweiten Pandemie. Diese Erfahrungen müsste für die Bundesregierung, aber auch für Regierungen weltweit eine maximale Motivation sein, sich der Klimakrise entgegenzustellen und das Ende der Naturzerstörung anzugehen. Die Pläne und Zielsetzungen dafür liegen seit Jahren auf dem Tisch, aber Regierungen haben sich darüber hinwegsetzt. Man hat kein einziges der 20 UN-Biodiversitätsziele bis 2020 erreicht. Ja, die notwendigen Transformationen sind manchmal inhärent langsam – aber vor allem dann, wenn man positiven Wandel aktiv verhindert. Eine konkrete Idee auf dem Tisch ist es, einen großen Teil des Planeten, etwa 30 bis 50 Prozent, unter Schutz zu stellen. Dran knüpft sich eine große Gerechtigkeitsfrage, weil man Menschen nicht ihren Lebensraum absprechen kann. Aber wir müssen darüber nachdenken, wie man Raum schaffen kann, damit die Natur und wir uns von unserer eigenen Zerstörung erholen können.

Die Pandemie zeigt uns, wie stark unser Leben durch Naturkatastrophen plötzlich verändert werden kann. Wird diese Erfahrung das Bewusstsein für künftige ökologische Krisen schärfen?

Neubauer: Viel hängt davon ab, wie wir weiter über diese Pandemie sprechen. Wird uns die Pandemie als Krisenmoment in Erinnerung bleiben, den wir nicht wieder erleben wollen? Corona sollte ein Antrieb dafür sein, heute dafür zu sorgen, dass Krisen von Morgen vermieden und abgeschwächt werden. Wir können es uns nicht leisten, weiterhin mit dieser Selbstgefälligkeit durch ökologische Räume zu räubern und anzunehmen, dass das nicht auf uns zurückfallen kann. Die Pandemie, die ökologischen Katastrophen, all das zeigt uns doch: Es fällt auf uns zurück.

In der akuten Corona-Lage von künftigen, multiplen Krisen zu sprechen, ist heikel. Wie kann es gelingen, einerseits die Realität klar zu benennen und andererseits nicht zu viel Angst zu schaffen, um den Menschen nicht alle Motivation zum Handeln zu nehmen?

Neubauer: Es geht mir darum, zu hinterfragen, warum wir nicht umfassend über diese Krisen sprechen. Es ist gefährlich anzunehmen, dass wir nur eine singuläre Pandemie erleben. Ich finde eine nächste Pandemie zwar unvorstellbar, aber es wäre gleichzeitig naiv zu glauben, dass das nie wieder auftaucht. Und dann: Gute Nacht.

Das klingt jetzt noch nicht nach Motivation zum Handeln.

Neubauer: Es braucht mehr Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit bei der Frage, was wir über die Ursachen dieser Pandemie wissen. Man sollte den Menschen reinen Wein einschenken. Das kann doch hoffnungsfroh sein: Es liegt in unserer Hand, dafür zu sorgen, dass wir gesünder leben können, wenn wir in der ökologischen Politik weiter vorangehen. Ich glaube, das wäre ein Ausweg aus dieser Krisenversessenheit und -belastung, wenn wir über Natur-, Umwelt- und Klimaschutz als etwas sprechen, das zu 100 Prozent uns Menschen zu Gute kommt. Diese anstrengende, drückende, zehrende Zeit ist die beste Werbung für richtig gute Krisenprävention. Und für eine Politik, die anerkennt, dass die multiplen Krisen untrennbar miteinander verbunden sind. Ich finde es einen schönen Gedanken, über diese Krise als Anfang von einem neuen Selbstverständnis nachzudenken, das Menschen, ihre Gesundheit und Lebensräume künftig viel ernster nimmt.