Aachen: Interview: AfD, Brexit und Trump treiben junge Leute auf die Straße

Aachen : Interview: AfD, Brexit und Trump treiben junge Leute auf die Straße

„Bücher statt Munition!“, rufen sie. Und: „Keine Waffen!“ In den USA meldet sich gerade eine Generation zu Wort, die mit der Angst vor Amokläufen an Schulen groß geworden ist. Sie wollen, dass sich endlich etwas tut, dass die Waffengesetze strenger werden.

Das besondere daran: Es sind Schüler, die da auf die Straße gehen und Veränderungen fordern — junge Menschen unter 18. Dabei wird doch genau denen so oft vorgeworfen, unpolitisch zu sein. Im Gespräch mit Katharina Menne, spricht die Politikwissenschaftlerin Simone Abendschön von der Universität Gießen über die Möglichkeiten der politischen Mitbestimmung von jungen Menschen.

In den USA erleben wir gerade ein beispielloses Aufbegehren der Jugend gegen die Waffenpolitik. War das überfällig?

Simone Abendschön: Wie Waffen in einer Kultur so sehr verankert sein können, ist für uns Deutsche nur schwer zu verstehen. Die Diskussion darüber ist aber überfällig. Obama wollte das Thema angehen, ist aber während seiner Amtszeit auf großen Widerstand seitens der Waffenlobby und der Republikaner gestoßen. Und die kleinen Änderungen, die er durchsetzen konnte, hat Trump schon wieder einkassiert. Für die Jugendlichen ist der Zeitpunkt deshalb gerade günstig: Das Thema ist nach zwei großen Attentaten in den Medien, hat also eine große Aufmerksamkeit, und zum ersten Mal zeichnet sich in Umfragen ab, dass die Mehrheit der US-Amerikaner für strengere Waffengesetze ist.

Aber das einzige was US-Präsident Donald Trump dazu einfällt, ist, Lehrer zu bewaffnen. Haben Jugendliche so wenig Einfluss?

Abendschön: Nun, Teenager dürfen nicht wählen. Ihnen fehlt also ein ganz grundsätzliches, wenn nicht das wichtigste, Partizipationsrecht. Aber ich würde gar nicht mal sagen, dass es ein Problem der Jugendlichen ist — in den USA ist es generell schwierig, gegen den Status Quo der Waffengesetzgebung anzukommen.

Sie erwähnen, dass Teenager nicht wählen dürfen. Befürworten Sie ein Herabsenken des Wahlalters?

Abendschön: Studien zeigen, dass es überlegenswert ist. Ich selbst halte es auch für eine gute Idee, da dadurch politisches Interesse gefördert werden kann. Eine Senkung des Wahlalters müsste aber gesellschaftlich diskutiert und schulische Lehrpläne entsprechend angepasst werden. Denn mit 16 zum Beispiel sind die meisten Heranwachsenden noch in der Schule und könnten dort fachlich kompetent auf die Wahl vorbereitet und begleitet werden.

Oft heißt es, dass die Jugend von heute politisch wenig interessiert ist und sich nur in den Sozialen Medien verkriecht. Wie sehen Sie das?

Abendschön: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Politisches Interesse unterliegt zeitlichen Schwankungen — bei Jungen wie auch bei Alten. Aktuell lässt sich feststellen, dass das politische Interesse von Jugendlichen wieder zunimmt. Alarmierender finde ich, zu sehen, dass die Schere zwischen Jugendlichen mit hohem und niedrigem sozialen Status seit einiger Zeit immer stärker aufgeht. Das führt dazu, dass die Interessen von bildungsmäßig Schwächeren nicht in der Politik ankommen.

Ist das politische Interesse denn themenabhängig?

Abendschön: Ja, politische Themen und Ereignisse spielen sicherlich eine Rolle. Seit Trump Präsident der USA ist, seit Großbritannien für den Brexit abgestimmt hat und seit die AfD in Deutschland im Aufwind ist, erleben wir auch in der öffentlichen Wahrnehmung, dass sich Jugendliche mobilisieren und politisieren, da viele diese Entwicklungen nicht mittragen möchten. Es lässt sich vermuten, dass diese Ereignisse viele junge Menschen wachgerüttelt haben.

Aber die Parteien verzeichnen doch zurzeit trotzdem keinen riesigen Zulauf von jungen Menschen ...

Abendschön: Aktive Parteipolitik interessiert nur eine Minderheit von Bürgern, das war schon immer so. Heutzutage gibt es eine Tendenz — vor allem unter Jugendlichen — zu flexibleren, kurzfristigeren politischen Partizipationsformen. Sie unterschreiben lieber Petitionen, schließen sich Organisationen an oder gehen für ein Thema auf die Straße, das sie bewegt. Außerdem ist das auch eine Frage des Lebenszyklus: Jugendliche haben einfach auch noch andere Prioritäten.

Wie führt man Kinder und Jugendliche am besten an die Demokratie und demokratische Teilhabe heran?

Abendschön: Idealerweise greifen hierbei alle Lebensbereiche ineinander: Eltern, Schule, Medien, soziale Organisationen. In den Familien sieht man seit einigen Jahrzehnten eine deutliche Entwicklung hin zum Verhandlungshaushalt. Kinder werden an Familienentscheidungen beteiligt. So erleben sie schon sehr früh Demokratie. Auch in den Kitas und Schulen zeigt sich, dass selbst jüngeren Kindern Mitspracherechte eingeräumt und Kinderkonferenzen oder Klassenräte eingeführt werden. Je früher diese Teilhabe anfängt, desto eher wird die Demokratie zu einem Teil der eigenen politischen Identität.

Gibt es deutsche Beispiele, was Jugendliche in der Politik in der Vergangenheit erreichen konnten?

Abendschön: Das ist schwer auf ein Beispiel zu reduzieren. Aber es gibt schon Möglichkeiten für Heranwachsende sich an politischen Entscheidungen zu beteiligen. In vielen Kommunen gibt es Jugendparlamente. Was dort im Einzelnen möglich ist, ist aber in der Realität sehr unterschiedlich. Und dann hat die Bundesregierung in ihrer letzten Legislaturperiode die Strategie „Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft“ ins Leben gerufen. Ich bin gespannt, wie es damit weitergeht.

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