Aachen: Exklusiver Reichtum: Wirtschaftlich funktionslos und gesellschaftlich parasitär

Aachen: Exklusiver Reichtum: Wirtschaftlich funktionslos und gesellschaftlich parasitär

Nicht nur Armut, auch Reichtum muss ein Thema der politischen Debatte sein. So hatten die beiden Großkirchen Deutschlands 1997 in ihrem Sozialwort gefordert. Auf diesen Appell hin haben die Regierenden regelmäßige Armuts- und Reichtumsberichte vorgelegt. Präzise Angaben über die Entwicklung des Reichtums in Deutschland blieben indessen ein weißer Fleck.

Immerhin wurde wiederholt eine gesellschaftliche Schieflage der Einkommen und Vermögen festgestellt, die zugenommen habe. 2007 verfügte das oberste Zehntel der nach dem Vermögen gruppierten privaten Haushalte über knapp 50 Prozent, die untere Hälfte dagegen bloß über ein Prozent des Gesamtvermögens.

Über Reichtum lässt sich nicht wertfrei debattieren. Kann er annähernd definiert werden, indem das Doppelte des durchschnittlichen Einkommens privater Haushalte als Reichtumsschwelle markiert wird? Oder beginnt der Reichtum bei einem Jahresgehalt von 16,6 Millionen Euro, das der Chefmanager von VW, Martin Winterkorn, 2011 bezog? Der frühere Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl unterschied 1996 zwischen wohlhabenden Haushalten und solchen, die reich sind. Von „Reichtum“ könne man erst bei einem Nettovermögen von zehn Millionen DM sprechen.

Kann die Frage des Reichtums vom Begriff des Eigentums her beantwortet werden? „Eigentum“ ist ein Begriff der Rechtssphäre. Manager einer Publikumsgesellschaft sind Angestellte, die berechtigt sind, über die Produktionsmittel zu verfügen, nicht Eigentümer. Das Eigentumsrecht der Anteilseigner beschränkt sich auf das Eigentum an Wertpapieren und den Empfang der Dividende. Der Eigentümer muss nicht reich sein.

Bildet der Begriff des Vermögens eine Brücke zu dem des Reichtums? Als vermögend gelten Personen und Haushalte, die über außergewöhnlich viele materielle Ressourcen verfügen — über Grund und Boden, Immobilien, Produktionsanlagen, Geld. Sind die Ressourcen an die Person gebunden, werden sie zu Kompetenzen. Individuen können reich sein an Wissen, Gesundheit, Schönheit, künstlerischer und sportlicher Begabung.

Macht entsteht durch ein außergewöhnliches Vermögen an Ressourcen und Kompetenzen. Konzentrierter wirtschaftlicher Reichtum ist in der Lage, sich die politische und private Sphäre wie eine fremde Besatzungsmacht zu unterwerfen. Die „Allgegenwärtigkeit“ des Geldes stattet diejenigen, denen außerordentlich hohe Geldvermögen gehören oder die Geld und Kredite unbegrenzt aus dem Nichts schöpfen können, mit einer erheblichen gesellschaftlichen Macht aus.

Die Sphäre exklusiven Reichtums erstreckt sich weit oberhalb des gehobenen Wohlstands, in die keine amtliche Statistik vordringt. Das „Manager Magazin“ hat für 2011 die Zahl der Personen und Haushalte in Deutschland, denen ein Nettovermögen von mehr als einer Milliarde Euro gehört, auf 108 beziffert.

Wer sind diese Reichen und Superreichen? Angehörige alter Adelsfamilien greifen auf hohe Einkommen und Vermögen zu, die selbst eine eigenständige Quelle von Reichtum sind. Innovative Unternehmer wurden reich durch eigene Arbeit und Marktgewinne, die ihnen zugeschwemmt sind. Berühmte Film- und Musikstars oder leistungsstarke Sportler erwerben temporären Reichtum.

In welche Mythen wird exklusiver Reichtum eingehüllt? Viele erklären ihn als Folge anstrengender Arbeit, asketischen Lebensstils und stetiger Sparneigung. Er garantiere die Marktsteuerung, die zu unternehmerischer Initiative anregt, Gewinne erwarten lässt und Verlustrisiken scheut. Exklusiver Reichtum sickere nach unten durch zum Wohlstand für alle, er steigere die Bereitschaft zu großzügigen Spenden.

Wie Reichtum entsteht

Und wie entsteht exklusiver Reichtum tatsächlich? Erstens durch die asymmetrische Verteilungsregel des Kapitalismus: Von den vier Ressourcen, die zur unternehmerischen Wertschöpfung beitragen, wird die Nutzung des öffentlichen Vermögens sowie des Arbeits- und Naturvermögens als Kostenfaktor definiert, das Ziel des Unternehmens jedoch ist die Vermehrung des Geldvermögens. Zweitens durch die politische Konvention, dass reale Investitionen aus Gewinneinkommen finanziert werden, während die Lohneinkommen in den Konsum fließen. Drittens durch spekulative Attacken auf den Finanzmärkten, die durch Kredite finanziert werden. Und viertens durch die steuerliche Begünstigung der Wirtschaftseliten durch den Staat: Höhere Einkommen wurden entlastet, die Vermögen steuerfrei gestellt, die Erbfolge steuerlich geschont. Dagegen ist die breite Bevölkerung durch Steuern auf den Verbrauch relativ stärker belastet.

Exklusiver Reichtum, der konzentriert auftritt, erzeugt in demokratischen Gesellschaften Ausgrenzungsprobleme, die den Zusammenhalt und Frieden bedrohen. Er schließt andere aus, sobald er direkt mit einer öffentlichen Armut einhergeht, die Haushalte im unteren Bereich der Bevölkerung härter trifft. Er beansprucht überdurchschnittlich endliche Ressourcen, knappen Wohnraum und nicht erneuerbare Energien. Er entzieht sich weithin der Finanzierung öffentlicher Aufgaben. Es gibt gute Gründe, ihn als realwirtschaftlich funktionslos und als gesellschaftlich parasitär zu ächten.

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