Aachen: Europa verbarrikadiert sich. Ist das die Lösung?

Aachen : Europa verbarrikadiert sich. Ist das die Lösung?

Die Europäer sind ein bisschen abgestumpft und geben sich mehrheitlich dem Eindruck hin, rund ums Mittelmeer habe sich die Lage der Flüchtlinge beruhigt. Die politisch Verantwortlichen wollen diese Ruhe auch nicht stören, weil sie ihnen eine gewisse Atempause verschafft, von der niemand weiß, wie lange sie dauert.

Wer in den nationalen Regierungen und den Behörden der EU mit der Fluchtbewegung sich nur ein bisschen auskennt, weiß, dass es sich um eine wahrgenommene Ruhe handelt, eine trügerische. Tatsächlich sterben weiterhin fast täglich Flüchtlinge auf ihrem gefährlichen Weg nach Europa, in zahllosen Lagern rund ums Mittelmeer herrschen oft katastrophale Zustände. Der Druck bleibt.

Kaum überwindbar: die Grenze zwischen Marokko und der spanischen Enklave Melilla. Foto: imago/Piero Chiussi

Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer des Aachener Hilfswerks Misereor, war Anfang des Jahres in Marokko und im Grenzgebiet nahe der dortigen spanischen Enklave Melilla. Hier stranden Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Migranten aus westafrikanischen Ländern. Sie wollen nach Europa und hoffen auf ein Leben dort in Würde und Sicherheit. Darüber und über die Herausforderungen, die sich daraus für die Europäer und die Deutschen ergeben, sprach Peter Pappert mit Bröckelmann-Simon.

Wie kommt der Traum vom gelobten Land Europa in die Köpfe derer, die im Norden Marokkos in Lagern hausen und darauf setzen, eben dieses „gelobte Land“ zu erreichen?

Bröckelmann-Simon: Auch das ist ein Ergebnis der Globalisierung. Internet ist in Afrika immer stärker verbreitet. Man kann also sehen, wie gut es Europa geht. Zudem schicken Verwandte und Freunde, die bereits in Europa leben, Bilder und Informationen. In meinen Gesprächen haben mir junge Leute wiederholt gesagt, sie wollten zu Freunden in Frankreich, in Skandinavien oder Russland.

Welche Vorstellung haben diese Menschen von ihrem künftigen Leben in Europa?

Bröckelmann-Simon: Arbeit, Geld verdienen — womit auch immer. Es hat mich tief beeindruckt, mit welcher unerschütterlichen Beharrlichkeit und welchem Zukunftswillen diese Menschen das ganze Leid und Elend auf sich nehmen und ihr Ziel verfolgen. Die Reise durch die Sahara ist lebensgefährlich, und die Lebensbedingungen dort sind erbärmlich, unerträglich. Sie hausen in notdürftigen Zelten, es ist kalt, es regnet. Hygienisch ist es katastrophal, und die Migranten werden immer wieder geprügelt oder deportiert. Wer es tatsächlich schafft, die meterhohen Zäune vor der spanischen Enklave zu überwinden, läuft Gefahr, dass er von Spanien gewaltsam zurückgebracht wird. Das ist zwar ein Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtscharta, kommt aber immer wieder vor.

Wie realistisch ist die Hoffnung, von dort nach Europa zu gelangen?

Bröckelmann-Simon: Immer wieder schaffen es Menschen. An die klammert man seine Hoffnung, nicht an die, die auf der Flucht sterben.

Sind sich die Menschen darüber im Klaren, welch ungesicherten Status sie in Europa hätten, wenn sie es überhaupt bis dorthin schaffen?

Bröckelmann-Simon: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe dort in den Camps mit Leuten gesprochen — auch darüber, wie sich die Willkommenskultur in Europa verändert hat. Das wird gehört, aber nicht verinnerlicht. Die Hoffnung der Migranten auf ein besseres Schicksal ist stärker. Alle wissen von den Todesfällen. Seit Januar sind allein vor Melilla schon 28 Tote aus dem Wasser gezogen worden — mehr als im gesamten letzten Jahr.

Wie viele Flüchtlinge und Migranten sind dort im Norden Marokkos?

Bröckelmann-Simon: In den 40 bis 50 wilden Camps um Melilla herum dürften es rund 4000 bis 5000 sein, mehrheitlich junge Männer, aber auch 20 Prozent Frauen und Mädchen, zum Teil mit Kindern, die besonders gefährdet und von sexueller Gewalt bedroht sind. Der Anteil der unbegleiteten Minderjährigen nimmt zu. Insgesamt werden aktuell rund 40.000 illegale Migranten in Marokko geschätzt.

Aus welchen Ländern kommen sie?

Bröckelmann-Simon: Aus ganz Westafrika, zum Beispiel aus Guinea, Mali, dem Senegal, der Elfenbeinküste und Niger. Aus Nahost kommen gut zehn Prozent.

Denkt niemand angesichts der aussichtslosen Lage an Rückkehr?

Bröckelmann-Simon: Das ist für die allermeisten keine Option. Das hat auch etwas mit Scham und Schande zu tun. Viele sind aufgebrochen — von der Familie oder dem Dorf unterstützt und voller Hoffnung. Zurückzukehren und es nicht geschafft zu haben, wäre eine tiefe Schmach. Wenn Sie in diese Camps gehen, sehen Sie pure nackte menschliche Existenz gepaart mit beeindruckender innerer Kraft. All diese Entbehrungen und Verletzungen auszuhalten, immer wieder aufzustehen, das sollte uns in Europa in unserer Migrationspolitik zu denken geben. Es zeigt: So hoch die Mauern und Zäune auch sind, so stark Soldaten sie bewachen, gegen diese innere Kraft der Zukunftshoffnung kommen wir auf Dauer nicht an.

Welche Alternative gibt es zum derzeitigen Umgang mit Migranten?

Bröckelmann-Simon: Wir brauchen legale Wege. Es ist zwecklos und falsch, Migration zu verteufeln; sie ist eine Konstante der Menschheitsgeschichte. Wir können sie nicht aus der Welt schaffen. Sie hat auch in unserer Geschichte immer eine positive Rolle gespielt. Migration ist ein historisches Faktum. Sie muss gesteuert werden, aber sie lässt sich nicht aufhalten. Wir müssen zum Beispiel mehr über temporäre Arbeitsvisa nachdenken. In den 70er, 80er, auch noch 90er Jahren gab es diese für Afrikaner ganz problemlos für Saisonarbeit in Italien oder Spanien. Die Leute kamen und gingen wieder.

Die Europäische Union tut alles, um „die Festung Europa möglichst uneinnehmbar zu machen“, wie Sie sagen. Die das politisch zu verantworten haben, können davon ausgehen, dass sie im Konsens mit der großen Mehrheit der Bevölkerung handeln. Misereor weist auf die Verantwortung hin, die Deutschland hat und gut verdränge. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viel Prozent der erwachsenen Deutschen diese Verantwortung empfinden?

Bröckelmann-Simon: Ich kann Ihnen keine Zahl nennen. Ich nehme nur wahr, dass unsere Gesellschaft sich in den letzten Jahren, seit in Syrien Krieg ist, immer mehr polarisiert hat. Es gibt einen Riss zwischen denjenigen, die meine Empörung teilen, und denen, die Abschottung für richtig halten. Die Mehrheit der Deutschen stellt diese Praxis nicht infrage; das ist mir bewusst.

Das Problem der Fluchtbewegung aus Nahost und Afrika nach Europa spielt hierzulande schon länger keine große Rolle mehr. Die Politik setzt darauf, dass die seit 2016 umgesetzten Abschottungsmaßnahmen eine neuerliche Welle von Flüchtlingen wie 2015 verhindern. Wie realistisch ist das?

Bröckelmann-Simon: Es ist kurzsichtig. Es wird auf Dauer nicht funktionieren. Irgendwann fällt jede Mauer; das sollten die Deutschen am besten wissen. Wir werden als Teil der Menschheitsfamilie in Europa keine Zukunft haben, wenn wir glauben, die Mauern müssten nur hoch genug sein. Gegen die Entschlossenheit von Verzweifelten und die Zuversicht von auf Zukunft Hoffenden werden wir nicht ewig ankommen.

Es herrscht derzeit also eine trügerische Ruhe?

Bröckelmann-Simon: Ja, das ist so. Diese Haltung blendet Teile der Wirklichkeit einfach aus. Es wird aber nicht weniger schrecklich, nur weil man es nicht sieht. Das gilt ja nicht nur für Marokko. Die Situation in Libyen ist noch viel grässlicher. Die Zustände auf den griechischen Inseln sind katastrophal, genauso in den Flüchtlingslagern im Irak, im Libanon. Es ist furchtbar, aber wir sehen es nicht.

Die allermeisten Menschen hierzulande wollen von Flüchtlingen nichts wissen, weil sie wissen, dass sie sich wahrscheinlich sehr unwohl fühlen müssten und würden, wenn sie genau hinschauen. Und wer will sich schon gerne unwohl fühlen. Das ist die Realität.

Bröckelmann-Simon: Das ist die Realität. Das ist unser großes Thema, seit es Misereor gibt: die Fernstenliebe. Die Welt endet nicht am eigenen Gartenzaun — heutzutage weniger als je zuvor; dieses Bewusstsein wachzuhalten, ist nicht einfach. Wir haben lange gedacht, Krieg betreffe uns nicht mehr. Der Krieg im Nahen Osten hat uns wegen der geografischen Nähe aber doch erwischt. Im Bosnien-Krieg ist uns das schon vorher klar gewor- den. Man kann die Welt draußen, nur weil sie uns bedrückt und erschreckt, nicht aussperren. Diese Haltung ist nicht zukunftsfähig.

Aber weit verbreitet.

Bröckelmann-Simon: Ja.

Und tief verwurzelt. Die Erhaltung unseres eigenen Wohlstands und unsere Ruhe sind uns wichtiger als das Leid der Flüchtlinge. Die sind uns ziemlich egal.

Bröckelmann-Simon: Das würde ich nicht sagen. Ich sehe doch, wie viele Menschen sich engagieren, Flüchtlinge willkommen heißen und sich um sie kümmern, ohne naiv zu sein, ohne die Integrationsprobleme auszublenden. Niemand behauptet, dass das einfach ist. Aber die Alternative ist noch viel problematischer; sie hieße: Wir wehren uns mit allem, was wir haben, und auf jede erdenkliche Weise, um unseren Wohlstand und Lebensstil gegen die Unterprivilegierten zu schützen. Dann muss man in letzter Konsequenz auch bereit sein zu schießen.

Wer will das? Trotzdem wollen sich die meisten Menschen hierzulande Flüchtlinge möglichst vom Hals zu halten. Das dürfen Sie nicht sagen, weil Sie sich das als Repräsentant Misereors nicht leisten können.

Bröckelmann-Simon: Meine Aufgabe ist zu sagen: So sieht die Realität aus. Nehmt sie zur Kenntnis!

Die Mehrheit nimmt sie aber nicht zur Kenntnis.

Bröckelmann-Simon: Ich kann ja niemanden dazu zwingen, aber ich nutze alle Möglichkeiten, die ich habe, um darüber zu reden, wie es auf der anderen Seite aussieht. Ich erwarte, dass wir uns zumindest mit den Konsequenzen unseres Handelns auseinandersetzen: Es besteht großes Leid an den Grenzen der Festung Europa; das geht nicht einfach weg.

Vielleicht muss ich aber doch nicht so genau hinsehen, wenn ich Misereor 200 Euro im Jahr spende und mich so davon freikaufe, weitere Konsequenzen aus dem Leid der Flüchtlinge zu ziehen. Und ein gutes Gewissen habe ich dann auch noch.

Bröckelmann-Simon: Das funktioniert nicht; glauben Sie es mir! Was wir tun, zielt nicht darauf ab, Migration zu verhindern. Entwicklungszusammenarbeit, wie wir sie betreiben, will Menschen dort, wo sie leben, ein Leben in Würde und Freiheit ermöglichen. Dazu gehört, dass sich mit wachsendem Selbstbewusstsein, mit besseren ökonomischen Voraussetzungen, mit besserer Bildung die Horizonte erweitern. Unter den Menschen, die so ihre Möglichkeiten verbessern können, wird es dann immer auch welche geben, die sich woandershin aufmachen — aber nicht zwingend nach Europa. Das ist eine Chimäre. Das stimmt nicht. Was bedeutet die Zahl von 40000 Illegalen in Marokko im Vergleich zur Gesamteinwohnerzahl der EU?

Da würde Ihnen sofort entgegengehalten: Dabei bleibt es nicht; wenn wir die rein lassen, motivieren wir erst recht noch mehr, nach Europa zu kommen.

Bröckelmann-Simon: Auch so ein Popanz! Migration findet zum allergrößten Teil regional statt — innerhalb von Afrika. Die meisten wollen in verwandten Kultur- und Sprachräumen bleiben.

Das ändert nichts an der Flüchtlingsbewegung Richtung Europa. Deren Elend haben Sie eben beschrieben und fordern, dass man nicht wegsieht. Aber Konsequenzen hat das nicht. Das Grundproblem bleibt also, dass Sie mit dem Mentalitätswandel, der zum Selbstverständnis von Misereor gehört, hierzulande nicht weit gekommen sind.

Bröckelmann-Simon: Die Brüche in unserer Gesellschaft werden deutlicher. Mein Eindruck ist: Durch die Ankunft geflüchteter Menschen hier bei uns hat sich der Horizont geweitet. Wir bekommen viel mehr Anfragen zu den Ursachen von Flucht aus Schulen, Pfarrgemeinden, von engagierten Gruppen. Die Diskussion in den Kirchen ist voll im Gange. Der Papst formuliert die ethische Herausforderung für uns Christen sehr deutlich.

Aber Franziskus kann politisch nichts durchsetzen.

Bröckelmann-Simon: Das weiß ich nicht. Das ist eine Frage von Mehrheitsverhältnissen.

Eben.

Bröckelmann-Simon: Wir haben im Moment nicht die Mehrheit. Aber das kann sich ja ändern.

Sind Sie wirklich so optimistisch?

Bröckelmann-Simon: Unverbesserlich. Misereor ist institutionalisierte Hoffnung.

Woher nehmen Sie Ihre Hoffnung? Papst Franziskus hat für sein Schreiben „Evangelii Gaudium“, für seine Idee einer „armen Kirche für die Armen“ und für seine Enzyklika „Laudato si“ viel Applaus bekommen — von allen Seiten, aus allen Ländern. Und das war’s dann.

Bröckelmann-Simon: Das weiß ich nicht. Wie entsteht Politik? Das geht nicht so schnell. Wir brauchen langen Atem. Ich nehme wahr, dass sich ein wachsender Teil der Bevölkerung dieser ethisch-moralischen Herausforderung stellt. Wie wollen wir leben? Das ist die Frage. Das wird doch debattiert, auch wenn wir in gesellschaftlich rauen Zeiten leben. Diese schwierigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen sind aber notwendig, weil wir uns zu lange davor gedrückt haben.

Ihre Zuversicht hätten manche gerne. Müssen Sie eigentlich beruflich so hoffnungsvoll sein?

Bröckelmann-Simon (lacht): Ich bin so. Misereor ist so. Mir begegnen so oft Leute, die nie aufgeben, Menschen, die wirklich in elenden Situationen sind und in gewalttätigen Auseinandersetzungen stehen, die trotzdem den Mut nicht verlieren, obwohl sie in einer scheinbar hoffnungslosen Minderheitensituation sind. Daran können wir uns ein Beispiel nehmen. Nur Beharrlichkeit verändert.

Davon lassen Sie sich motivieren?

Bröckelmann-Simon: Wir dürfen die Fähigkeit, uns berühren zu lassen, nicht verlieren. Wir stumpfen ab. Wir gewöhnen uns an die schrecklichen Bilder. Was uns vor fünf Jahren noch mobilisiert hätte, nehmen wir heute nur noch zur Kenntnis. Wir laufen Gefahr, dass wir die Bilder aus Syrien als normal betrachten. Das ist aber nicht normal. Das ist nicht akzeptabel; das ist nicht richtig. Das dürfen wir nicht einfach hinnehmen.

Je weiter die Orte weg sind, wo Kinder brutal getötet werden, umso weniger berührt uns deren Schicksal.

Bröckelmann-Simon: Menschen weit weg sind Fremde; deshalb identifizieren wir uns nicht so stark mit ihnen wie mit Opfern in unserer Nachbarschaft. Das Problem ist aber der Gewöhnungseffekt. Je öfter uns Gewalt begegnet, umso mehr betrachten wir sie als etwas Normales. Wir nehmen Rassismus als normal hin, je öfter er geäußert wird. Das ist eine Gefahr. Rassismus ist nicht akzeptabel, egal, wie oft und von wie vielen er geäußert wird. Er ist weder mit der Menschenrechtscharta noch mit dem Evangelium vereinbar. Christen können keine Rassisten und keine Nationalisten sein. Das geht einfach nicht. Hüten wir uns vor Gewöhnung!

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