Würselen/Leeds: EU-Bürger in England: Wie geht es nach dem Brexit weiter?

Würselen/Leeds : EU-Bürger in England: Wie geht es nach dem Brexit weiter?

Als die Briten sich am 23. Juni 2016 entscheiden, die EU zu verlassen, besucht Wahl-Engländerin Birgit Hilgers gerade ihre Eltern im Würselener Stadtteil Bardenberg. Im Fernsehen verfolgt sie mit ihrer Familie das Spektakel in London. Jubelnde Befürworter schwenken Union-Jack-Fahnen. Gallionsfiguren des Brexits, wie Boris Johnson und Ukip-Chef Nigel Farage, feiern sich selbst.

Premierminister David Cameron, der seinen Verbleib im Amt von einem Nein zum Brexit abhängig gemacht hat, tritt mit hängenden Schultern vor die Kameras. Er kündigt seinen Rücktritt an. Brexit-Gegner hüllen sich in EU-Fahnen und ziehen schweigend von dannen. Auch Birgit Hilgers fehlen die Worte.

Ist die Rente übertragbar?

„Ich konnte das Ergebnis erst gar nicht glauben, obwohl ich es befürchtet hatte“, sagt sie im Rückblick. Seit elf Jahren lebt und arbeitet die 39-Jährige in England. Dort hat sie Betriebswirtschaftslehre studiert. Dort hat sie geheiratet, ihre beiden Kinder zur Welt gebracht und Freundschaften geschlossen. Auf eine kurze Zeit in Norwich folgten sieben Jahre in London. Seit dreieinhalb Jahren wohnt sie mit Mann Raul Fuentes, Alex (4) und Maria (1) in Leeds. Die Kinder besuchen den Kindergarten. Die Familie hat sich ein Haus gekauft. Großbritannien ist zwar nicht ihre Heimat, aber ihr Zuhause. Oder doch nicht? Diese Frage beschäftigt außer der Familie Hilgers-Fuentes rund drei Millionen EU-Bürger. Seit dem 23. Juni 2016 ist ihre Zukunft in diesem Land ungewiss.

„Nach wie vor ist nicht vollständig geklärt, welche Rechte wir EU-Bürger künftig in Großbritannien haben werden“, sagt Birgit Hilgers. „Insbesondere macht uns da Sorgen, ob wir künftig unsere Rentenansprüche behalten.“ Künftig heißt: Ende März 2019, denn nach derzeitigem Stand wollen die Briten bis dahin die Europäische Union verlassen. Es soll sich eine Übergangszeit von zwei Jahren anschließen, in der das Land im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion bleiben will.

Raul Fuentes, gebürtiger Spanier, arbeitet an der Fakultät für Bauingenieurwesen der Universität Leeds. Kurz nachdem das Ergebnis feststand, leuchtete eine Nachricht auf seinem Handy auf. „Please don't go!“ („Bitte geht nicht!“), schrieben seine Kollegen. Sie ahnten wohl, was in den kommenden Monaten passieren würde: Tatsächlich haben bereits einige europäische Wissenschaftler den Hochschulen den Rücken gekehrt. Genaue Zahlen gibt es aber nicht.

Lebensmittel werden teurer

„Der Brexit fühlt sich vor allem deshalb nicht gut an, weil einer der Hauptbeweggründe für das Austrittsvotum die Einwanderung war“, sagt Birgit Hilgers. Sie arbeitet bei einem großen Energieversorger. „Ich vermeide das Thema Brexit am Arbeitsplatz“, sagt sie. Wirtschaftlich kann sich die Betriebswirtin keine positive Entwicklung für das Vereinigte Königreich vorstellen. „Viele Unternehmen, Banken und Institutionen, die ihren Hauptsitz hier haben, planen, diesen in EU-Länder zu verlegen, was natürlich Arbeitsplätze kostet.“ Zudem sei das Pfund schwach, weswegen die Preise für Lebensmittel steigen. „Im Allgemeinen ist die Ungewissheit über die Zukunft Gift für jede Wirtschaft“, sagt sie.

Leeds gehört ganz knapp zu den „Remain-Areas“, den Gegenden, in denen die Mehrheit der Wähler in der EU bleiben wollte. In der Stadt mit rund 500.000 Einwohnern stimmten 50,3 Prozent mit „remain“, 49,7 Prozent sagten „leave“. Anders als einige Freunde aus EU-Staaten hat die Familie Hilgers-Fuentes noch keine negativen Erfahrungen gemacht, wenn sie in der Stadt unterwegs war. Sei es im Supermarkt, im Café oder auf dem Spielplatz. „Eine spanische Freundin von uns ist allerdings unmittelbar nach dem Referendum von ihren Kollegen gemobbt worden.“

Insgesamt hat Birgit Hilgers den Eindruck, dass die fremdenfeindliche Stimmung im Alltag abgenommen hat. Eine große Rolle beim Thema spielten die Medien: Vor allem die Tabloids, die Boulevardpresse, feuere die Anti-EU-Stimmung an. „Die Lager sind klar geteilt: Die Tabloids sind anti-europäisch, linksliberale Zeitungen wie ‚The Guardian' sind pro-europäisch — und der ‚Evening Standard', die Gratiszeitung aus London, kann den Brexit einfach nicht fassen.“ Chefredakteur des „Evening Standard“ ist übrigens George Osborne, der Finanzminister im Kabinett von David Cameron war. Die öffentlich-rechtliche BBC bemühe sich sehr um Neutralität und versuche, durch Fakten die Bevölkerung aufzuklären.

Auf die Frage, ob sie denn angesichts der nächsten Brexit-Gespräche in Brüssel glaube, bald Klarheit über ihre Zukunft in Großbritannien zu haben, zuckt Birgit Hilgers mit den Schultern. „Ich hoffe es natürlich“, sagt sie. Von politischer Seite gebe es ja einige Versprechen. Aber eben auch immer mal wieder absurde Vorschläge. Etwa, als die britische Innenministerin sogenannte Barista Visa für EU-Bürger ins Spiel brachte. Damit dürften diese dann zwei Jahre ins Land, um in Cafés und Pubs zu arbeiten. Die britische Gastronomie fürchtet nämlich, dass ihr nach dem Austritt aus der EU die Arbeitskräfte ausgehen. „Was die britische Politik betrifft, fehlen mir die Worte“, sagt Birgit Hilgers.

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