EZB-Chefin Lagarde: Es bleibt bei lockerer Geldpolitik und niedrigen Zinsen

EZB-Chefin Lagarde : Es bleibt bei lockerer Geldpolitik und niedrigen Zinsen

Für einen kurzen Moment schien der Traum für Jens Weidmann wahr werden zu können, vom Chefsessel der Frankfurter Bundesbank auf den der Europäischen Zentralbank (EZB) gleich nebenan wechseln zu können.

Die 63-jährige frühere französische Finanzministerin genießt international einen hervorragenden Ruf. Die Zahl ihrer Kritiker ist klein, das Lob über ihre Nominierung war am Mittwoch überschwänglich. Die Börsen honorierten sie mit einer Kursrallye, denn die Anleger dürfen nun noch sicherer auf die Fortsetzung der lockeren Geldpolitik und dauerhaft niedrige Zinsen hoffen.

Auch Weidmann hätte den unter EZB-Präsident Mario Draghi seit der Finanzkrise eingeschlagenen Kurs mittelfristig nicht ändern können, doch hatte er sich in den vergangenen Jahren immer wieder als einer der schärfsten Kritiker der lockeren Geldpolitik positioniert. Der 51-jährige frühere Merkel-Berater hätte vor allem deshalb größere Schwierigkeiten als Lagarde gehabt, im EZB-Rat, dem für die Geldpolitik maßgeblichen Entscheidungsgremium, Mehrheiten zu organisieren. Weidmann hätte außerdem wie alle EZB-Chefs Geldpolitik für die gesamte Euro-Zone machen müssen – und wäre als Deutscher unter besonderen politischen Druck geraten, weil die anhaltende EZB-Niedrigzinspolitik gerade in Deutschland am stärksten angefeindet wird.

Anders als Weidmann ist Lagarde keine Ökonomin und ausgewiesene Geldpolitikerin. Sie selbst sieht das nach sieben Jahren an der IWF-Spitze gelassen. „Ich kann verstehen, wenn Leute darüber reden“, sagte sie unlängst in einem Interview mit dem „Guardian“. „Ich habe genug gesunden Menschenverstand, ich habe ein bisschen Wirtschaft studiert, aber ich bin keine Super-Super-Ökonomin.“

Die wenigen Kritiker ihrer Nominierung sorgten sich allerdings um die Unabhängigkeit der EZB – nach dem Motto: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron könnte bei seiner Landsfrau leichter politische Leitzinsentscheidungen durchsetzen. Doch wer Lagarde kennt, hält diese Bedenken für weit hergeholt. Ihre persönliche Unabhängigkeit wurde zuletzt deutlich, als sie im April US-Präsident Donald Trump dafür kritisierte, die Unabhängigkeit der US-Notenbank Fed durch Einmischungen zu gefährden. Auch in der Griechenland-Krise fuhr sie einen eigenen, pragmatischen Kurs: Sie hielt den IWF zwar an der Seite der Euro-Länder, was die Hilfen des Fonds für Griechenland anging, knüpfte diese aber eisern an die Bedingung konsequenter Reformen durch Athen.

„Christine Lagarde ist eine sehr gute Besetzung. Sie ist sicherlich in der Lage, die unterschiedlichen nationalen Interessen und Perspektiven in der Währungsunion auszubalancieren“, sagt etwa Clemens Fuest, Chef des eher konservativen Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung. „Sie hat außerdem genug politisches Gewicht, um die Unabhängigkeit der EZB gegen politische Übergriffe zu verteidigen.“ Auch Marcel Fratzscher, Präsident des eher sozialliberalen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, ist überzeugt: „Christine Lagarde ist sehr erfahren, klug und weitsichtig und hat das Potenzial, eine exzellente Präsidentin der EZB zu werden. Ihre große Stärke ist die enorme internationale Erfahrung und ihr politisches Geschick.“

Für Jens Weidmann könnte der Wechsel Lagardes nach Frankfurt am Ende sogar eine neue Karrierechance eröffnen: Er könnte sie auf dem Chefposten des IWF in Washington beerben, schließlich haben die Europäer traditionell das Anrecht darauf. Dagegen begehren zwar die Schwellenländer auf, doch wenn die Europäer einig und jetzt vor allem schnell handeln würden, könnte der große Postenpoker auch für ihn noch gut ausgehen.

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