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Aachen/Lübeck: Erleben wir eine neue Welle des Antisemitismus?

Aachen/Lübeck : Erleben wir eine neue Welle des Antisemitismus?

In Deutschland hat die Zahl der Übergriffe auf Muslime, Ausländer und Flüchtlinge zugenommen. Auch in den jüdischen Gemeinden geht die Angst um. Erleben wir eine neue Welle des Antisemitismus und wenn ja, was sind die Ursachen?

Ein Gespräch mit Rolf Verleger, einem ehemaligen Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland. Der Psychologie-Professor aus Lübeck hat eine großangelegte Studie über Antisemitismus wissenschaftlich begleitet.

Herr Verleger, mussten Sie persönlich in jüngerer Vergangenheit die Erfahrung machen, dass der Antisemitismus in Deutschland zunimmt?

Verleger: Nein. Ich persönlich fühle mich in keiner Weise ähnlich bedroht wie in den 90er Jahren. Damals schwappte eine Welle von Gewalt und Fremdenfeindlichkeit über Deutschland hinweg. In Mölln und Solingen starben mehrere Menschen bei Brandanschlägen auf Häuser von türkischen Einwanderern. In meiner Heimatstadt Lübeck gab es einen Brandanschlag auf unsere Synagoge. Damals hatte ich Angst.

Wie groß ist die Sorge in den jüdischen Gemeinden Deutschlands vor einem neuen Antisemitismus?

Verleger: Sehr groß. Doch ich halte das für einen Irrtum.

Nun gab es aber die antisemitischen Anschläge in Brüssel, Paris und Kopenhagen. Ist da nicht die Angst berechtigt, dass solche Verbrechen auch in Deutschland begangen werden?

Verleger: Ich weiß nicht, ob sich solche Verbrechen hier wiederholen. Mir stellt sich eine andere Frage. Nämlich: Waren es tatsächlich antisemitische Anschläge? Oder handelte es sich dabei um direkte Auswirkungen des Nahost-Konflikts auf die jüdischen Gemeinden in Europa? Zumindest der Attentäter von Kopenhagen war ein Kind palästinensischer Eltern, die erfahren haben, was es heißt, vertrieben zu werden. Das rechtfertigt den Anschlag nicht, stellt ihn aber in ein anderes Licht.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat die Juden Europas aufgefordert, nach Israel auszuwandern, weil sie in Europa in Gefahr seien. Was halten Sie von seinem Aufruf?

Verleger: Er ist obszön. Die Gefahr für die Juden Europas entsteht durch die Unrechtsmaßnahmen der israelischen Regierung gegenüber den Palästinensern. Sie werden fortwährend vertrieben, enteignet, leben in ständiger Angst um Leib und Leben. Dieses Unrecht schlägt jetzt zurück. Wenn ausgerechnet Netanjahu, der als Regierungschef für all das die Verantwortung trägt, die europäischen Juden dazu aufruft, nach Israel auszuwandern, dann handelt er zynisch. Ich bleibe in Deutschland.

Der Nahost-Konflikt ist in Ihren Augen also der Grund, weshalb es neben der klassischen Judenfeindlichkeit von manchen „christlichen“ und rechtsorientierten Deutschen zunehmend auch eine anti-jüdische Einstellung unter muslimischen Jugendlichen gibt?

Verleger: Ja, das sehe ich so.

Heißt das: Die israelische Politik gegenüber den Palästinensern befördert antisemitische Einstellungen?

Verleger: Natürlich. Und sie werden durch Deutschland und die EU gefördert, weil beide die israelische Regierung gewähren lassen. Im Umkehrschluss verstärkt diese Passivität nämlich das antisemitische Klischee, Juden hätten auf der Welt so viel Macht, dass Deutschland und Europa von ihnen daran gehindert würden, gegenüber der israelischen Regierung das zu tun, was sie gegenüber allen anderen Staaten machen — nämlich die Verletzung von Menschenrechten zu verurteilen. Den gleichen Fehler macht der Zentralrat der Juden in Deutschland: Wenn er sagt, was die israelische Regierung macht, mag zwar zu kritisieren sein, aber selbst niemals diese Kritik führt und sich stattdessen wegen der Empörung gegen Israel über zunehmenden Antisemitismus beklagt, dann zieht er die Wut über die israelische Politik unmittelbar auf uns Juden.

Nun gibt es ja in Deutschland durchaus Kritik an der israelischen Politik. Allerdings wird ihr von Israel nahestehenden Personen häufig vorgeworfen, sie sei einseitig, müsse ausgewogener sein, ansonsten sei sie antisemitisch.

Verleger: Natürlich muss man immer Verständnis für beide Seiten aufbringen. Vielleicht hatte David Ben Gurion bei der Gründung des Staates Israel keine andere Wahl, als die Araber zu vertreiben, weil sonst sein zionistisches Projekt gescheitert wäre. Aber trotzdem kann man heute nicht die Augen vor diesem Unrecht verschließen. Was ist antisemitisch an der Feststellung, dass damals Hunderttausende Araber vertrieben wurden? Was ist antisemitisch an der Feststellung, dass deren Besitz enteignet und den Vertriebenen die Rückkehr nach Israel verboten wurde? Das sind einfach nur traurige Tatsachen.

Ist es nicht nachvollziehbar, dass sich Deutschland angesichts der Schoah mit Kritik an der israelischen Politik zurückhält?

Verleger: Nein. Die Konsequenz aus der Schoah darf doch nicht lauten, die Augen vor aktuellem Unrecht zu verschließen. Kein von den Nazis ermordeter Jude wird dadurch wieder lebendig.

Wer als Jude die Politik Israels so heftig kritisiert wie Sie, sieht sich schnell dem Vorwurf ausgesetzt, er handele aus „jüdischem Selbsthass“ und bediene nur das antisemitische Klischee „Der Jude ist an seinem Schicksal selbst Schuld“.

Verleger: Ich wünsche mir von den Leuten, die das behaupten, ein Minimum an Selbsterkenntnis und Selbstkritik. Auf der Welt kann keine Beziehung zwischen Menschen funktionieren, wenn jeder den Fehler immer nur beim anderen sucht. Der ARD-Korrespondent in Israel, Richard Chaim Schneider, hat vor wenigen Tagen etwas sehr treffendes geschrieben. Er sagt, die israelische Regierung sei dabei, das Judentum von innen heraus zu zerstören. Judentum stehe für Liebe und Gerechtigkeit. Die israelische Regierung habe diese Werte durch Nationalismus und Landraub ersetzt. Ich kann das nur unterschreiben. Ebenso wie Schneider möchte ich nicht Teil dieser Entwicklung sein. Das ist nicht mein Judentum.

Häufig wird behauptet, hinter der Kritik an der israelischen Politik verstecke sich nur ein neuer, „moderner“ Antisemitismus.

Verleger: Eine sehr gewagte These, für die es empirisch kaum Belege gibt. Im Gegenteil: Zumindest in Deutschland sind die Personen, die Israel kritisieren, meist diejenigen, die Juden gegenüber am freundlichsten eingestellt sind. Das mag paradox klingen. Aber für Unterstützer der palästinensischen Sache sind Begriffe wie Menschenrechte und Gleichheit aller Menschen von sehr großer Bedeutung.

Sie sprechen das Ergebnis einer Studie der Universität Konstanz an, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und von Ihnen wissenschaftlich begleitet wurde?

Verleger: Ja. Die Studie hat den Zusammenhang von antisemitischen Einstellungen mit Einstellungen gegenüber Israel untersucht und das Ergebnis der Befragung in einen größeren Zusammenhang eingebettet. Nämlich: Welche Einstellungen haben die Befragten zu Menschenrechten, zum Islam, gegenüber Krieg und Frieden? Durch die gewonnenen Daten lassen sich — grob dargestellt — drei Gruppen unterscheiden. Zunächst gibt es eine „rechte“ Gruppe, die gleichermaßen Vorurteile gegenüber Juden und Muslimen pflegt. Ihr ist der Nahost-Konflikt relativ egal. Diese Gruppe umfasst etwa 25 Prozent der für die deutsche Bevölkerung repräsentativen Stichprobe. Daneben gibt es eine Gruppe von fast 45 Prozent der Befragten, die mit den Palästinensern sympathisiert. Auffallend war, dass sie weniger antisemitische Vorurteile äußerten als die Gruppe der Israel-Freunde. Auffallend war aber auch, dass diese pro-palästinensisch eingestellten Befragten deutlich mehr über Israel und den Nahost-Konflikt wussten sowie öfter persönliche Kontakte zu Israelis oder Palästinensern hatten, als die 30 Prozent, die auf Seiten der Israelis stehen. Die Freunde Israels waren häufig die laue Mitte, also Leute mit mäßig ausgeprägten Vorurteilen und mäßigem Interesse am Nahost-Konflikt. Es waren Personen, die nicht so genau hinschauen.

Hat Sie das überrascht?

Verleger: Nein, das Ergebnis der Studie entspricht in etwa meinen persönlichen Alltagserfahrungen. Sie widerspricht nur dem Bild, das die meisten Politiker und Medien zeichnen.

Was bezweckt die häufige Gleichsetzung einer deutlichen Kritik an Israel mit Antisemitismus?

Verleger: Was im Einzelfall der Zweck ist, sei dahingestellt. Im Ergebnis wird dadurch jedenfalls die Politik Israels gegen Kritik immunisiert.