Köln: Erdogan-Flüchtlinge haben große Ambitionen

Köln : Erdogan-Flüchtlinge haben große Ambitionen

Murat T. hat sechs Monate in einem türkischen Gefängnis gesessen, sich nach seiner Freilassung lange versteckt gehalten und ist dann nach Deutschland geflüchtet. Der Jurist und Familienvater war Rechtsberater eines einflussreichen Verbands, lebte mit seiner Familie in einem Nobelviertel, wie der 43-Jährige erzählt.

Das war vor dem Putschversuch im Juli 2016. Nun freut er sich über eine Mini-Wohnung nahe Köln und Unterstützung für ihn, seine Frau Selina und die zwei Kinder. „Hilfe kommt von denen, die vor uns Ähnliches erleben mussten, die schon etwas integriert sind. Sie haben ein Netzwerk für die Neuankömmlinge gebildet.”

Die deutsch-türkischen Journalisten Hüseyin Topel und Fatih Aktürk beobachten: „Es gibt eine große Solidarität”. Kontakte werden vermittelt, Hilfe im Alltag geleistet, Begleitung bei Behördengängen organisiert, sagt Topel. Wer gehört zu den Unterstützern, etwa in Berlin oder im Rheinland? „Das können kurdischstämmige Menschen sein, Oppositionelle, Leute, die sich der Gülen-Bewegung nahe sehen, auch Unternehmer. Und viele Deutsche.” Sie verschaffen den Flüchtlingen Jobs, suchen geeignete Kitas oder Schulen für die Kinder, engagieren sich finanziell, bieten Wohnungen an. Die türkische Regierung macht den in den USA lebenden Prediger Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich, was dieser bestreitet.

Die entscheidende Frage über allem sei, wem man trauen könne, betont Murat. „Wir treten nur mit Menschen in Kontakt, die uns von Vertrauten vermittelt werden. Wir meiden die türkische Community, die hier seit langem lebt. Es wäre sonst wohl nicht zu verhindern, dass uns jemand an die Regierung verrät”, glaubt der Jurist. Teile der türkischen Bevölkerung in Deutschland hält er für manipuliert durch die türkischen Medien. „Sie scheinen Erdogan jedes Wort zu glauben”.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan geht seit dem Putschversuch vor fast zwei Jahren rigoros gegen Kritiker vor. Rund 150.000 Staatsbedienstete wurden suspendiert oder entlassen, 50.000 Menschen sind inhaftiert.

„Misstrauen ist ein Zustand, mit dem wir jetzt seit zwei Jahren leben müssen”, sagt Selina (40), die in der Türkei Geschäftsführerin war. Dass lasse sich auch nach einigen Wochen in Deutschland nicht einfach abschütteln. „Wir wurden bespitzelt, haben gute alte Freunde verloren, wurden denunziert als angebliche Gülen-Anhänger.” Selina sorgt sich um den ältesten Sohn, der in der Türkei noch Abitur macht.

Murat sagt, er habe sich als Jurist gegen den Abbau demokratischer Prinzipien positioniert, was wohl Grund für seine Verfolgung sei. Auch die Flüchtlinge aus der Türkei hierzulande bildeten keine einheitliche Gruppe. Es gebe starke Differenzen.

Hilfe von der Diakonie

Ähnlich sieht es der geflüchtete Lehrer Canan A., der unweit von Düsseldorf lebt. Kontakte zu „oppositionellen Kreisen”, die in Deutschland gestrandet seien, suche er nicht. Praktische Unterstützung - etwa bei der Anerkennung seines akademischen Abschlusses - komme auch aus kirchlichen Gemeindekreisen. „Mir wird viel von der Diakonie geholfen.”

Netzwerke mit vertrauensvollen Helfern werde es überall in Deutschland noch länger brauchen, meinen Aktürk und Topel. Eine politische Wende in Ankara sei nicht in Sicht. Daran ändere auch die Freilassung von „Welt”-Korrespondent Deniz Yücel nichts. Beide Reporter riskieren weiterhin keine Reise in die Türkei: „Wer sich kritisch über Regierung oder Regierungsmitglieder äußert, wird zum Landesverräter gestempelt”, sagt Topel. Ihr Ziel bleibe: „Erdogans scharfe Rhetorik, Symbolpolitik und gefälschte Informationen in gleichgeschalteten Medien mit Fakten demaskieren.”

Seit 2016 haben 15 654 Türken in Deutschland Asyl beantragt, Tendenz steigend. Alleine in den ersten beiden Monaten 2018 waren es 1429 Anträge laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Auch Zahl der positiven Entscheidungen klettert. Zuletzt lag die Quote zu Jahresbeginn bei gut 42 Prozent. Viele top Ausgebildete - Ärzte, Beamte, Diplomaten, Unternehmer - sind darunter, wie es auch aus den Deutschkursen heißt. Sie bringen Ehrgeiz mit.

„Nach den vor vielen Jahren als Gastarbeiter eingewanderten Türken kommen jetzt Menschen aus gehobenen Bildungsschichten nach Deutschland”, sagt Murat. „Wir haben Ambitionen, wir werden Deutsch lernen, die Wirtschaft hier unterstützen, etwas zurückgeben, Unternehmen gründen”, zählt er die Ziele auf. Auch Lehrer Canan betont, er habe dank guter Starthilfen schon wichtige Kontakte zu Deutschen, komme mit der Sprache voran, wolle bleiben. Die Demokratie in der Türkei sei „zerfetzt”, die Opposition verängstigt, das Land stehe auch wirtschaftlich vor dem Ruin. Für ihn und seine Frau gelte: „Wir wollen unsere Fähigkeiten in Deutschland einsetzen, werden dem Land und der Bevölkerung von Nutzen sein.”

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