1. Politik

Bidens Stellvertreterin: Eine Vizepräsidentin aus dem Schmelztiegel

Bidens Stellvertreterin : Eine Vizepräsidentin aus dem Schmelztiegel

Kamala Harris’ Wahl zur Vertreterin von Joe Biden ist in vielfacher Hinsicht historisch. Sie steht für ein Amerika der kulturellen Vielfalt.

In der Nacht des Triumphs trug die künftige Vizepräsidentin einen weißen Hosenanzug. Harris verbeugte sich damit vor den Suffragetten, die vor ziemlich genau 100 Jahren das Wahlrecht der Frauen in den USA erkämpft hatten. „Ich spiegele ihren Kampf wider, ihre Entschlossenheit und die Stärke ihrer Vision“, reihte sich die von Donald Trump als „garstige Frau“ abgekanzelte Feministin bescheiden in die lange Schlange politischer Vorkämpferinnen ein, die diesen Moment möglich machten. „Generationen von Frauen, Schwarze, Asiatinnen, Weiße, Hispanoamerikanerinnen und Indigene. Ich stehe auf ihren Schultern.“

Dass es 244 Jahre brauchte, ehe die Amerikaner eine Frau in das Amt der Vizepräsidentin wählten, ist so bemerkenswert wie Harris’ eigene Biografie, die das Ringen der Schwarzen um das Wahlrecht in den USA reflektiert.

Die dunkelhäutige Tochter von Einwanderern aus Indien und Jamaika kam 1965 zur Welt, in dem Jahr, als der Kongress mit dem „Voting Rights Act“ den Afroamerikanern eine Stimme gab. Und Kamala war gerade volljährig, als mit Geraldine Ferraro die erste Frau als „Running Mate“ antrat.

Die 2016 in den Senat gewählte Politikerin aus Oakland im US-Bundesstaat Kalifornien unterstützte vor vier Jahren Hillary Clinton, die ihre Nominierung zur ersten Präsidentschaftskandidatin ebenfalls in weißem Hosenanzug akzeptierte. Harris hat ihre Stafette übernommen und als Vizepräsidentschafts-Kandidatin über die Ziellinie gebracht. „Während ich die erste Frau in diesem Amt bin, werde ich nicht die letzte sein“, verkündete die Vertreterin von Joe Biden. „Jedes kleine Mädchen, das heute Nacht zuschaut, sieht, dass dies ein Land voller Möglichkeiten ist.“

Auch das lässt sich in ihrer Biografie ablesen. Sie ist die erste Farbige, die erste Tochter von Einwanderern und erste Absolventin einer historisch afroamerikanischen Universität (Howard), die ins Executive Office Building zieht. Harris schaffte es mit ihrer Wahl 2010, erste ewhemalige Justizministerin von Kalifornien zu werden. Sechs Jahre später schrieb sie mit ihrer Wahl als zweite schwarze Senatorin noch einmal Geschichte.

Nicht wenige vergleichen die Anziehungskraft der gewählten Vizepräsidentin mit der Barack Obamas. Wie dieser stammt Harris aus dem amerikanischen Schmelztiegel, und ihr Vorname ist nicht minder ungewöhnlich. Weshalb sie während des Wahlkampfs einen Sport daraus machte, den Amerikanern seine Aussprache beizubringen: „Koo-ma-la“. Die andere Parallele ist, dass sie den Senat nach nur zwei Jahren zur Startrampe für eine eigene Präsidentschaftskandidatur machte. Die Mitte-links-Politikerin fiel dort durch ihre messerscharfen Befragungen von Justizminister Jeff Sessions oder Trumps Richterkandidaten für das Oberste Gericht auf.

Ihre „For-the-People“-Wahlkampagne startete vielversprechend in Harris’ Heimatstadt Oakland, franste dann aber mangels Ressourcen in einem ungewöhnlich breiten Bewerberfeld der Demokraten aus. Schon vor Beginn der Vorwahlen warf sie im Dezember 2019 das Handtuch. Harris gehörte dann zu den Ersten, die sich im März hinter Joe Biden stellten und dabei halfen, dessen Status als Front­runner zu festigten.

Progressiv und pragmatisch

Auf die Frage eines Reporters, wie sie sich selber verstehe, antwortete Harris einmal knapp: „Ich beschreibe mich als stolze Amerikanerin.“ Ihre größte Stärke besteht darin, progressive Politik mit Pragmatismus und ihrer charismatischen Persönlichkeit zu verknüpfen. Wie Obama verbindet sie das mit dem Versprechen, das tief gespaltene Land zu versöhnen und nicht in die Falle der Identitätspolitik zu laufen. Das ist auch das Versprechen Bidens, der die tief gespaltene Nation heilen möchte. Mit Kamala Harris steht dem gewählten Präsidenten damit eine Frau zur Seite, die das Beste verkörpert, das Amerika zu bieten hat. „Kamala ist die Zukunft“, sagt die afroamerikanische Anwältin Theodora Egbuchulam, die am Samstagabend auf den Straßen in New York den Sieg der Demokraten feiert. Die künftige Vizepräsidentin stehe für eine Zukunft, in der auch Frauen das Land regieren könnten. „Sie ist ein fantastisches Beispiel für junge Mädchen.“ Auch die 29-jährige Unternehmensberaterin Vera Green bezeichnet Harris’ Sieg als wichtigen Meilenstein: „Die gläserne Decke ist durchbrochen worden!“, jubelt sie.

Kamala Harris steht für ein Amerika der kulturellen Vielfalt. Sie zur Vizekandidatin gemacht zu haben, hat Biden zahlreiche Stimmen eingebracht, die er sonst nicht bekommen hätte. Denn eins haben Biden und US-Präsident Donald Trump trotz ihrer weit auseinandergehenden politischen Ansichten gemeinsam: Sie sind alte weiße Männer.