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Aachen: Eine Chance für Kolumbiens vergessene Jugend

Aachen : Eine Chance für Kolumbiens vergessene Jugend

Über 300.000 Tote, rund sieben Millionen Binnenflüchtlinge, der Kampf gegen Ungerechtigkeit und für Menschenrechte sind eine schwere Bürde. Der jahrzehntelange Bürgerkrieg hat verheerende Spuren in Kolumbien hinterlassen.

Ja, die Angst ist immer da, denn in über 50 Jahren hat der Krieg in Kolumbien tiefe Wunden geschlagen – nicht zuletzt bei der jungen Generation. „Kinder und Jugendliche haben in ihrem Leben häufig nichts anderes als Gewalt erlebt, ob in den Familien oder auf der Straße“, sagt Schwester María Helena Cespedes Siabato. Sie gehört zur „Javeriana“, einer ordensähnlichen Gemeinschaft Kolumbiens, die stark von den Jesuiten geprägt ist.

Über 300.000 Tote, rund sieben Millionen Binnenflüchtlinge, der Kampf gegen Ungerechtigkeit und für Menschenrechte sind eine schwere Bürde. Schwester María Helena verbindet Spiritualität mit praktischer Hilfe. „Wenn Jugendliche verstehen, dass der Glaube nichts mit rituellen Praktiken zu tun hat, sondern Halt und Kraft gibt, ist viel gewonnen“, sagt sie. Die 62-jährige Ordensfrau reist zurzeit als Gast der Hilfsorganisation Adveniat durch Deutschland, um von ihrer Arbeit in Bogotás armem Süden zu erzählen.

Die Adveniat-Weihnachtsaktion 2018 hat das Motto „Chancen geben – Jugend will Verantwortung“. Die Weihnachtskollekte am 24. und 25. Dezember in allen katholischen Kirchen Deutschlands ist daher für die Unterstützung von Menschen in Lateinamerika und der Karibik bestimmt. In Aachen, Fulda, Frankfurt, Essen, Krefeld und Mönchengladbach sowie im Erzbistum Köln wird Schwester María Helena begründen, warum diese Hilfe dringend gebraucht wird.

Zum Beispiel für die Arbeit in Bogotás brisantestem Viertel Britalia, wo Gewalt, Prostitution und Kriminalität den Alltag prägen. Schulen? Bildung? Für die Jugendlichen gibt es das in Britalia nicht. Stattdessen regiert die Bedrohung durch Paramilitärs, Armee und Guerillabanden. „Der mit der Guerillaorganisation Farc und der Regierung 2017 ausgehandelte Friedensvertrag ist zwar eine Chance, aber es herrscht großes Misstrauen“, sagt die Schwester. Seit etwa 40 Jahren setzt der Orden in einem Gemeinde- und Jugendzentrum Hoffnung gegen Trostlosigkeit, fördert Kommunikation, Kultur und Kunst als Heilmittel gegen Perspektivlosigkeit.

Seit 30 Jahren ist Schwester María Helena dabei. Singen, musizieren, tanzen – all das hilft, Zugang zu jungen Leuten zu finden, denen Spiel und Spaß fremd sind. „Wir vermitteln ihnen auf diese Weise auch, was Frieden, Gerechtigkeit und Chancengleichheit bedeuten“, betont die Kolumbianerin. „Gewalt gegen Frauen ist ein großes Problem, deshalb haben wir unter anderem Gruppen, in denen Mädchen und Jungen an diesem Thema gemeinsam arbeiten.“ Mehr 120 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen neun und 26 Jahren nutzen das Zentrum jährlich. „Wir wolle ihnen Selbstwertgefühl  vermitteln, die Fähigkeiten, sich in einem Beruf ausbilden zu lassen, und Führungsqualitäten zu entwickeln. Sie haben bisher ja nur gelernt, sich einer diktatorischen Macht zu unterwerfen.“

Ihr Ziel ist Motivation, die Prägung einer neuen jungen Generation, die weiß, was soziales Leben und politische Rechte bedeuten, die zudem eine Mitwirkung etwa an kommunalen Entscheidungen und Verwaltungsgremien einfordert. Im Rahmen der Adveniat-Aktion will Schwester María Helena unter anderem die Vernetzung der unterschiedlichen Hilfsinitiativen fördern. „Vernetzung bedeutet Schutz“, sagt sie. „Und Schutz brauchen wir für die Friedensarbeit.“