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Aachen/Berlin: Ein Zwischenrufer mit Leidenschaft: Oliver Krischer im Interview

Aachen/Berlin : Ein Zwischenrufer mit Leidenschaft: Oliver Krischer im Interview

Der SPD-Politiker Herbert Werner (1906-1990) war der Meister des Zwischenrufs. Weil seine Bemerkungen oft ziemlich unflätig waren („Genosse Arschloch“), wurde Werner auch so häufig ermahnt wie kein anderer Bundestagsabgeordneter bislang.

In der laufenden Legislaturperiode liegt der Dürener Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer laut einer Auswertung der „Süddeutsche Zeitung“ auf Platz drei der Zwischenrufer nach Alexander Gauland von der AfD und Matthias Birkwald von der Linken. Im Gespräch mit unserer Redakteurin Madeleine Gullert sagte Krischer allerdings, dass er sonst keine großen Gemeinsamkeiten mit den beiden Kollegen sähe. Zwischenrufe gehörten zur Debatte aber dazu.

Herr Krischer, wann haben Sie denn das letzte Mal im Bundestag dazwischengerufen?

Krischer: Am Donnerstagabend bei einer Debatte zum Jahrestag der Katastrophe in Tschernobyl. Als der Kölner Abgeordnete Karsten Möhring die Bundesregierung dafür lobte, dass sie es zulässt, dass Brennelemente aus Deutschland nach Tihange geliefert werden, da bin ich aus der Haut gefahren. Da habe ich ganz schön viel dazwischengerufen. So eine Aussage kann ich nicht unwidersprochen stehenlassen.

Laut der „Süddeutsche Zeitung“ sind Sie unter den Top drei der Zwischenrufer. Können sie sich etwa nicht benehmen?

Krischer: (lacht) Ich war auch etwas überrascht, dass ich so weit vorne liege, aber ich schäme mich nicht dafür. Zwischenrufe gehören zu einer parlamentarischen Aus­einandersetzung dazu. Das belebt die Debatte.

Sind Zwischenrufe wichtig?

Krischer: Wenn Zuschauer Plenardebatten beobachten, haben sie häufig den Eindruck, dass — abgesehen vom Redner — im Geiste alle Anwesenden woanders sind und nicht zuhören. Eine Debatte ganz ohne Zwischenrufe ist meist eine langweilige Debatte, bei der das Thema keinen Menschen interessiert.

Bei wichtigen Themen oder absurden Aussagen muss ich mich aber einfach äußern. Das ist ein bisschen wie in einer Schulklasse. Wir müssen allerdings sehr darauf achten, dass das Niveau im Bundestag auch gewahrt wird.

Macht das denn nicht jeder?

Krischer: Zwischenrufe haben natürlich immer eine andere Qualität. Ich bemerke eine Änderung seit die AfD im Bundestag sitzt. Für Außenstehende mag der Eindruck entstehen, dass die Debatten lebendiger werden, das sehe ich aber nicht so. Es ist aggressiver geworden, ein bisschen wie unter zerstrittenen Familienangehörigen.

Die AfD-Abgeordneten zielen schon sehr aufs Persönliche und werten die Redner ab. Mir ist es wichtig, niemanden zu beleidigen. Ob mir das gelingt, müssen natürlich andere beurteilen. Ich glaube aber, dass ich immer in der Sache etwas anmerke, also inhaltlich kritisiere.

Werden Sie denn auch persönlich angegangen?

Krischer: Ja, aber ich versuche, mich nicht vom dem AfD-Zeug beeindrucken zu lassen. Wenn man generell selbst so viel dazwischenquatscht, muss man aber natürlich auch damit rechnen, dass man auch „Opfer“ wird.

Gibt es dazu Rückmeldungen von Kollegen?

Krischer: Ja, also mir wird schon gesagt, dass ich viel dazwischenrufe. Ich glaube allerdings, dass es auch daran liegt, dass meine Themengebiete eben groß sind und ich deshalb bei vielen Fachdebatten anwesend bin.

Haben Sie eine Zwischenruf-Strategie?

Krischer: Nein, ich überlege mir das nicht vorher. Ich bin da ganz spontan und mache mir keine Gedanken. Manchmal trifft man und punktet — manchmal landet man aber auch daneben.

Zum Beispiel?

Krischer: Sigmar Gabriel habe ich mal vorgeworfen, er würde in Sachen erneuerbare Energien nichts tun. Da konterte er und wies mich auf ein Thema hin, bei dem wir Grünen gerade schlecht dastanden. Da hätte ich den Zwischenruf gern rückgängig gemacht. In der vorigen Wahlperiode habe ich häufig bei Gabriel und bei Ex-Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) widersprochen.