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Athen: Ein Popstar tritt ab und viele Griechen stehen wieder Schlange

Athen : Ein Popstar tritt ab und viele Griechen stehen wieder Schlange

Gianis Varoufakis liebt Überraschungen. Diesem Prinzip blieb der griechische Finanzminister auch am Montag bei seinem Rücktritt treu. Er gab seinen Amtsverzicht zu einem Zeitpunkt bekannt, an dem die Griechen am wenigsten damit gerechnet hatten.

Wenige Stunden zuvor hatte der 54-jährige Ökonom einen großen politischen Erfolg feiern können. Die Bevölkerung des Krisenlandes hatte in einem Referendum zum Reform- und Sparkurs klar „Nein“ gestimmt, wofür Varoufakis und Ministerpräsident Alexis Tsipras unermüdlich geworben hatten.

Der Wirtschaftsprofessor pflegt das Image eines Rebellen. Als Minister trat er auf wie ein Popstar der Ökonomie — cool, überlegen und durchtrainiert. Krawatten trug der „Mann mit dem James-Bond-Blick“, wie die griechische Presse ihn beschrieb, grundsätzlich nicht, auch nicht zu offiziellen Ministertreffen. Das Hemd ließ er gern locker über der Hose hängen.

Mit seinen europäischen Amtskollegen geriet Varoufakis mehrfach scharf und heftig aneinander. Diese hielten ihm vor, bei Sitzungen gerne lange Vorträge über Wirtschaftspolitik und die gemeinsame Zukunft Europas zu halten. Das habe viele — allen voran Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) — fast zum Wahnsinn getrieben, berichten Augenzeugen der Gespräche in Brüssel.

Noch mehr Empörung dürfte er bei den Geldgebern mit seinen schrillen Äußerungen in der Presse ausgelöst haben. Zuletzt hielt er der EU sogar „Terrorismus“ vor. „Was man mit Griechenland macht, hat einen Namen: Terrorismus“, sagte er der spanischen Zeitung „El Mundo“. Die EU habe Athen dazu gezwungen, die Banken zu schließen, und dies sei „Terror“ gewesen.

Varoufakis war sich der Ablehnung durchaus bewusst, die ihm bei Griechenlands Gläubigern entgegenschlug. „Ich werde die Abscheu der Kreditgeber mit Würde tragen“, verkündete er in seiner Rücktrittserklärung. Und weiter: „Die Volksabstimmung vom 5. Juli wird als einzigartiger Moment in die Geschichte eingehen, als eine kleine europäische Nation sich gegen die Schulden-Knechtschaft erhoben hat.“

Der Rücktritt von Varoufakis war für die Griechen am Montag die Nachricht des Tages: „Er war gut, er hat die Wahrheit gesagt, wir haben nichts mehr zu geben“, meinte der junge Kioskbesitzer Militalis, der täglich von früh bis spät in seiner winzigen Bude hockt. „Jetzt, wo er weg ist, werden sie bestimmt schnell in Brüssel einen Deal machen - und uns abmurksen.“ Mit großer Sorge blickt er auf das heutige Treffen der Euro-Finanzminister.

Der Radiologe Vassilious Kontogianni wünschte sich, dass Regierungschef Alexis Tsipras Varoufakis in die Wüste schickt. Dieser habe von seinen Verhandlungen mit den Gläubigern „ein Scheißergebnis mitgebracht“. Kontogiannis Hoffnung ist, dass jetzt endlich ein faires Programm ausgehandelt wird. Fair heißt für ihn: ein Schuldenerlass gegen Reformen. Auch der Mediziner stimmte am Sonntag mit Nein. „Damit Europa unsere schlimme Lage versteht.“

Und die ist nach wie vor mehr als ernst. Am Montag standen viele Menschen wieder in langen Warteschlangen vor den Geldautomaten an, um die zugelassene Tagesration von 60 Euro abzuheben. Die Banken blieben geschlossen. Wann die Geldinstitute wieder zur Normalität zurückkehren und die Kunden wieder frei über ihre Guthaben verfügen können, vermochte niemand zu sagen.

Am Vorabend waren Tausende Athener auf dem Syntagma-Platz zusammengeströmt und hatten bis tief in die Nacht den Erfolg von Tsipras in der Volksabstimmung gefeiert. Fast hätte man meinen können, ein Athener Fußballclub habe die Champions League gewonnen.

Samaras wirft hin

Mit ihrem „Nein“ haben die Griechen nicht nur die Sparpolitik der EU abgelehnt, sondern auch mit der etablierten Politik im eigenen Land radikal abgerechnet. Alle Politiker, die in den vergangenen Jahren in Griechenland Rang und Namen hatten — darunter die früheren Regierungschefs Konstantinos Mitsotakis (1990-1993), Kostas Simitis (1996-2004), Kostas Karamanlis (2004-2009), Giorgos Papandreou (2009-2011) und Antonis Samaras (2012-2015) —, hatten für ein „Ja“ geworben. Die große Mehrheit der Griechen erhörte sie nicht. Samaras zog noch in der Nacht nach dem Debakel die Konsequenzen und trat als Parteichef der konservativen Nea Dimokratia zurück. In der griechischen Opposition ist kein Politiker in Sicht, der es mit Tsipras aufnehmen könnte.