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Duisburg: „Die Zerreissprobe” von Lamya Kaddor: Warnung vor „Deutschomanen”

Duisburg : „Die Zerreissprobe” von Lamya Kaddor: Warnung vor „Deutschomanen”

Alarmierende Bestandsaufnahme der prominenten Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor: „Hass aller Orten. Im Netz kocht die Wut hoch. Auf der Straße stehen Unterkünfte in Brand. Deutschland scheint in Teilen zu einer Hassgesellschaft zu verkommen.” Eine „neue Fremdenfeindlichkeit”, die vor allem gegen Muslime und auch Flüchtlinge ziele, drohe das Land zu spalten.

In ihrem am Mittwoch erschienenen neuen Titel „Die Zerreissprobe” warnt Kaddor vor „Deutschomanie”, die ungebremst in eine Katastrophe münden werde.

„Diese Deutschomanen haben einen gefährlichen Alltagsrassismus mitzuverantworten, der typisch geworden ist und der durch alle Gesellschaftsschichten geht”, sagt Kaddor der dpa zu ihrer Wortschöpfung. „Fast krankhaft werden vermeintlich deutsche Tugenden verteidigt. Wenn man nachfragt, weiß aber keiner, was das denn das für Werte sind.” Pegida-Anhänger gehörten zu den „Deutschomanen”, Menschen mit rechtspopulistischen und rechtsextremen Positionen, die aber häufig nicht offen sagten, dass sie gegen Muslime und Ausländer seien.

Hetze und aggressive Ablehnung kennt Muslimin Kaddor (38), deren Eltern aus Syrien stammen, selbst seit Jahren. „Ich werde massiv angegangen, und diese Erfahrung machen auch meine Schüler und Studenten und Freunde. Es ist mir ein Anliegen zu zeigen, dass Rassismus wieder stark zunimmt”, schildert die Gründerin und Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes. Sie prägt die Debatte über den Islam in Deutschland mit, hat den Bestseller „Zum Töten bereit” über salafistische Radikalisierung geschrieben, ist für ihre Arbeit mehrfach ausgezeichnet worden.

Auch im neuen Buch nimmt sie kein Blatt vor den Mund. Politiker sollten sich offen mit den „Deutschomanen” auseinandersetzen, denn: „Unsere Demokratie ist in Gefahr.” Deutschland sei faktisch Einwanderungsland - der Minderheitenanteil werde immer größer und die Mehrheit immer kleiner. Dazu solle sich Politik offen bekennen. „Stattdessen wird einem immer vorgegaukelt, wir wären so eine Art homogene Gruppe. Das befördert eine Grundstimmung im Land, dass alles Fremde erst mal abzulehnen ist”, sagt sie. Den Bürgern müsse man die Angst vor Veränderungen nehmen.

Laut Statistischem Bundesamt hat jeder Fünfte der 81 Millionen Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund. Der Anteil der Bevölkerung ohne Einwanderungshintergrund ist von 2011 bis 2015 um 885.000 zurückgegangen. Der zunehmende Rassismus und der Zulauf zur AfD mit ihren „teils offen rassistischen Aussagen” sei auch eine „Quittung für schlechte Politik”, meint Kaddor. Derzeit sei Islamfeindlichkeit „die virulenteste Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in Deutschland und Europa.”

Populismus lasse sich nicht mit Populismus bekämpfen, schreibt Kaddor und nennt ausdrücklich die CSU. Etablierte Parteien und Politiker, die bei AfD und Pegida „populistische Aussagen klauen, schaden sich doppelt”. Der dpa sagt sie: „Menschen mit rassistischen und menschenfeindlichen Einstellungen, von denen nur Parolen kommen, die nicht gesprächsbereit sind, sollte man ausgrenzen. (...) Man sollte ihnen ein Stopp-Zeichen setzen.” Andere Menschen müssten vor „überbordender Propaganda” von Rassisten besser geschützt werden.

Eine „Konstante und in der Flüchtlingsfrage durchaus ein Vorbild” sei Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), meint Kaddor. Sie beweise „Haltung und Menschlichkeit”. Um Zuwanderungspolitik, Integrationsarbeit und den Kampf gegen Rassismus zu koordinieren, sei ein eigenes Ministeriums nötig. Die Pädagogin aus Duisburg meint: „Eine intensive Debatte über unsere Identität ist gerade jetzt bitter nötig”. Und: „Deutschsein ist heute ein Mosaik, zu dem Elemente vom Bier bis zur Moschee gehören. Die einzige Konstante ist unser Grundgesetz.”

(dpa)