Interview mit Helfer Christoph Laufens: „Die Menschen brauchen humanitäre Hilfe“

Interview mit Helfer Christoph Laufens : „Die Menschen brauchen humanitäre Hilfe“

Es ist wie in jedem Krieg: Auch unter dem Einmarsch der türkischen Armee in Nordsyrien leidet wieder einmal die Zivilbevölkerung am stärksten. Über ihr Lage sprach unser Redakteur Joachim Zinsen mit Christoph Laufens.

Der 42-Jährige aus Haaren (Kreis Heinsberg) ist stellvertretender Landesdirektor der Welthungerhilfe in der Türkei und koordiniert von Gabiantep aus die Hilfsprojekte seiner Organisation in der Türkei und in Syrien.

Herr Laufens,  wie dramatisch ist derzeit die Lage der Zivilbevölkerung im syrisch-türkischen Grenzgebiet?

Christoph Laufens: Wegen der Militäroperation mussten viele Menschen fliehen. Das gilt vor allem für Zivilisten auf syrischer Seite. Für sie hat sich die Lage massiv verschlechtert, weil sie Hab und Gut zurücklassen mussten. Aber auch aus dem Süden der Türkei sind Menschen nach Vergeltungsschlägen von syrischer Seite geflohen.

 Ist während des türkischen Vormarsches die Zivilbevölkerung gezielt angegriffen worden?

Laufens: Das kann ich nicht aus erster Hand beurteilen. Uns liegen keine Berichte über gezielte Angriffe vor.

 Wie viele Menschen sind auf der Flucht und wohin versuchen sie auszuweichen?

Laufens: Laut den Vereinten Nationen ist die Vertreibung von rund 200.000 Menschen auf syrischer Seite dokumentiert. Da die Grenze im Norden zur Türkei geschlossen ist, sind sie hauptsächlich nach Süden geflohen, sind also in Syrien geblieben. Rund 8000 Menschen, darunter etwa 4000 Kinder, haben sich nach Osten in den Irak durchschlagen können, obwohl die Grenze dorthin auch nicht komplett offen war. Infolge der türkisch-russischen Vereinbarungen von Sotschi sind allerdings bereits wieder rund 43.000 Geflüchtete in ihre Heimat zurückgekehrt.

Was brauchen diese Menschen nun am dringendsten?

Laufens: Natürlich zunächst humanitäre Hilfe, also neue Unterkünfte, Wasser, Nahrungsmittel, Kleidung und Decken. Aber viele von ihnen – allen voran die Kinder – sind angesichts ihrer schrecklichen Erlebnisse in den vergangenen Wochen traumatisiert und auch auf psychologische und psychosoziale Unterstützung angewiesen. Wir von der Welthungerhilfe bereiten uns darauf vor, vor allem die in den Irak geflohenen Menschen mit den am dringendsten benötigten Gütern zu versorgen. Zudem helfen wir seit Jahren Syrerinnen und Syrern, die bereits in der Vergangenheit in die Türkei geflohen sind.

 Dabei handelt es sich um rund 3,6 Millionen Menschen. Der türkische Präsident Erdogan spricht davon, viele von ihnen in den jetzt von seinen Truppen okkupierten syrischen Gebieten ansiedeln zu wollen. Was halten die Betroffenen davon?

Laufens: Ihre Haltung ist sehr unterschiedlich. Sicherlich gibt es viele Menschen, die nach Syrien zurückkehren wollen. Das gilt vor allem für Geflüchtete, die aus der Grenzregion stammen. Aber es bleibt abzuwarten, wie sich die Syrerinnen und Syrer verhalten werden, die nicht in diesem Gebiet verwurzelt sind.

 Glauben Sie, dass die von Erdogan verkündete Waffenruhe dauerhaft ist?

Laufens: Bisher hat sie abgesehen von vereinzelten Gefechten gehalten. Nach dem Abkommen zwischen dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und Erdogan bin ich persönlich vorsichtig optimistisch, dass die Waffenruhe Bestand haben wird.

 In Deutschland wird darüber diskutiert, ob mit Hilfe der Bundeswehr in der Grenzregion eine internationale Schutzzone eingerichtet werden soll. Was halten Sie von der Idee? Ist sie realistisch?

Laufens: Jede internationale Sicherheitszone braucht ein UN-Mandat. Dem muss auch der UN-Sicherheitsrat zustimmen. Das halte ich jedoch für unrealistisch und daher diese Diskussion für wahrscheinlich obsolet.