Sinkende Löhne für Fachkräfte durch mangelnde Tarifbindung

Sinkende Löhne für Fachkräfte: „Das können wir nicht mehr zahlen!“

Fachkräfte finden heute immer einen Job, Unternehmen lecken sich nach ihnen die Finger, aber der Arbeitsmarkt ist leer gefegt, gut ausgebildete Leute sind rar. So ist es immer wieder zu hören oder zu lesen. Barbara Gerhards (Name geändert) hat andere Erfahrungen gemacht.

Frau Gerhards ist Anfang fünfzig, wohnt im Raum Aachen und ist eine Fachkraft. Fast drei Jahrzehnte lang hat sie für einen großen Konzern gearbeitet – als Assistentin eines Managers. Für ihn erledigte sie die internationale Korrespondenz, organisierte seine Dienstreisen, bereitete Konferenzen und Präsentationen vor. Entsprechend gut wurde sie bezahlt. So, wie es der Tarifvertrag für ihre Tätigkeit vorsieht.

Doch dann „verschlankte“ ihr Arbeitgeber das Unternehmen. Auch Barbara Gerhards musste vor gut einem Jahr gehen. Damals war sie überzeugt, relativ zügig eine neue Stelle zu finden.

Rund 50 Bewerbungen

Seither hat Frau Gerhards rund 50 Bewerbungen geschrieben. Immer wieder meldete sie sich auf „Assistentinnen-Stellen“, die Unternehmen verschiedenster Branchen im Raum Aachen/Köln ausgeschrieben hatten. Für die anspruchsvollen Jobs fühlte sich Frau Gerhards mit ihren Fähigkeiten und ihrer Erfahrung prädestiniert. In zwölf Fällen kam es auch zu einer direkten Kontaktaufnahme. „Ich hatte mehrfach Telefon-Interviews mit Firmenvertretern, manche dauerten eine Stunde, einige wurden sogar auf Englisch geführt“, erzählt Frau Gerhards. „Es verlief alles problemlos, bis das Thema Bezahlung zur Sprache kam.“

Barbara Gerhards sagt, sie mache bei Bewerbungen grundsätzlich keine genauen Angaben über ihre Gehaltsvorstellungen. „Ich verweise aber immer auf das, was ich zuletzt verdient habe.“ Die Reaktionen darauf seien stets die gleichen gewesen: zu teuer, können wir nicht mehr zahlen! Teilweise seien ihr Gehälter angeboten worden, die bis zu 50 Prozent unter ihrem bisherigen Verdienst lagen. Zudem habe sie oft die Erfahrung gemacht, dass Aufgabenfelder, für die sie in der neuen Firma zuständig sein sollte, weit schlechter eingruppiert waren, als in ihrem bisherigen Job. „Ich sperre mich nicht dagegen, eine Arbeit zu machen, die um zehn oder sogar um 20 Prozent schlechter vergütet ist, als meine ehemalige Stelle“, sagt Frau Gerhards. „Aber noch weiter unter Wert will ich mich nicht verkaufen.“ In ihrer Stimme schwingt Ärger mit. Ärger darüber, dass sich „Manager eine goldene Nase verdienen“, aber viele von ihnen nur nach Fachkräften suchen, die „möglichst billig“ sind.

Ist das lediglich der Blick durch eine individuelle Brille? Zugespitzt formuliert: Gibt es auf dem Arbeitsmarkt vielleicht gar keinen generellen Fachkräftemangel, sondern nur zu wenig preiswerte Fachkräfte? „Manche mögen diesen Eindruck haben, aber so pauschal ist die Annahme falsch“, betont der renommierte Arbeitsmarktforscher Stefan Sell. „Es gibt Branchen und Regionen mit einem enormen Fachkräftemangel. Woanders ist das nicht der Fall.“

Trotzdem sieht der Wissenschaftler von der Universität Koblenz durchgängige „strukturelle Probleme“, die das Lohnniveau bei der Neueinstellung auch von Fachkräften häufig drücken. Zum einen beklagt Sell die in den vergangenen Jahren drastisch gesunkene Tarifbindung. Heute halten sich mehr als 50 Prozent der Unternehmen nicht mehr an die in Kollektivverträgen zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelten Arbeitsbedingungen, Einstufungen und Löhne. Tendenz steigend. „Wenn sich berufserfahrene Arbeitnehmer bei solchen Firmen bewerben, sind sie meist mit einem erheblichen monetären Absturz konfrontiert“, bestätigt der Arbeitsmarktforscher. Oft hätten arbeitslose Fachkräfte allerdings keine andere Wahl, als solche Angebote anzunehmen. Denn die gut dotierten offenen Stellen von Betrieben, die sich weiterhin an Tarifvereinbarungen halten, seien meist schnell über interne Empfehlungen besetzt.

Hinzu kommt laut Sell ein weiteres Problem: „Weil altgediente Arbeitskräfte bei der Jobsuche natürlich höhere Gehaltsvorstellungen haben als Berufseinsteiger, rekrutierten Unternehmen in der Vergangenheit meist jüngere Leute.“ Angesichts des demografischen Wandels seien Arbeitgeber nun zwar zum Umdenken gezwungen. Viele würden vermehrt auch wieder erfahrenen Arbeitnehmern eine Chance geben.

In den angebotenen Gehältern drücke sich das allerdings noch nicht aus. „Eine Lohnreaktion auf Engpässe am Arbeitsmarkt erfolgt meist nur mit erheblicher Zeitverzögerung“, sagt Sell und verweist als Beispiel auf den Beruf der Arzthelferin. Erst nach jahrelangem Klagen über einen extremen Nachwuchsmangel würden Arztpraxen neuerdings vermehrt dazu übergehen, gestandene Arzthelferinnen mit übertariflichen Konditionen zu umwerben.

Dass manche arbeitslose Fachkraft glaubt, sich unter Wert verkaufen zu müssen, ist auch in der Arbeitsagentur Aachen bekannt. „Es gibt Menschen, die mit dem Angebot eines Arbeitgebers nicht glück­lich sind, da sie für ihre vorangegangene Beschäftigung wegen langer Betriebszugehörigkeit oder firmenbezogener Qualifikationen übertariflich bezahlt wurden“, sagt Agentur-Sprecher Klaus Jeske. „Aber ebenso erhalten wir Rückmeldungen von Personen, die sich über bessere Verdienstmöglichkeiten freuen.“ Generell würde die Aachener Agentur nämlich nur Stellenangebote aufnehmen, bei denen „Arbeitgeber die Bezahlung des geltenden Tariflohns versichern“.

Eine Aussage, die Sell verwundert. „Wenn in Aachen tatsächlich so verfahren wird, dann ist das sehr löblich“, sagt der Forscher. „Aber es entspricht nicht der Gesetzeslage. Dass Arbeitslose einen Job ablehnen können, der nicht tarifgebunden ist, gehört leider längst der Vergangenheit an.“

Einig sind sich beide in einem anderen Punkt: Eine gute berufliche Qualifikation vermindert das Risiko, keine neue Stelle zu finden. „Menschen ohne Berufsabschluss sind fünfmal häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen als Fachkräfte“, sagt Jeske. „Zudem sind Personen, die über eine berufliche Qualifikation verfügen, im Durchschnitt kürzer arbeitslos.“

Sinkende Schmerzgrenze

Ihre finanziellen Vorstellungen müssen allerdings auch arbeitslose Fachkräfte schnell herunterschrauben. In den ersten beiden Monaten sind sie verpflichtet, einen Job anzunehmen, dessen Bezahlung bis zu 20 Prozent unter ihrem vorherigen Verdienst liegt. Nach einem halben Jahr sinkt die Schmerzgrenze bereits auf die Höhe des ausgezahlten Arbeitslosengeldes. Wer trotzdem solche Arbeitsstellen ablehnt, muss mit Sanktionen rechnen.

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