Aachener Friedenspreis: „Nukleare Gefahr ist so hoch wie im Kalten Krieg“

Aachener Friedenspreis : „Nukleare Gefahr ist so hoch wie im Kalten Krieg“

Der Aachener Friedenspreis würdigt das jahrelange Engagement gegen die Stationierung von US-Atomwaffen am Fliegerhorst Büchel in der Südeifel.

Angst habe sie heute nicht mehr so viel wie früher, aber die Angst bleibe doch präsent: So umschrieb die diesjährige Preisträgerin des Aachener Friedenspreises, Elke Koller, am Sonntag den ganz persönlichen Grund für ihren Friedenskampf. Denn diese Angst rühre aus der unmittelbaren Nähe zu 20 Atombomben, stationiert auf der Nato-Basis am Fliegerhorst Büchel in der Südeifel. „Ich fühle mich durch die Bomben sehr stark bedroht“, sagte die promovierte Sprecherin des „Initiativkreises gegen Atomwaffen in Büchel“ am Sonntag in Aachen.

Die kleine Eifelgemeinde neben der Airbase mit ihren Atombombensilos zählt etwas mehr als 1000 Einwohner, die sich seit mehr als 15 Jahren an die Protestaktionen der Aktivistinnen gewöhnt haben. Denn neben Preisträgerin Elke Koller erhielt am Abend des 1. September, dem Antikriegstag, mit einem Festakt in der Aula Carolina ebenso Marion Küpker als Sprecherin der bundesweiten Initiative „Büchel ist überall! Atomwaffenfrei jetzt!“ den Aachener Friedenspreis, eine seit 1988 von Bürgern gestiftete Auszeichnung, die mit 2000 Euro dotiert ist.

„Wir haben heute wieder eine so hohe atomare Kriegsgefahr wie zu Hochzeiten des Kalten Krieges“, sagte Küpker mit Blick auf die Kündigung des INF-Vertrages durch US-Präsident Donald Trump. In Büchel seien zwar keine Mittelstreckenraketen stationiert und würden es auch wahrscheinlich nach dem Scheitern des INF-Vertrages nicht. Vergessen werde jedoch, dass Generationen deutscher Außenminister von Hans-Dietrich Genscher über Joschka Fischer bis Guido Westerwelle den Abzug der US-Atomwaffen aus Büchel zugesichert hätten – ohne Ergebnis. Kaschiert werde die „völkerrechtswidrige Stationierung“ (Küpker) an einem deutschen Standort mit dem zwielichtigen Begriff der „nuklearen Teilhabe“, einem Zusammenwirken deutscher und amerikanischer Militärs unter der Flagge der Nato.

Der Verbleib der Atomwaffen in der Eifel missachte im Übrigen einen überparteilichen Beschluss des Bundestages von 2010, sagte Koller in ihrer Dankesrede. Die Piloten der Tornados, so  Koller, seien zumeist Bundeswehr-Piloten, die im Ernstfall die tödliche Nuklearfracht abwerfen müssten. „Und man muss sich eines vorstellen“, kritisierte sie, „die Tornados haben eine Reichweite nur bis in die Mitte von Polen.“ Angesichts des Gedenktages an den deutschen Überfall auf Polen vor 80 Jahren sei dies eine Vorstellung, die die Friedenskämpfer immer wieder auf die Straße gehen lasse, kritisierten Koller und Küpker. Den Einsatzbefehl könne im Übrigen nur der amerikanische Präsident erteilen, sagte Küpker.

In der Gemeinde Büchel und am Fliegerhorst selbst veranstalteten die Friedensaktivisten seit 2002 Proteste und Mahnwachen, die insbesondere durch den ehemaligen Militärpfarrer Matthias Engelke unterstützt wurden. Der evangelische Geistliche begründete eine jährliche Fastenaktion, die im Gedenken auch an die US-Atombombenabwürfe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki im August 1945 stattfindet. Die in der Eifel stationierten Bomben haben jeweils die zehnfache Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Und ob durch einen Unfall, ob durch ein Missverständnis oder durch militärische Muskelspiele: Jederzeit könne ein Atomkrieg beginnen, er sei bislang mehrfach nur „um Haaresbreite“ verhindert worden, sagte Küpper.

Die Laudation hielt die ehemalige Bundesjustizministerin im Kabinett Schröder, Herta Däubler-Gmelin (SPD), die auch Gastprofessorin am Lehrstuhl für Systematische Theologie an der RWTH-Aachen ist.

Als weiterer Preisträger für das Jahr 2019 war ursprünglich der ukrainische Friedensaktivist Ruslan Kotsaba vorgesehen. Der Kriegsdienstverweigerer saß in seiner Heimat mehrfach wegen seinen Überzeugungen in Haft. Nach der Nominierung wurden jedoch antisemitische Äußerungen des Bloggers und Journalisten aus dem Jahr 2011 bekannt. Der Vorstand des Friedenspreises distanzierte sich, Kotsaba verzichtete schließlich im Mai 2019 auf die Ehrung.

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