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Kontaktpersonen identifizieren: Eine App, die warnt und die Grundrechte einhält

Kontaktpersonen identifizieren : Eine App, die warnt und die Grundrechte einhält

„Wenn wir die Kontaktsperre beenden wollen, brauchen wir die digitale Lösung“, sagt Europaabgeordneter Peter Liese. Eine solche könnte auch eine Corona-App sein. Aber es gibt Sicherheitsbedenken.

Der Kampf gegen das Coronavirus ist mühsam. Im Schnitt brauchen beispielsweise die Mitarbeiter der deutschen Gesundheitsämter bis zu zwei Tage, um alle Kontakte eines neuinfizierten Patienten zu informieren. Und selbst das bleibt lückenhaft. „Wer weiß schon, wen er im Bus oder während einer Fahrt mit der Bahn infiziert hat“, sagt Peter Liese, Arzt und Europaabgeordneter für die CDU. Schlimmer noch: „Da auch Menschen ohne Symptome als Träger des Virus andere anstecken können“, sei es nur mit großem Aufwand möglich, die Infektionskette zu durchbrechen. Liese: „Wenn wir die Kontaktsperre beenden wollen, brauchen wir die digitale Lösung.“

Die klingt einfach und simpel: Sollte ein Mensch positiv auf Covid-19 getestet werden, verschickt eine neue App auf dem Mobiltelefon automatisch binnen weniger Augenblicke eine Information an alle Personen, die innerhalb der letzten Tage mindestens 15 Minuten lang in weniger als zwei Metern Entfernung des Patienten registriert wurden. „Je früher wir eine infizierte Person kennen, desto früher können wir andere warnen“, sagt Chris Boos, Chef des auf Künstliche Intelligenz spezialisierten Unternehmens Arago, Berater der Bundesregierung und einer von drei Entwicklern jener (ein weitere Deutscher und ein Epidemiologe aus der Schweiz) App, auf die die Regierungen warten.

„Pan-European Privacy-Preserving Proximity Tracing“ (PPEP-PT) nennt sich der Standard, der die Bluetooth-Technologie nutzt. „Diese Plattform bietet alle Möglichkeiten, die Technologie auf europäische Art und Weise unter Wahrung der Grundrechte zu nutzen“, ist auch Alexandra Geese, Datenschutz-Expertin der Europafraktion von Bündnis 90/Die Grünen, überzeugt.

„Komplett anonym und vollständig privat“ werden die Daten auf dem eigenen Mobiltelefon aufgezeichnet, bekräftigte Boos am Freitag in einem Gespräch. Und: Sie soll grenzüberschreitend funktionieren, damit die Menschen sich damit auch wirklich frei bewegen können. Das ist eine große Herausforderung, denn jedes Land habe unterschiedliche Gesundheitssysteme und Kapazitäten. Die müssen im Hintergrund hinterlegt sein. „Denn wer eine Warnung erhält, muss auch schnell getestet werden“, erklärte Boos. Das ist bisher nicht in allen EU-Mitgliedstaaten sowie jenen weiteren 40 Ländern, die an dem Projekt beteiligt oder interessiert sind, garantiert.

Die Kritik ist durch den Einstieg der beiden Internet-Konzerne Apple und Google in das Projekt nicht geringer geworden – gerade mit Blick auf den Datenschutz. Dabei betonen die Entwickler, dass keine persönlichen Bewegungsmuster aufgezeichnet werden und die Privatsphäre durch vollständige Anonymisierung der Daten gesichert sei. Außerdem sollen alle Informationen innerhalb einer kurzen Frist automatisch gelöscht werden. Datenschutz-Experten und Politiker wie Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) fordern vor allem, dass die Nutzung der App freiwillig sein soll. Kein Chef dürfe von deren Verwendung abhängig machen, ob ein Arbeitnehmer wieder ins Büro kommen könne oder nicht.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) betonte am Freitag, dass die Installation der App ein wichtiger Beitrag für die weitere Lockerung der Kontaktbeschränkungen sei. Gerade deshalb werde „mit Hochdruck daran gearbeitet“. Erste Tests laufen gerade in Italien. Dennoch dauert es wohl noch. „Damit es wirklich gut wird, braucht es halt eher noch drei oder vier Wochen als zwei Wochen“, räumte er ein. „Das ist enttäuschend“, kommentierte der EU-Abgeordnete Liese. „Denn das Ende des Lockdown ist ohne die App nicht möglich.“