Ein Jahr nach den Ausschreitungen in Chemnitz

Ein Jahr nach den Ausschreitungen in Chemnitz : Eine gespaltene Stadt versucht sich in Normalität

Die Neonazi-Ausschreitungen vor einem Jahr beschäftigen die Stadt Chemnitz noch immer. Im Untergrund brodelt es. Daran haben auch zahlreiche Festivals und Gegendemonstrationen nichts geändert.

Bis zum Tatort an der Brückenstraße sind es 60 Meter, bis zum Karl-Marx-Monument keine 30. Vor einem Jahr führte der gewaltsame Tod des Deutsch-Kubaners Daniel H. an diesem Ort zu rechtsextremistischen Ausschreitungen. Chemnitz kam mit dem Schlagwort „Hetzjagden“ in die Schlagzeilen. Jetzt haben drei Dutzend Frauen und Männer auf der Wiese des Stadthallenparks Tücher ausgebreitet und sich darauf gesetzt. Sie knicken das rechte Knie vor sich ein, dehnen den linken Unterschenkel hinter sich nach oben. Es sieht nicht bequem aus, und nicht alle schaffen es, was entspannen soll. Das öffentliche Ashtanga Yoga steht für die aktuelle Stimmung in der Stadt ein Jahr „danach“. Ein Versuch der Normalität, der jederzeit scheitern kann.

Bands und Open-Air-Kino

Die Yoga-Stunde ist Teil des Park-Sommer-Programms, das wochenlang die City bespielt. Abends treten Bands auf. Nebenan flimmern Filmklassiker vor der Theaterkulisse im Freilichtkino. Eine Gruppe Syrer schlendert die Straße der Nationen entlang. Aus den Boxen dröhnt „Stayin alive“. John Travolta stürzt sich unter dem Turm der Petrikirche ins „Saturday Night Fever“. Es war eine Samstagnacht, als das Fieber letzten August die Stadt erfasste. Ein Jahr danach hat die sächsische Metropole überlebt, läuft die Bewerbung um den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt. „Früher konnten wir uns bewerben, heute müssen wir es“, heißt die Devise im Rathaus.

Die fremdenfeindlichen Ausschreitungen in der Stadt, an deren Technischer Universität Frauen und Männer aus über hundert Nationen studieren, wirkten wie ein Fanal für die Zukunftsaussichten der sächsischen Region. Doch im „Café International“ von der Caritas, in dem Maytham Jabar (49) Flüchtlingen beim Ausfüllen der Formulare hilft, erinnern sich die Besucher auch an die mutmachenden Szenen. Junge Deutsche hätten sich die Kinder einer Flüchtlingsfamilie geschnappt und sie mit ihren Eltern vor dem wütenden Mob in Sicherheit gebracht. Hier, in dem Café im Stadtteil Sonnenberg, berichteten die jungen Männer auch von den Jagdszenen, die auf dem berühmt gewordenen Video zu sehen sind.

„Das war für alle ein Schock“, erinnert sich Jabar. Doch inzwischen gebe es unter seinen Gästen keine Angst mehr, über die Straße zu gehen. Es sei „viel passiert“, von der Opferberatung bis zur Antidiskriminierungsstelle. Vor allem wegen der erhöhten Polizeipräsenz fühlten sich die Menschen in Chemnitz sicherer. Der Sonnenberg ist äußerlich eine Mischung aus schick modernisierten Altbauten und sanierungsbedürftigen Mietskästen. Und innerlich ein Schmelztiegel. Wer hier abends die Straßen entlang schlendert, wird von muskelbepackten, kahlgeschorenen Typen kritisch beobachtet, die vor einschlägigen Szenelokalen ihr Bier trinken und in ihren Gesprächen sofort innehalten. Hier ist die Neonazi-Netzwerk-Dichte immens hoch. Doch eine Ecke weiter betreibt ein syrischer Flüchtling einen Imbiss, haben arabische Spezialitäten-Geschäfte aufgemacht.

Chemnitz kommt nicht zur Ruhe: Immer wieder ziehen rechtsextremistische Demonstranten mit Deutschlandfahnen durch die Stadt. Foto: -/dpa-Zentralbild/dpa/-

„Sonnenberg hat sich verselbständigt“, analysiert Markus Wolf (49). Der frühere Bauarbeiter, Altenpfleger und Zimmervermittler hat 1991 den Chemnitzer „Stadtstreicher“ als Alternativblatt gegründet und die schleichende Entwicklung aus der Nähe mitverfolgt. In Sonnenberg habe keiner den verschiedenen Szenen auf die Finger geguckt. „Das haben die Rechtsextremisten auch als Vorteil erkannt und sich dort niedergelassen“, erinnert sich Wolf. Sie seien aus verschiedenen Bundesländern nach Chemnitz gezogen, auch aus Berlin, auch aus Hessen, auch aus dem Rheinland. „Wir ahnten immer, dass da rechtsextremistische Netzwerke entstanden sind, und plötzlich wussten wir, wie viele es sind“, lautete die zentrale Erkenntnis nach den Ereignissen des letzten August, als die Szene binnen Stunden Tausende auf die Straße brachte.

Angriffe auf persische und jüdische Gastronomen

Zunächst schien es der Kulminationspunkt für gewalttätigen Rassismus und Antisemitismus zu sein. Es gab Angriffe auf einen jüdischen und einen persischen Gastronom, ein türkisches Lokal ging in Flammen auf. Doch seit dem Herbst herrscht Ruhe. Mancher glaubt nicht, dass es wie ein böser Spuk wirklich vorbei ist. Möglicherweise hätten die Führer der Szene nur die Nase voll vom polizeilichen Verfolgungsdruck und wirkten auf die Heißsporne ein, lieber woanders zuzuschlagen, damit sie in Chemnitz wieder ihre Ruhe bekommen. Wie hoch das Potenzial und wie niedrig die Skrupel in Chemnitz sind, zeigte sich im März im Stadion, als die Szene einen verstorbenen Neonazi und mutmaßlichen Rädelsführer der Krawalle öffentlich betrauerte, unterstützt vom örtlichen Fußballclub. Die siebenmonatigen Bemühungen vieler Chemnitzer, ihr Rechtsextremismus-Image loszuwerden, waren angesichts dieser skandalösen Stadionbilder sofort vergessen.

Es ist eine geteilte Stadt, in der ein Riss mitten durch Familien und Freundeskreise geht. Früher oder später müsse man sich bei jeder Feier für die eine oder andere Seite bekennen, und danach vermieden es die Seiten, einander noch mal einzuladen, um sich Streit und Stress zu sparen, heißt es etwa im Stadtviertel Kaßberg. Hier lagen die Grünen bei den Stadtratswahlen auf Platz eins, die AfD auf Rang fünf. Drüben, auf dem Sonnenberg, war die AfD mit weitem Abstand vorne, landeten die Grünen auf Rang vier. Bei den Europawahlen schnellte die AfD im gesamten Stadtgebiet von neun auf über 23 Prozent. Um im Stadtrat mit nun zehn Parteien noch eine bürgerliche Mehrheit zu bekommen, müssen sich CDU, SPD, Grüne und FDP zusammen tun.

Einer ist nicht mehr dabei. Thomas Lehmann (51) hat als Grünen-Fraktionschef gegen die Neonazi-Szene gekämpft. Und viel Kraft gelassen. Er schließt nicht aus, später wieder in die Kommunalpolitik einzusteigen. „Aber jetzt muss ich erst mal neue Kraft tanken“, sagt der Werbefachmann und Biolandwirt. Schon in der DDR in Gegnerschaft zum totalitären Stasi-System, hat er den Aufstieg der Rechtsextremisten genau verfolgt. Wie ein Notar sowohl für die Stadt als auch den Aufbau der NPD-Jugend gearbeitet habe. Wie ein Burschenschaftler sich den rechtsradikalen Nachwuchs an Chemnitzer Schulen herangezüchtet habe. Und wie er sich selbst immer wieder gefragt habe, warum so viele Chemnitzer nicht auf Distanz gehen, wenn die Hooligans in ihrer Stadt mit Neonazi-Sprüchen aufmarschieren.

Seine Erklärung: „Sie haben seit 1933 ununterbrochen in totalitären Systemen gelebt, hatten immer mit staatlichem Nationalismus und Antisemitismus zu tun und haben an der Schule nie Demokratie lernen können.“ Weil dies nicht nur in Chemnitz so sei, hätten sich nach seiner Überzeugung die Szenen vom letzten Sommer auch in Halle, Cottbus oder Frankfurt/Oder genauso ereignen können.

Die Sensibilität ist jedenfalls gewachsen. „Vor zehn Jahren hat das noch niemanden interessiert, wenn sie vor meinem Restaurant den Hitlergruß gezeigt haben – heute werden sie bestraft“, fasst Uwe Dziuballa (54) die Entwicklung zusammen. Er kocht mit seinem Bruder koscher in Chemnitz. Zwei Martini­gläser, als Silhouette zum Davidstern verschränkt, bilden das Emblem vom „Schalom“. Und auch ein koscheres Bier lässt er brauen. Sein Kalkül: „Wenn man merkt, dass das ganz normal schmeckt, denkt man vielleicht, dass die Juden auch ganz normale Menschen sind.“ Dem Überfall von einem Dutzend Neonazis mit Steinen auf ihn vor einem Jahr ist kein weiterer gefolgt. Ab und zu schaut die Polizei vorbei, bei nationalistischen Treffen in der Stadt wird das von Michelin empfohlene Restaurant bewacht.

Einzige Großstadt ohne ICE

Für ihn bleibt es ein Phänomen, dass so viele Menschen in Deutschland eine „Sehnsucht nach Aufräumen“ entwickeln. Immer wieder höre er, so gehe es nicht weiter. Und bei seiner Nachfrage, ob es ihnen denn persönlich schlecht gehe, sagten alle nein. Dennoch müsse sich dringend „was“ ändern. Ist das Bedürfnis in Chemnitz besonders ausgeprägt, weil die Innenstadt noch vom sozialistischen Brachialbaustil geprägt wird, man sich, wie ein Künstler kürzlich attestierte, in der City „nirgendwo geborgen fühlen“ könne. Weil es Chemnitz „immer drauf“ gekriegt hat? Im Weltkrieg die Zerstörungen, nach der Wende der Verlust Zehntausender Arbeitsplätze. Oder weil es sich abgehängt sieht? Die einzige Großstadt ohne Anschluss ans Fernbahnnetz. Der einzige ICE, der in Chemnitz hält, ist der in der Modelleisenbahnanlage im Bahnhof für einen Euro pro Spiel.

Den Verantwortlichen schwant Schlimmes, wenn das Verfahren gegen den einzigen derzeit inhaftierten Tatverdächtigen so ausgeht, wie es sich abzeichnet. Es mangelt offenkundig an Beweisen. Aus Furcht haben sie das Stadtfest zum Jahrestag der Ausschreitungen abgesagt. Es spricht für die Chemnitzer, dass sich daraufhin Initiativen zusammen taten um ein Bürgerfest aufzuziehen. Es soll schön bunt werden.

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