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CSU schneidet schlecht ab bei bayerischer Landtagswahl

Bayerische Landtagswahl : Klar scheint: „Die CSU wird arg gerupft.“

Auch Nicht-Bayern kennen die kraftstrotzende Grundüberzeugung: „Mia san mia.“ Aus dem Mund eines CSU-Politikers klingt in dieser „So-sind-wir-eben“-Ansage der Anspruch auf absolute Mehrheiten mit.

Auf dem Wochenmarkt in Eggenfelden geht der „Mia“-Satz an diesem Morgen anders: „Mia ham Eich scho g’wählt!“ Bayerische Briefwähler reagieren damit auf die Einladung von Landtagskandidat Günther Reiser (72), doch bitte an den Infostand der Grünen zu kommen. Tatsächlich verzeichnen die Bürgermeister der Region so viele Briefwähler wie noch nie. Gewöhnlich ein Indiz für gutes Abschneiden der Grünen. Hebt am Sonntag auch einer der schwärzesten Wahlkreise Bayerns zum grünen Höhenflug ab?

Mia Goller (40) steht neben Reiser am Grünen-Stand und verteilt Äpfel. Sie kandidiert für den Bezirkstag und bestätigt den ungewöhnlichen Zuspruch. Noch ist sie vorsichtig. Zu oft schon haben die Grünen die Umfragen gewonnen und die Wahlen verloren. Jetzt sind die Anzeichen jedoch überdeutlich. Bei den Bundestagswahlen vor 13 Monaten war der Kreis Rottal-Inn derjenige mit den größten CSU-Verlusten. Nach Werten zwischen 60 und 70 Prozent in den Nachkriegsjahrzehnten stürzten die Christsozialen von 58,8 auf 42,7. „Das war für die wie ein Erdbeben“, sagt einer, der die Reaktionen der CSU-Leute beim Auszählen in einem Wahllokal beobachtete.

Der SPD-Mann wirbt ohne „SPD“

 Valentin Kuby vor dem elterlichen Bauernhof in Niederbayern. Der SPD-Mann verzichtet auf seinen Wahlplakaten auf den Hinweis seiner Partei.
Valentin Kuby vor dem elterlichen Bauernhof in Niederbayern. Der SPD-Mann verzichtet auf seinen Wahlplakaten auf den Hinweis seiner Partei. Foto: Gregor mayntz/RP/ZVA/Gregor Mayntz

Entsprechend vorsichtig ist Martin Wagle (48), Gärtnermeister und Blumenladenbesitzer in der Kreisstadt Pfarrkirchen. Der Vize-Bürgermeister ist neuer Spitzenkandidat der CSU und wagt lieber noch nicht, die konstituierende Fraktionssitzung der CSU am kommenden Dienstag in seinen Terminkalender zu schreiben. „Da kann noch viel passieren“, sagt er mit einem verlegenen Lächeln. Für ihn ist nur eines sicher: Dass er seinen Betrieb weiter führen wird. Schließlich hat den sein Großvater gegründet, sein Vater an ihn übergeben. Da hört ein Wagle nicht auf, auch wenn er bald Politik in München machen will.

Die aktuellen Umfragen belegen zudem, dass die Wähler der SPD den Rücken kehren. Elf Prozent in der jüngsten Sonntagsfrage. Für gestandene Sozialdemokraten ist das ein Drama shakespeareschen Ausmaßes. Valentin M. Kuby (27) kennt sich damit aus. Der abgewandelte Hamlet-Spruch „Kuby or not to be“ ist der Wahlkampfslogan des SPD-Landtagskandidaten. Er steht auf seinen 1200 Plakaten, ziert die zehntausend Flyer und findet sich mit Sprühkreide auf den Bürgersteigen der Region. Kuby wollte Schauspieler werden, bis er über seine Rolle als Oberon im Theater an der Rott zur Politik fand.

Zwar hat er seinen Wahlkampf als große Inszenierung aufgezogen und im elterlichen Bauernhof ein Wahlkampagnen-Camp mit zehn Schlafplätzen für Wahlhelfer untergebracht. In Apfelbaum-Idylle ging der Student der Staatswissenschaft über Monate daran, den Wahlkreis strategisch und taktisch umzupflügen, legte gut 10 000 Kilometer zurück, kämpfte sich täglich oft 14 Stunden ab, klopfte an 7 500 Türen und ist nun mit einem selbstgebastelten Lautsprecherwagen in den letzten Tagen auf den Straßen unterwegs, um die Menschen an die Infostände zu locken. Doch bei seinen Durchsagen fehlen drei Buchstaben.„SPD“ kommt nicht vor. Er wolle die Wähler ja nicht gleich verschrecken, meint er. Und: „Das Image ist doch sehr angegriffen.“

Kuby ist ein erklärter Gegner der großen Koalition in Berlin und macht die Wirtschafts- und Finanzpolitik der SPD für den kontinuierlichen Niedergang seiner Partei verantwortlich. „Wir haben uns dem neoliberalen Pathos hingegeben“, klagt der SPD-Kandidat und schaut dabei auf ein Poster vom Warschauer Kniefall des SPD-Idols Willy Brandt. Zwischen Sarkasmus und Schadenfreude liegt seine aktuelle Umfrageanalyse: „Wir haben 20 Jahre für die Verluste gebraucht, die die CSU in wenigen Monaten hingelegt hat.“

Die Gründe für den CSU-Niedergang kommen an vielen Wahlkampfständen der Konkurrenten vor: Dass die CSU die Flüchtlingspolitik von Merkel richtigerweise bekämpft, sie dann aber doch wieder unterstützt habe. Dass die Koalitionsbildung in Berlin so lange gedauert und CSU-Chef Seehofer dann die Koalition im Sommer fast wieder vor die Wand gefahren habe. „Die sollen vernünftig regieren und sich nicht selbst bekämpfen“, berichtet etwa Josef Auer, der Bürgermeister von Massing. An den Stammtischen der 4100 Einwohner gebe es eine klare Erwartung: „Die CSU wird arg gerupft.“

 Guenther Reiser und Mia Goller von den bayerischen Grünen machen Wahlkampf in Eggenfelden, Niederbayern vor der Landtagswahl in Bayern am 14.10.
Guenther Reiser und Mia Goller von den bayerischen Grünen machen Wahlkampf in Eggenfelden, Niederbayern vor der Landtagswahl in Bayern am 14.10. Foto: Gregor Mayntz

Aber nicht nur für ihr Auftreten im Bund. Auch regionale Aufreger gebe es in Hülle und Fülle, weiß Dominik Heuwieser (33), der Landtagskandidat der FDP. Vor allem in der Schulpolitik. Der Unterrichtsausfall habe wegen der zurückhaltenden Lehrerpersonalpolitik der CSU dramatische Züge angenommen. Die Leute erzählten sich von einer Schule, in der sämtliche Klassen von der Rektorin in der Aula unterrichtet würden, weil die Kolleginnen und Kollegen fehlten oder krank seien. In einem anderen Fall habe die Schulleitung zwei ältere Schüler als Lehrer verpflichtet. Deshalb fährt die FDP konsequent das Thema Bildung im Wahlkampf hoch und kümmert sich um die Digitalisierung. „Was nutzt die Ausstattung einer Schulklasse mit Tablets, wenn das W-Lan für deren Nutzung fehlt?“, fragt Heuwieser.

Er rechnet sich Chancen aus, im nächsten Landtag zu sitzen, „wenn wir Richtung acht Prozent gehen“. Den Hype der Grünen relativiert er. Die Wahrnehmung vom großen Erfolg der Grünen werde geprägt vom großstädtischen Milieu, „wo alles vegan und voller E-Autos ist.“ Die Hoffnung auf Schwarz-Grün sei absolut verfrüht. Da gehe viel eher etwas zwischen CSU und Freien Wählern oder FDP.

Das sieht Werner Schiessl (50), langjähriger Bürgermeister von Eggenfelden und Landtagskandidat der Freien Wähler, ähnlich. Die oft als faszinierende Möglichkeit vorgerechnete Ablösung der CSU durch eine Mehrheit aus Grünen, SPD, FDP und Freien Wählern sieht er nicht: „Wo sollen da denn die Schnittmengen sein?“ Das sei schon bei Schwarz-Grün schwierig. Nicht ganz einfach auch zwischen CSU und FDP, und „am schnellsten“ gehe es bei Koalitionsverhandlungen zwischen CSU und Freien Wählern. Schiessl hat viele Kontakte in die Union und weiß auch, wie viele dort die Faust in der Tasche ballen. Weil Markus Söder bei seinen „Söder-macht’s“-Entscheidungen die eigenen Leute nicht eingebunden habe. Die Erwartungen seien weit verbreitet, dass bei einem Absturz der CSU sowohl Seehofer als auch Söder gehen müssten.

Viele hoffen auf Ilse Aigner

Und wer kommt dann? Bei vielen in der Region richten sich die Hoffnungen auf Vize-Regierungschefin Ilse Aigner. Die solle wenigstens CSU-Vorsitzende werden. Im Wahlkampf machte Söder einen Bogen um die einstige CSU-Hochburg Rottal-Inn. Aigner kam selbstverständlich. Und so kann auch die Grüne Goller noch von einer schwarz-grünen Regierung unter Aigner träumen. „Wenn Ihr Euch zu den Schwarzen ins Bett legt, wähl` ich Euch nie wieder“, sagt ein Passant. Doch Goller, die gleich am Montag als Mitglied des Landesausschusses mit über Koalitionsverhandlungen entscheidet, glaubt, dass fünf weitere Jahre Opposition schlecht für die Natur in Bayern wären. „Wir müssen jetzt die Arten retten“, lautet ihre Begründung für die Regierungs-Option.

Für den CSU-Kandidaten Wagle hat der nächste Termin begonnen. Klinkenputzen in Simbach. In Blickweite zu Braunau in Österreich ist die AfD hier präsent wie an keinem anderen Ort im Kreis. „Grenzen schützen“ hängt selbst neben dem offiziellen Schild „Bundesgrenze!“ Mit ihrer Migrationspolitik habe die CSU die AfD erst hoffähig gemacht, hat Grünen-Kandidat Reiser am Morgen noch geschimpft. Und am Abend vor Ort? Wagle geht mit seinem Team durch die Gartenstraße. Ein- und Zweifamilienhäuser, überall wird saniert und neu gebaut. Die Innflut hat hier vor zwei Jahren gewütet. Aber es fällt kein einziges böses Wort. Viele danken für die „großzügige Unterstützung“ durch die CSU-Politik.

„Super“, sagt Wagle, als er die Wahlabsichten der Überschwemmungsopfer hört. Vielleicht kommt es ja doch nicht ganz so schlimm, wie die Demoskopen sagen. Die berücksichtigen auch selten die Besonderheiten des bayrischen Wahlrechtes. Für den Augenblick tun die Aussichten dem CSU-Mann sichtlich gut. Und wenn nicht, ist da ja immer noch die Gärtnerei. Mit viel Grün.

(dpa)