Aachen/Berlin: „Das verabredete Tierwohl-Label ist nur eine Mogelpackung“

Aachen/Berlin : „Das verabredete Tierwohl-Label ist nur eine Mogelpackung“

Union und SPD haben erklärt, in einer großen Koalition den Tierschutz in der Landwirtschaft verbessern zu wollen. Was ist von dieser Ankündigung zu halten? Unser Redakteur Joachim Zinsen sprach mit Kristin Karnbach von der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten“.

Union und SPD wollen ein staatliches Tierwohl-Label einführen, damit der Verbraucher beim Kauf von Fleisch künftig erkennen kann, ob die Nutztiere zuvor halbwegs artgerecht gehalten wurden. Freut Sie das als Tierschützerin?

Karnbach: Nein, denn das verabredete Label ist nur eine Mogelpackung. Dessen Einstiegs-Kriterien sind viel zu niedrig angesetzt. Sie liegen teilweise sogar unter den bisherigen gesetzlichen Mindeststandards. Den Tieren ist damit ebenso wenig geholfen, wie dem Verbraucher. Der muss für das Label nur mehr zahlen. Zudem ist die Kennzeichnung freiwillig. Deshalb steht zu befürchten, dass nur ein kleiner Teil der Landwirte an dem Programm tatsächlich teilnehmen wird. Nein, nur eine verpflichtende Kennzeichnung der Haltungsbedingungen auf allen tierischen Produkten ermöglicht dem Verbraucher eine informierte Kaufentscheidung. Alles andere ist ein Täuschungsmanöver.

Bei Frischeiern ist es bereits verpflichtend, die Haltungsbedingungen von Legehennen anzugeben. Warum wird dieses System nicht einfach auf Fleisch übertragen?

Karnbach: Die Kennzeichnungspflicht bei Eiern ist eine EU-Regelung. Die Aussicht auf ähnliche Vorgaben für Fleisch ist derzeit leider gering, weil einige EU-Länder beim Tierschutz alles andere als fortschrittlich sind. Die Bundesregierung könnte jedoch als Vorreiter auftreten und in einem nationalen Alleingang solch eine Regelung beschließen. Rechtlich ist das unter Zustimmung der EU-Kommission möglich.

Wenn das nun vereinbarte Label nur den Status quo zementiert, warum wollen Union und SPD es überhaupt einführen?

Karnbach: Die Politik steht unter Zugzwang. Umfragen zeigen: Immer mehr Verbraucher wünschen sich Transparenz beim Einkauf von tierischen Lebensmitteln, verlangen nach einer Orientierungshilfe. Trotzdem sitzt das Bundeslandwirtschaftsministerium die großen Missstände in der Nutztierhaltung aus. Es setzt weiterhin auf freiwillige Vereinbarungen mit der Wirtschaft, statt Gesetze zu erlassen. Das geplante Tierwohllabel soll lediglich Handlungswillen der Politik simulieren.

Sie sprachen von Missständen. Wie sieht es denn beispielsweise in deutschen Schweineställen aus?

Karnbach: Den meisten Schweinen geht es sauschlecht. Die Produktion ist hochindustrialisiert und allein auf Profit getrimmt. Schweine werden nicht als fühlende Wesen wahrgenommen, sondern allein als Ware. Konkret heißt das: Die Tiere vegetieren auf engstem Raum vor sich hin. Sie werden auf Beton ohne Stroh gehalten, was zu schmerzhaften Entzündungen ihrer Gelenke und Klauen führt. Ferkel bekommen die Schwänze abgeschnitten, obwohl es längst illegal ist. Zudem dürfen sie bis Ende des Jahres weiterhin ohne Betäubung kastriert werden. Und schließlich bleiben Sauen eine lange Zeit ihres Lebens in Metallkäfigen gesperrt, in denen sie ihre Ferkel zur Welt bringen und säugen müssen.

Und daran ändern die Beschlüsse der Groko-Verhandlungspartner nichts?

Karnbach: Nein!

Die Koalitionäre in spe haben auch verkündet, das millionenfache Schreddern von männlichen Küken in der Geflügelhaltung werde endlich beendet. Zumindest das ist doch ein Erfolg, oder?

Karnbach: Es wird nur gesagt, dass die Bundesregierung innerhalb von zwei Jahren das Kükentöten beenden will. Von einem Verbot ist leider nicht die Rede. Wir befürchten, dass die Bundesregierung sich weiterhin nur auf die Praxisreife der Geschlechts-Früherkennung im Ei ausruhen wird. Diese wird vermutlich erst 2019 marktreif sein. Bis dahin geht das millionenfache Kükentöten weiter. Das ließe sich vermeiden, wenn zum Beispiel das Zweinutzungshuhn gefördert würde, also die Tiere sowohl zur Eier- als auch zur Fleischproduktion dienen.

Wie lautet Ihr generelles Fazit zu den Groko-Beschlüssen in Sachen Tierschutz?

Karnbach: Wir sind von den Ergebnissen der Verhandlungen enttäuscht. Der Tierschutz wird wohl auch in den kommenden vier Jahren nur eine untergeordnete Rolle spielen. Das gilt nicht nur für die Nutztierhaltung. Maßnahmen gegen den illegalen Handel von Hundewelpen oder das Verbot von Wildtieren im Zirkus kommen in den Beschlüssen mit keinem Wort zur Sprache.

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