An der Grenze zu Gaza: Bei Alarmstufe Rot bleiben 15 Sekunden

An der Grenze zu Gaza : Bei Alarmstufe Rot bleiben 15 Sekunden

Im Süden Israels können 15 Sekunden zwischen Leben und Tod entscheiden. Die 72-jährige Vera Tal ist daran gewöhnt, in dieser kurzen Zeit die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Denn wenn in der israelischen Gemeinschaftssiedlung „Magen“, einem Kibbuz in der Region Eshkol die Worte „Zeva Adom“ („Alarmstufe Rot“) aus den Lautsprechern schallen, dauert es noch circa 15 Sekunden bevor die ersten Raketen aus Gaza eintreffen.

Für Tal und die 600 anderen Israelis in ihrer Siedlung gehört das ständige Schutzsuchen zum Alltag. „Der letzte Alarm kam gegen halb Eins in der Nacht, aber niemand von uns hat sich wirklich erschrocken“, sagt Tal. Die kleingewachsene Frau mit dem fröhlichen Gesichtsausdruck und kurzen grauen Haaren lebt seit 1965 im Kibbuz und hat dort gemeinsam mit ihrem Mann zwei Kinder großgezogen.

Sie ist gewöhnt an eine Umgebung, die mit kleinen Betonklötzen übersät ist. Durch ihre kunstvolle Bemalung heben sie sich von der sonst eintönigen Umgebung der Negev-Wüste ab. Auf den Avocado- und Bananenfeldern, an jeder Bushaltestelle und neben jedem Picknicktisch sind diese Schutzräume aus dicken Betonwänden gebaut, die bei Raketenbeschuss Unterschlupf bieten sollen. Auch jedes Haus in der Nähe des Gazastreifens muss mit einem Schutzraum ausgestattet sein.

Tückische Drachen

Seit dem Ausbruch der Proteste im Gazastreifen im März werden diese im Kibbuz wieder regelmäßig aufgesucht. Gerade einmal vier Kilometer trennen Vera Tals kleine Wohnung von dem Stacheldrahtzaun und den weißen Wachtürmen der radikalislamischen Hamas, die in Gaza regiert und sich ein neues Kampfmittel hat einfallen lassen: Dafür befestigen die Palästinenser Brandsätze oder Molotow-Cocktails an Drachen und schicken diese in Richtung Israel.

Zwar sind auf diese Weise noch keine Israelis verletzt worden, aber die daraus resultierenden Brände auf den Feldern vernichten ganze Ernten. Der letzte Regen fiel im Mai. In der Trockenheit breiten sich die Brände rasend schnell aus. Der Kibbuz wird täglich von neuen, dunklen Rauchschwaden umgeben. Hunderte abgebrannter Olivenbäume stehen symbolhaft für einen gescheiterten Friedensprozesses, auch wenn die Hamas Fortschritte bei Verhandlungen verkündet, die von Ägypten geleitet werden.

Aus Gaza kommen aber nicht nur Brandsätze und Raketen, sondern auch Palästinenser, die die Grenzübergänge nutzen, um in Israel zu arbeiten. Die Schutzräume wurden zum Großteil von palästinensischen Gastarbeitern gebaut. Das ist nur eine der vielen Widersprüchen im israelisch-palästinensischen Konflikt. „Das ist die Absurdität der Realität, wo nichts mit nichts zusammenpasst“, sagt Tal, die im Alter von 19 Jahren aus Wien nach Israel emigrierte, um Mitglied eines zionistisch-sozialistischen Kibbuz zu werden.

Während die Mitglieder dort selbstbestimmt leben, arbeiten und ihre Kinder aufziehen können, herrschen in Gaza Armut, Frust und Perspektivlosigkeit. Wassermangel und ständige Stromausfälle machen nicht nur der Bevölkerung zu schaffen. Krankenhäuser sind überfüllt und unterfinanziert. Um Waffenlieferungen zu unterbinden, blockiert Israel Schiffslieferungen nach Gaza. Die Grenze zu Ägypten ist geschlossen. Auch Israel schließt immer wieder die wenigen Grenzübergänge und blockiert so Lieferungen von Lebensmitteln, Medikamenten und Öl, um Druck auf die Hamas auszuüben und weitere Proteste, Anschläge und Angriffe zu unterdrücken.

Zwei Millionen Menschen fristen derzeit hier Leben auf dem gerade einmal 40 Kilometer langen Landstrich. Drei Viertel von ihnen sind Flüchtlinge oder deren Nachkommen, und fast die Hälfte von ihnen ist jünger als 14 Jahre. Ein Großteil der Menschen ist auf die Nahrungsmittel angewiesen, die das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten verteilt. Und trotzdem wächst die Bevölkerung rapide, was die Situation weiter anspannt. „Die Menschen in Gaza haben keine Chance auf ein normales Leben, es ist ein Gefängnis“, sagt Yariv Oppenheimer, der sich als politischer Aktivist in Israel für die Zwei-Staaten-Lösung einsetzt. Dass die Proteste in den nächsten Wochen aufhören werden, ist unwahrscheinlich. Zu desolat ist die Situation der Bewohner, die langsam begreifen, dass sich ihre Situation ohne einen Aufstand nicht ändern wird. „Solange die Proteste in Gaza ruhig und gewaltfrei waren, hat sich niemand dafür interessiert“, sagt Oppenheimer. „Die Bewohner mussten unbequem werden, damit die Welt nach Gaza blickt.“

Jeden Freitag kommen sie daher zu Tausenden an die Grenze, häufig werfen sie mit Steinen oder Brandsätzen und versuchen den Grenzzaun aufzuschneiden, um auf israelisches Gebiet zu gelangen. Sie fordern ihre Grundstücke zurück, die ihre Familien nach der israelischen Staatsgründung vor 70 Jahren räumen mussten.

Befeuert wurden die Proteste durch die Entscheidung Donald Trumps, die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem zu verlegen, das von beiden Konfliktparteien als Hauptstadt beansprucht wird. Seit März sind an dem Zaun nach Angaben der Gesundheitsbehörde in Gaza mindesten 210 Palästinenser von israelischen Soldaten getötet worden, Tausende wurden verletzt. Auch ein israelischer Soldat kam ums Leben.

Die Lage in Gaza prägt auch das Leben der Israelis an der Grenze. Während Kindergartenkinder in Deutschland den Ententanz lernen, geben hebräische Kinderlieder Anleitungen zum richtigen Verhalten bei Raketenbeschuss. Viele Kinder benötigen psychologische Betreuung, sie nässen ein, haben Schlafstörungen und Angstzustände.

Die Erwachsenen dagegen geben sich deutlich entspannter. Weder die Angriffe aus Gaza noch die vergangenen Kriege oder die Auswirkungen auf ihre Kinder können Vera Tal und ihre Nachbarn dazu bewegen, dem Leben an der Grenze den Rücken zu kehren. „Wir bleiben immer trotzdem hier“, sagt Tal. Trotz Krieg, trotz Dürre, trotz der Brandsätze und trotz der psychologischen Belastung und der physischen Bedrohung. Der Staat ist für seine jüdischen Bürger Heimat und Identifikation zugleich. Ihrer Ansicht nach kann sie nur Israel vor dem Antisemitismus schützen, der sie oder ihre Vorfahren einst zur Auswanderung gezwungen hat.

Die Lage spitzt sich weiter zu. Die Frage ist, wann sich Israel gezwungen fühlen wird zu handeln und wie die Antwort auf ein Problem ausfällt, dass die Regierung in Jerusalem seit Jahren versucht auszusitzen. Für Israel, so sagen einige Experten, ist warten die beste Strategie. Denn für einen Friedensschluss müsste das Land Einbußen zustimmen, in welchem Ausmaß auch immer.

Andere Experten sehen das Zögern kritisch, denn mit jedem Tag würden extremistische Kräfte in Gaza stärker. Für die Palästinenser ist die Lage eindeutiger: Abwarten ist unter den Umständen, unter denen sie leben müssen, wohl kaum eine Option.

Mehr von Aachener Nachrichten